Die lateinische Sprache, bis vor 20 Jahren unbestrittenes Kernfach an den Gymnasien, hat im Baselbiet einen schweren Stand. Dramatisch ist die Situation in Laufen, dem kleinsten Gymnasium im Kanton: Für das Schuljahr 2014/2015 gingen gerade einmal zwei Anmeldungen für das Schwerpunktfach Latein ein – zu wenig, um das Fach im ersten Jahrgang anbieten zu können. Anwendungen der Mathematik wählten sieben künftige Laufner Gymnasiasten, Spanisch acht, Bildnerisches Gestalten zwölf. Die beliebtesten Fächer in Laufen sind Biologie/Chemie mit 16 sowie Wirtschaft und Recht mit 23 Anmeldungen. An den anderen vier Baselbieter Gymnasien präsentiert sich praktisch dasselbe Bild.

Gym Liestal bildet die Ausnahme

Bereits vor Jahresfrist zählten die Laufner Verantwortlichen zu wenig Anmeldungen, um einen Latein-Jahrgang zu führen. Tritt keine Wende ein, droht die europäische Ursprache am Gym Laufen aufs Schuljahr 2015/2016 auszusterben, bestätigt Rektor Isidor Huber. An den anderen Gymnasien ist Latein kaum beliebter; nur dank grösserer Schülerzahlen gelingt es dort, das Angebot aufrechtzu-erhalten. Ende 2012 machten am Gym Münchenstein bloss sechs von 160 Schülern einen Abschluss in den Alten Sprachen Latein und Griechisch; in Muttenz waren es acht von 190, in Oberwil drei von 146.

Ausnahme ist das Gym Liestal: Dort machten 2012 immerhin 32 der 208 Maturanden einen Latein-Abschluss. Die Erklärung ist simpel: Den beliebten Immersionsunterricht mit Geografie, Geschichte, Mathematik und Biologie auf Englisch gab es lange nur in Kombination mit den Alten Sprachen. Mittlerweile ist der Immersionsunterricht auch für Schüler mit anderen Schwerpunkten zugänglich. Prompt habe die Zahl der Lateiner abgenommen, sagt Rektor Thomas Rätz. Ab kommendem Schuljahr führt selbst das grosse Gym Liestal nur noch eine halbe Klasse mit Lateinern.

So wie sich das Latein vor Jahrzehnten aus der katholischen Kirche verabschiedet hat, verschwindet es nun aus den Schulen. Doch weshalb? Die Baselbieter Gym-Rektoren sind sich einig: Eine grosse Rolle spiele, dass die Schweizer Unis Fach um Fach das Latein-Obligatorium «wegkonkurrenziert» hätten. Weshalb noch Latein lernen, wenn es als «Eintrittsticket» für die Uni nicht mehr benötigt wird? Umgekehrt treiben solche Nutzenüberlegungen die Schüler vermehrt in die Schwerpunktfächer Wirtschaft und Recht sowie Biologie und Chemie. «Viele Jugendliche wollen subito brauchen können, was sie im Gym gelernt haben», so Isidor Huber, Rektor in Laufen. Das durch Latein vermittelte Wissen gilt in diesem Kontext als unnütz.

Kulturpessimismus nicht angezeigt

Der Niedergang des Lateins wird von den Rektoren unterschiedlich bewertet. Isidor Huber bedauert die Entwicklung – und zwar nicht «nur», weil Latein das Fundament für das Verständnis vieler Sprachen bilde. Er lobt zudem den interdisziplinären Ansatz des Latein-Unterrichts, der auch (kultur-)geschichtliches Wissen vermittle und das logische Denken fördere. Demgegenüber fordert Ulrich Maier, Rektor in Muttenz, die schwindenden Latein-Schülerzahlen pragmatisch zu beurteilen und nicht in Kulturpessimismus zu verfallen. «Ich kann nachvollziehen, dass viele Jugendliche jenes Schwerpunktfach wählen, das sie für zukunftsträchtig halten.» Maier hat einst selbst eine Latein-Matur absolviert und mag das Fach. Es könne aber nicht alleine am Latein hängen, kulturhistorischen Hintergrund zu vermitteln, findet er.

Wie geht es mit dem Latein im Baselbiet weiter? Die Gymnasien Münchenstein und Muttenz beobachten jüngst eine Stabilisierung auf tiefem Niveau. Reinhard Straumann, Konrektor am Gym Münchenstein, verweist auf die Renaissance in deutschen Bundesländern: «Latein ist dort mit sozialem Prestige verbunden und gilt als chic.» Gut möglich, dass die derzeitige Baisse auch Modeströmungen unterworfen ist – und es somit in einigen Jahren wieder aufwärtsgeht.