Nimmt man alleine die Erreichbarkeit mit dem öV zum Massstab, dann ist Liestal der geradezu ideale Universitätsstandort in der Region Basel. Diese vom Reinacher Arealentwickler Hansjörg Fankhauser aufgrund eigener Berechnungen vertretene These hat viel Staub aufgewirbelt.

Die Zahl jener potenziellen Studierenden, die von ihrem Wohnort einen Standort innert 45 Minuten erreichen, ist für Liestal mit 33'400 Personen höher als für den Basler Petersplatz (29'800), wo das Kollegiengebäude steht, und ebenfalls höher als für die möglichen Uni-Standorte Muttenz und Münchenstein (26'300 resp. 25'000). Laut Fankhauser ist die Erreichbarkeit per öV einer der wichtigsten Faktoren für einen Uni-Standort.

Velos zu wenig berücksichtigt

Die These des Arealentwicklers sorgt allerdings auch für Kritik. Mit einem Vergleich zur Wahl der Ferien-Destination kommentiert ein Leser auf der bz-Website: «Niemand geht an den Vierwaldstättersee in die Ferien, nur weil seine Erreichbarkeit für einen Grossteil der Schweizer attraktiv ist.» Mit anderen Worten: Die Erreichbarkeit alleine sagt wenig aus über die Gunst eines Standorts. Überraschend positiv kommentiert man hingegen von studentischer Seite die Berechnungen des Arealentwicklers. Diese seien aufschlussreich, findet Giuliano Borter, Vizepräsident der Studentischen Körperschaft der Uni Basel (Skuba) und Jura-Student. «Je mehr Fakten wir kennen über die Auswirkungen eines Uni-Standorts im Baselbiet, desto besser.» Die Skuba stehe diesem Prozess offen gegenüber. Diese Aussage lässt aufhorchen: Als die bz im April 2016 die Pläne für einen Uni-Standort Liestal publik machte, missbilligte die Skuba diese Idee noch.

«Liestal ist für viele Studierende aus den Kantonen Baselland, Solothurn und Aargau ein sehr attraktiver Standort.» Die Tatsache, dass der Liestaler Bahnhof für Studierende per Velo und zu Fuss schlecht erreichbar sei, werde in den Überlegungen des Arealentwicklers allerdings zu wenig stark gewichtet, findet Borter: «Heute fahren viele Studierende in der Stadt mit dem Velo an die Uni. Sollte die Uni in Liestal eine Fakultät errichten, müssten viele auf den öV umsteigen – das kostet.»

«Es soll keinen Zwang geben»

Münchenstein oder Allschwil wären aus Sicht der Velofahrer besser zu erreichen als Liestal, gibt der Basler FDP-Grossrat und Novartis-Kadermann Stefan Mumenthaler zu bedenken: Die Erreichbarkeit sei eine der wichtigsten Kriterien für einen Uni-Standort. Die FDP sei offen für neue Standorte. Allerdings: «Die Uni soll entscheiden, wo sie unterrichten will – nach betriebswirtschaftlichen Kriterien. Es soll keinen Zwang geben.» Auch solle die Dezentralisierung der Uni nicht weiter vorangetrieben werden, findet Mumenthaler, der in der Interparlamentarischen Geschäftsprüfungskommission der Uni sitzt.

Ausgeklammert wird in der isolierten Betrachtung einzelner Standorte zudem die Nähe bestehender Uni-Institute zueinander. Dies sei ein Problem für Liestal und mögliche andere Uni-Standorte, das sich nicht ohne weiteres beheben lasse, sagt Skuba-Vizepräsident Borter. Denn: Um lange Reisezeiten von einer Vorlesung in der Stadt zu einer Seminarveranstaltung auf dem Land zu vermeiden, müsste möglichst eine abgeschlossene Einheit der Uni aufs Land zügeln – am besten eine ganze Fakultät. Muss als Folge in Liestal die gesamte dazu nötige Infrastruktur aufgebaut werden, so führt dies möglicherweise zu teuren Leerständen. Grosse Hörsäle würden sich kaum von einer einzelnen Fakultät wirtschaftlich betreiben lassen, ist Borter überzeugt. Deshalb finden viele grossen Vorlesungen zentral im Kollegiengebäude am Petersplatz statt.

Lea Steinle, Grossrätin des Grünen Bündnisses, sagt gleichwohl: «Für ein einzelnes Institut kann ein Standort in Liestal durchaus Sinn machen. Wenn der Baselbieter Hauptort mehr von der Uni spüren würde, wäre das nicht schlecht. Im Übrigen sei auch Liestal gut per Velo erreichbar, findet Steinle. Sie wäre allerdings froh, wenn es nicht ihr Institut wäre, das zügeln müsse, betont die an der Uni tätige Biologin.

Liestal wird noch attraktiver

Den ebenfalls oft gehörten Einwand, in Liestal fehle den Studierenden das kulturelle und gastronomische Umfeld, relativiert der Skuba-Vizepräsident. «Hauptsache ist, dass gute Verpflegungsmöglichkeiten in den Pausen vorhanden sind – diese Bedingung sehen wir in Liestal gewährleistet.» Für die kulturellen und sozialen Aktivitäten sei das Angebot in der Stadt Basel gross.

Schliesslich spricht auch der Aescher SP-Landrat und Geografiestudent Jan Kirchmayr von «sehr interessanten Berechnungen». «Sie bestätigen: der Bahnhof Liestal ist ein sehr attraktiver Standort – und er wird in Zukunft mit Einführung des Viertelstundentakts bei der S-Bahn und anderen Bahn-Ausbauprojekten noch attraktiver.» Schliesslich basierten die Berechnungen auf dem Ist-Zustand der öV-Verbindungen und Fahrpläne. Allerdings: Spätestens mit dem Bau des Herzstücks der Regio-S-Bahn werden auch innerstädtische Standorte wie der Petersplatz wieder attraktiver. Dann fährt ein Baselbieter Student ohne Umsteigen von Sissach an den Marktplatz in die Nähe der Uni.

Kirchmayr weist noch auf eine Unschärfe in den Berechnungen hin: Die Tatsache nämlich, dass einige Studierende offiziell ihren Wohnsitz bei den Eltern auf dem Land haben, de facto aber unter der Woche in einer WG oder Wohnung in der Stadt leben. «In der Realität dürften städtische Standorte etwas attraktiver sein als dargestellt.» An der grundsätzlichen Aussage ändere sich dadurch aber nichts, ist er überzeugt.