Nachdem die Familie bereits im April 2011 mit 500 Franken und vergangenem November mit 2500 Franken gebüsst wurde, weigert sich der Vater B.D. weiterhin, seine Tochter ins Schwimmen zu schicken. Selbst eine Betreibung (bz von gestern) ändert daran nichts.

Der Vater riskiert eine Pfändung

Für die Bussen kommt bis jetzt der Riehener Unternehmensberater Johannes Czwalina auf. In einem Schreiben an ihn, das der bz vorliegt, bekräftigt die Muttenzer Schulratspräsidentin Edith Lüdin: «Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass mit der Bezahlung der Busse die Verpflichtung für den Besuch des Schwimmunterrichts nicht hinfällig wird.» Sie fügt an, dass der Schulrat weitere Bussen aussprechen werde, bleibe das Mädchen weiterhin dem Schwimmen fern.

Der Schulrat darf Bussen von bis zu 5000 Franken aussprechen. Das ist für den Vater, der als Lagerarbeiter 4400 Franken im Monat verdient und damit auch für seine Frau und seine fünf Kinder aufkommen muss, unbezahlbar. Lüdin erklärt, dass die Strafen einkunftsunabhängig erhoben werden, und dass eine weitere Busse nicht unter 2500 Franken sein wird. Hinzu kommt, dass B.D. älteste Tochter nun auch nicht mehr in den Schwimmunterricht darf.

Die 13-Jährige ging bisher im Burkini in den getrennten Unterricht. Da sie nun in die Pubertät kommt, will der Vater nun auch sie dispensieren lassen. Lüdin stellt klar, dass auch diese Tochter weiterhin ins Schwimmen gehen muss, sonst müsse der Schulrat auch dieses Vergehen ahnden.

Die Drohungen lassen B.D. jedoch kalt. «Meine Kinder sind mir wichtiger als alles andere», betont er und meint damit nicht anderes, als dass er nichts bezahlen wird und sogar Pfändungen durchs Betreibungsamt in Kauf nimmt. Den Verlust der Aufenthaltsbewilligung riskieren er damit nicht, denn die Familie hat den Schweizer Pass.

Auch Czwalina zeigt sich kämpferisch: «Ich werde die Kirchen, die Öffentlichkeit und die Politik einschalten und notfalls vor Bundesgericht oder vor den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof ziehen.»

Die Schulpräsidentin wehrt sich gegen Vorwurf

B.D. und Czwalina sind über die «unmenschliche Haltung» des Schulrates empört, weil dieser mit keinem Wort auf die Gewissensnot der muslimischen Familie eingehe. «Es geht nicht an, dass Schamgefühle kriminalisiert werden», schimpft Czwalina. Man müsse zwischen unschädlicher religiöser Befindlichkeit und destruktiver religiöser Radikalität unterscheiden. Aber: «Frau Lüdin versteckt sich hinter Paragrafen um Stimmung gegen Muslime zu machen», sagt Czwalina.

Die Schulratspräsidentin wehrt sich vehement gegen diesen Vorwurf: «Es ist mir egal, welche Religion, Haar- oder Hautfarbe jemand hat.» Aufgrund der Handreichung des Regierungsrates könne sie keine Dispensationen erteilen. Und sie stellt klar, dass das für alle gilt und nicht nur für Muslime.

Kanton berücksichtigt Religion

Czwalina hingegen ist überzeugt, dass Lüdin nach ihrem Ermessen eine Ausnahme machen könnte. Auch dies bestreitet die Schulratspräsidentin. In der Handreichung, auf die sich Lüdin bezieht, steht unter dem Punkt Schwimm- und Sportunterricht: «Dispensationen vom Schwimmunterricht können gewährt werden, wenn Schülerinnen und Schüler die Geschlechtsreife erlangt haben und der Schwimmunterricht geschlechtergemischt erteilt wird.

Für den Besuch von geschlechtergetrenntem Schwimmunterricht werden keine Dispensationen gewährt.» Darüber hinaus werden Empfehlungen aufgelistet, die explizit auf religiöse Empfindlichkeiten, wie beispielsweise Schamgesetze, eingehen. Ganzkörper-Schwimmanzüge oder abgetrennte Umziehkabinen sind nur zwei Beispiele.

Das ist dem strenggläubigen Vater zu wenig, der nicht versteht, warum er seine Töchter nicht auf eigene Kosten in den privaten Schwimmunterricht schicken darf. Lüdin, die nach mehreren Gesprächen mit B.D keine Alternative zu Bussen sieht, lässt nun mögliche weitere Sanktionen rechtlich prüfen. Wie es aber genau weitergehen soll, wisse auch sie nicht.

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