Pulverdampf liegt über dem Stedtli. Es knallt im Minutentakt. Erste leere Bierflaschen stehen kurz nach Sonnenaufgang auf den Tischen. Rund 1000 Männer strömen in die Rathausgasse. Der Maien – die Blumendekoration am Hut – bringt Farbe ins Liestaler Stedtli. Eine Frau läuft herbei und bemerkt: Die Gehörschutzpfropfen vor dem Landratshaus sind alle. Mit enervierter Miene umläuft sie die Hauptachse. Es knallt. Am Eingang zur Altstadt begrüssen sich die Bürger und Tschamauchen, die Einwohner Liestals, herzlich.

Banntag in Liestal

Banntag in Liestal 2018

Geradezu der höchste weltliche Feiertag der Liestaler Männer und Kinder ist der Banntag: Am Montag vor Auffahrt schreiten sie – akustisch begleitet von Trommel- und Pfeiferklängen sowie vom Knallen aus Vorderladern und Guidenpistolen – in vier Rotten die Stadtgrenze ab.

Es ist nicht ein Tinnitus. Die Ave-Maria-Glocke im Törli bimmelt und kündigt den Abmarsch an. Alsbald lösen sich die Kameraden-Grüppchen auf, um sich in ihre Rotten einzureihen. Der Liestaler Mannentag ist lanciert. Zum 613. Mal, wie die Banntägler gerne und immer wieder betonen. Tradition ist ihr Trumpf, die Geschichte legitimiert das Brauchtum, an dem sie hängen.

Banntag in Liestal: Ausmarsch aus dem Stedtli

Banntag in Liestal: Ausmarsch aus dem Stedtli

Zu Trommel- und Piccoloklängen verlassen die erste und zweite Rotte das Stedtli über die Sichternstrasse. Erst ist der Stock auf der rechten Schulter. Bald dient er auf der Asphaltstrasse Richtung Westen als Gehhilfe. Einst marschierten die vier Rotten zum Stedtli hinaus, um durch Feld und Wald die Gemeindegrenzen – den Bann – abzuschreiten. In den Rotten kümmert sich heute niemand mehr für die Position der Grenzsteine. Wie der Bürgerrat in seiner Einladung schreibt, ist der moderne Banntag dafür da, die Heimatliebe zu erhalten und Kameradschaften aufzufrischen.

Am Ende der ersten Rotte gehen Felix Veith, Sohn Cedric und ihre Freunde John Aharn und Jacques Samson. Der Liestaler Architekt bewegt sich im Dialog mit seinen Gästen zwischen Englisch und Französisch. Aharm stammt von der Westküste Irlands, Samson reiste aus Kanadas Metropole Montreal in die Schweiz. Veith lernte beide bei der Arbeit an andern Ecken dieser Welt kennen. Als Architekt war er viele Jahre in Südamerika, später in Südostasien unterwegs. Sohn Cedric arbeitet in Thailand in der Hotellerie und befindet sich gerade im Urlaub. Gemeinsam lauscht das Quartett dem Baselbieter Lied und singt mit.
«Drumm hei m’r au keis Land so lieb wie euses Baselbiet.»

Banntag in Liestal

Banntag in Liestal

John Aharn ist «impressed». In Irland gäbe es auch keltische Brauchtümer, aber dieser traditionelle Banntag erscheint ihm einzigartig. «In Irland wäre dies undenkbar. Die Frauen würden nackt hier hochlaufen und einen eigenen Banntag fordern», sagt der Ire. Rottenmeister Nils Henn hatte in der «Schweiz am Wochenende» bekräftigt, Frauen müssten ausgeschlossen bleiben: «Frauen würden den Banntag komplett verändern und ihm seine Ungezwungenheit nehmen.» Henn sagte jedoch auch, er würde den Frauen einen entsprechenden Anlass gönnen.

Banntag 2018

Znünizit. Auf dem Muni angelangt klirren die Muffen. Vier Deziliter gespritzten Wein im hohen Glas. Dazu Schüblig, dann Studentenschnitten. Und noch eine Muffe. Beim Appell kratzt die Stimme des Chargierten, alle 262 Banntägler ruft er mit Namen auf. Gegen zwölf Uhr beginnen die Flieder und Tulpen an den Hüten zu welken. Der Lärmpegel steigt.

«Ihr könnt euch vorstellen, was meine Aussagen zur Frauenfrage ausgelöst haben», sagt Henn bei der traditionellen Ansprache auf dem Podest. «Ich schlafe jetzt beim Kater im Büro.» Die erste Rotte grölt. Henn zückt das Handy und liest eine Nachricht vor. «Lieber Nils, ich freue mich auf den Rottenschuss vor meinem Fenster um 6 Uhr morgens. Esther Maag, Chefin der 5. Rotte in Ausstand.» Die Rotte grölt und trinkt noch eine Muffe.