Geschichte wiederholt sich nicht. Das weiss auch Giorgio Lüthi (CVP), Gemeindepräsident von Münchenstein.

Trotzdem sagt Lüthi, dass sein Stichentscheid Ja lauten würde bei der Abstimmung über die Einführung des Einwohnerrats im Juni. Walter Banga, Lüthis Vorgänger, tat vor acht Jahren genau das Gegenteil: Er stimmte an der Gemeindeversammlung im März 2006 gegen ein Gemeindeparlament. Der präsidiale Stichentscheid war es, der verhinderte, dass überhaupt auf das Geschäft eingegangen wurde.

Zuvor hatten die Stimmbürger in der Kultur- und Sporthalle Bruckfeld (Kuspo) über das Eintreten abgestimmt. 130 zu 130 stand es - der Stichentscheid Walter Bangas brachte die Vorlage zu Fall, bevor sie überhaupt diskutiert werden konnte. Die Gemeindeversammlung wurde nicht durch ein Parlament ersetzt. Die Unterlegenen lancierten eine Volksinitiative; auch sie war chancenlos.

Die Geschichte wiederholt sich vielleicht doch. Am 19. Juni wird das Kuspo wieder gut gefüllt sein. Wieder muss davon ausgegangen werden, dass jemand eine Abstimmung über das Eintreten verlangt. Und wieder ist mit einem äusserst knappen Ausgang zu rechnen.

Mobilisierung entscheidet

Nur steht dieses Mal der Gemeinderat mehrheitlich hinter dem Geschäft. Dazu Lüthi: «Ich bin mir sicher, dass es mit einem Einwohnerrat besser läuft. Ich erhoffe mir eine Versachlichung der politischen Kultur.» Diese Einschätzung freut Daniel Altermatt. Der Grünliberale hatte im Dezember den Antrag auf Einführung eines Einwohnerrats gestellt - wie schon 2006. Ob es dieses Mal für eine Mehrheit reichen wird, darüber ist er sich aber nicht so sicher. «Es wird extrem von der Mobilisierung abhängen», sagt er auf Anfrage. «Und da ist Nein tendenziell im Vorteil.» Sein Tipp, rund drei Wochen vor der Abstimmung: fifty-fifty.

Ebenfalls mit einem äusserst knappen Ausgang rechnet Adil Koller. Der Sozialdemokrat (20) bildet zusammen mit dem 23-jährigen Filip Winzap von der BDP das Münchensteiner Jugendkomitee «The Next Generation». Das Duo organisierte unter anderem eine rege besuchtes Podium über die Vor- und Nachteile des Einwohnerrats.

Koller hofft auf ein volles Kuspo: «Es ist doch gut, wenn möglichst viele Münchensteinerinnen und Münchensteiner die Gelegenheit wahr nehmen, über das Geschäft zu diskutieren. Wir möchten weiterhin eine sachliche Debatte und einen breit abgestützten Volksentscheid.»

36 Sitze geplant

Mittlerweile ist auch bekannt, wie der Einwohnerrat aussehen würde: 36 Sitze sind geplant. Damit wäre er der kleinste im Baselbiet: Die fünf bestehenden in Allschwil, Binningen, Liestal, Reinach und Pratteln haben alle 40 Abgeordnete. Der Münchensteiner Einwohnerrat, der 1972 seine Arbeit aufnahm und 1979 per Volksentscheid wieder abgeschafft wurde, hatte 40 Sitze.

Der Gemeinderat bezeichnet es im Ratschlag als «gewisse Herausforderung», genügend Interessierte für den Einwohnerrat zu gewinnen. Mit der vorgeschlagenen Grösse sollte es jedoch möglich sein. Antragsteller Altermatt wie auch «The Next Generation» sind mit der vorgeschlagenen Zahl Sitze einverstanden. Definitiv entscheiden wird die Versammlung.

Keinen Einfluss hat die «Gmeini» auf den Aufwand, den ein Einwohnerrat verursacht. Der Gemeinderat rechnet mit jährlich wiederkehrenden Kosten in der Höhe von 171 000 Franken; er bezog sich dabei auf andere Gemeinden. Im Einführungsjahr läge der Betrag etwas höher. Zieht man die rund 30 000 Franken, welche die Gemeindeversammlung kostet, ab, so kommt ein Ratsbetrieb die Stimmbürger rund 140 000 teurer zu stehen als die heutige Lösung.

Initiative möglich

Nimmt die Gemeindeversammlung den Einwohnerrat an, kommt es zum obligatorischen Referendum. Doch auch bei einer Ablehnung wird das Volk an der Urne das letzte Wort haben: Es ist davon auszugehen, dass eine Unterschriftensammlung für eine Initiative lanciert wird - also genau gleich wie 2006. Geschichte wiederholt sich also doch. Zumindest diese.