Rudolf Schweizer sass im vergangenen Monat Dezember zwölf Mal auf dem Hochsitz im Wald. In zehn Fällen erblickte er Wildschweine. Nur ein einziges Mal drückte der Jäger im Raum Liestal ab und erlegte eine Sau. «Es ist dunkel wie in einer Kuh drin», sagt der Obmann der Schwarzwildkommission Jagd Baselland. Der Kanton erlaubt Nachtzielgeräte ausschliesslich auf dem offenen Feld. Im Wald erlaubt es die Sicht im Winter ohne moderne Technik oftmals nicht, die Tiere zu erkennen und zu bestimmen. Denn Wildschweinmütter sind zur Jagd nicht freigegeben.

Die schwierigen Jagd-Bedingungen im Wald erklären, weshalb die Baselbieter Jäger im vergangenen Jahr weit über 80 Prozent der Wildschweine auf offenem Feld erlegten. Über 1400 Abschüsse bedeuten im Kanton einen Allzeitrekord. Zum Vergleich: Im Winter 16/17 fanden die Wildschweine ausreichend Nahrung vor, liessen sich kaum auf den Feldern blicken. Die Abschusszahl der Baselbieter war folglich drei Mal tiefer als 2017/18. Nur 457 Sauen gelangen in die Fänge der Jäger.

Sauen adaptieren sich der Jagd

«Für eine effiziente Bejagung in der Nacht im Wald fehlen die notwendigen Bewilligungen zum Einsatz von Nachtzielgeräten», schreibt Schweizer nun im Jahresbericht der Jagd Baselland und sendet damit indirekt eine Forderung Richtung Kanton. Im Gespräch sagt der passionierte Jäger, es gebe keine plausible Erklärung, weshalb Nachtzielgeräte im Unterholz verboten seien.

Seit mehreren Jahren leiht der Kanton Baselland über eine Ausnahmebewilligung acht Nachtzielgeräte aus. Die Nachfrage nach den modernen Jagd-Hilfsmitteln ist gross. Im Oktober 2017 liess der Kanton Nachtzielgeräte mit jagdrechtlicher Bewilligung auch für den persönlichen Besitz zu. Das Wald-Verbot blieb bestehen. Viele Hobby-Jäger können sich die zwischen zwei- und fünftausend Franken teure Technik sowieso nicht leisten.

Trotzdem spielen die Nachtsichtgeräte bei der Jagd nach den intelligenten Wildschweinen mittlerweile eine tragende Rolle. Denn die Sauen gewöhnten sich in der Vergangenheit rasch an die lebensbedrohende Jagd. In einem relativ kurzen Zeitraum wandelte sich das Schwarzwild vom tag- zum nachtaktiven Lebewesen.

Vor zehn Jahren war die Jagd mit künstlichem Licht noch möglich. Heute wissen die Sauen, dass Licht für sie Gefahr birgt. Wie sehr Wildschweine sich an die Umgebung gewöhnen, zeigt das Beispiel Berlin. Dort leben rund 3000 Wildschweine, die nicht bejagt sind. Da sie keiner Gefahr ausgesetzt sind, lassen sich die Tiere tagsüber blicken. Anders im Baselbiet: Gemäss Rudolf Schweizer kämen die Wildschweine im Raum Liestal manchmal über Wochen nicht aus dem Wald. «Sie wissen, dass ihnen sonst Gefahr droht. Das ist auf die intensive Bejagung zurückzuführen», sagt Schweizer.

Nähern sich Jäger und Kanton an?

«Wir sind gegen den uneingeschränkten Einsatz von Nachtsichttechnik im Wald», sagt Holger Stockhaus, kantonaler Jagdverwalter. «Das Wild muss eine Möglichkeit haben, sich zurückzuziehen.» Und dieser Ort ist und soll der Wald bleiben. Aufgabe der Jagd sei es, die Bestände zu regulieren und Wildschäden zu vermeiden. Dazu genügt die Abwehr auf dem Feld, die ganzjährig gewährleistet ist, findet Stockhaus.

Schweizer will die Argumente des kantonalen Jagdverwalters nicht gelten lassen. «Die Wildschweine müssen im Frühling und Sommer auf dem Feld vergrämt, und ab Oktober auch im Wald herzhaft bejagt werden», sagt Schweizer. Für den Obmann der Schwarzwildkommission ist die Bejagung mit Nachtsichttechnik unbestritten die beste Methode. Schweizer plädiert dafür, den Wildschweinen von März bis Ende September im Wald Schutz zu gewähren und in dieser Zeit den Jagddruck auf den Feldern hochzuhalten. Nur mit intensivierter Wald-Jagd, könne der Schwarzwildbestand auf erträglichem Niveau gehalten werden, ist Schweizer überzeugt.

Rudolf Schweizers Vorschlag habe die Verwaltung in Gesprächen mit Jagdverband und Landwirtschaft letztmals vergebens eingebracht, sagt Stockhaus. «Offenbar gibt es da einen Wandel, den ich gerne zur Kenntnis nehme.» Zunächst bleibe die Trennung Wald - Feld bestehen. Der Kanton werde die Zulassung der Nachtsichttechnik aber immer wieder neu bewerten.

Als Alternative zu den Nachtzielgeräten sieht Stockhaus im Wald die Bewegungsjagden als probate Methode. Die Jagdform, bei der Hunde das Wild in Bewegung bringen, wird unter anderem im Kanton St. Gallen verstärkt eingesetzt. Das Problem: In der Schweiz gibt es kaum spezifisch auf Wildschweine geschulte Hunde. Denn die Ausbildungsmöglichkeiten fehlen noch.

Schweizer kennt das Problem. Zweimal verpasste eine Wildsau seinem Hund mit den Eckzähnen eine tiefe Wunde. «Es wäre toll, wenn schwarzwildaffine Hunde zur Verfügung stünden», sagt Schweizer. Berufstätige Jäger hätten aber nicht die Zeit, Hunde auszubilden.