Bizarr ist die «Allschwil Posse» auch an sich. Die beiden Mitglieder rappen zwar in täuschend echt tönendem Baseldeutsch, stammen in Wirklichkeit aber aus Zürich und Bern - und mit dem 1994 als Jux ins Leben gerufenen Projekt wollten sie «nur» die Basler Hip-Hop-Szene auf die Schippe nehmen. Es wurden drei Alben daraus.

Grund genug, MC Folio und VR Horny alias Boni Koller und Bubi Rufener an den Ort einzuladen, der den Namen für ihren Etikettenschwindel gegeben hat. MC Folio alias Boni Koller, auch bekannt als Gitarrist von «Baby Jail», sagt zu.

Wir treffen den Zürcher vor der Gemeindeverwaltung. Weil es regnet, flüchten wir in die nahe Post. Im Postfächer-Raum werden wir von Passanten ängstlich beäugt - stilecht für den primitiven Vorstadt-Rapper, den Boni Koller mimt.

Boni Koller, «Allschwil Posse» wird 2014 zwanzig Jahre alt. Euer letztes Album «Easy Rider» kam 2006 heraus. Wann erscheint ein neues?

Boni Koller: In einem halben Jahr. Das sagen wir immer, wenn wir danach gefragt werden: in einem halben Jahr!

Eure Texte wurden vor allem zu Beginn ernst genommen. Im Lied «Summer» verherrlicht ihr Drogen und Gewalt. Dann wurde es verboten ...

(unterbricht) Was heisst verboten? Es wurde einfach nicht mehr gespielt im Radio. Aber das passiert ja den meisten Songs von unbekannten Bands - dafür muss man sie nicht extra verbieten (lacht). Aber es stimmt: «Summer» lief ein paar Mal auf dem damaligen DRS 3. Dann haben Leute angerufen, so was dürfe man doch nicht spielen.

Am Anfang geschah es häufig, dass man euch für voll nahm. Auch in meinem Freundeskreis war am Anfang nicht klar, wie ihr «es» meint.

Das passiert heute noch ganz, ganz selten. Zum Beispiel, wenn wir an einem Dorffest als ernsthafte Hip-Hop-Band angekündigt werden und «Fraue über zwanzig schmecke ranzig» singen. Dann kann es schon vorkommen, dass eine 21-Jährige beleidigt ist und «Buh!» schreit. Oder wenn ein Rentner zufällig ein Lied von uns hört, dann fällt ihm vielleicht schon die Pfeife aus dem Mund.

Was ist eure Botschaft? Geht es wirklich nur darum, zu provozieren, zu irritieren?

Allschwil Posse ist aus einem Witz entstanden. Wir haben die Anti-Drogen-Kampagne von den Basler Hip-Hoppern «P27» und «Black Tiger» mitbekommen. Aus der Ferne fanden wir das unfreiwillig komisch. Dann haben wir «Summer» geschrieben und später noch ein paar weitere Songs, damit es für eine CD reicht.

Warum ausgerechnet Allschwil?

Wir haben einen Bandnamen gesucht. Es musste in der Abkürzung «RAP» ergeben. Zuerst nannten wir uns «Revolting Agglo Posse». Ich dachte, es ist noch viel besser, wenn wir einen existierenden Ort nehmen. Allschwil ist natürlich ein Glücksfall.

Wieso Glücksfall?

Das Wort ist gut. «Schwul» klingt auch noch ein bisschen mit, einfach super! Als harte Gangsterrapper sind wir ja latent schwulenfeindlich - aus Angst, eine schwule Seite an uns selber zu entdecken.

Ihr wart vorher nie hier?

Nein. Ich habe Allschwil auf der Karte gefunden. Und ich bin davon ausgegangen, dass das eine triste Agglo ist, mit Plattenbauten und so weiter. Aber dann haben wir sehr schnell einmal gehört, dass das gar nicht der Fall ist. Allschwil sei so eine fast schon idyllische Gemeinde, mit Riegelbauten und viel Grün.

Die Wirkung war fast noch besser.

Ja, die Ironie wurde noch verstärkt. In der Schlafstadt herrscht unendliche Langeweile, gerade für Jugendliche. Da kommt man auf dumme Ideen. Ich bin in Zürich Wollishofen aufgewachsen, ich kenne das.

Wie habt ihr ein so gutes Baseldeutsch hinbekommen?

Die Mutter meines Bühnenpartners Bubi ist Baslerin. Der hat das mit der Muttermilch aufgesogen. Und ich konnte als Kind die Platten von Alfred Rasser auswendig, etwa den «HD Läppli». Ausserdem habe ich sechs Jahre in Basel gearbeitet, bei DRS 3 auf dem Bruderholz. Ich weiss also, dass es kein unmoralisches Angebot ist, wenn die Verkäuferin in der Bäckerei fragt: «Wänn Sie none Gugge (Joint, Anm. d. Red.) zum Schwööbli?».

Die lokalen Hip-Hopper reagierten nicht erfreut über die «falschen» Basler Rapper. Mehrfach wurde euch Prügel angedroht, war zu lesen.

Das haben wir auch gehört. Immer von jemandem, der das von jemand anderem gehört hat. Passiert ist nie etwas. Allerdings muss man wissen, dass sich die Rap-Szene damals furchtbar ernst nahm. Da war nicht viel mit Selbstironie und Humor.

Was macht ihr eigentlich gerade? Ich meine die Figuren aus der Allschwil Posse.

Wir sind beide erfolgreiche Drogendealer. Wir sind die Chefs. Wir sind zwei Arschlöcher, die nichts können, aber allen gute Ratschläge geben. (Er wechselt von Zürich- ins Baseldeutsch). Wir haben Eier bis an den Boden.

In den Nuller-Jahren kamen im deutschsprachigen Raum Rapper wie Sido oder Aggro Berlin auf. Deren Texte sind so primitiv wie diejenigen der Allschwil Posse zehn Jahre zuvor - aber sie meinen es ernst. Was sagt ihr dazu?

Als Allschwiler Gangster gehen uns solche Milchgesichter einen feuchten Dreck an. Die wissen doch nicht einmal, wo bei Mami der Bart wächst! Im richtigen Leben würde ich die nicht so pauschal beurteilen. Zum Beispiel bei Sido vermute ich durchaus eine Prise Ironie.