Frau Stohler, bedeutet der Rücktritt aus dem Landrat das Ende Ihrer politischen Karriere?

Myrta Stohler: Das eine oder andere werde ich schon noch übernehmen – anscheinend lässt mich die Politik nicht los. Und was heisst schon genau «politisch»? Sicher nicht los lässt mich das Thema Alter. Aber ich freue mich auch, mehr Zeit für meinen Enkel zu haben.

Sie gelten als sanfte SVPlerin. Wie goutieren Sie die manchmal aggressive Politik ihrer Partei?

Oft musste ich bei Landratsentscheiden einen Spagat machen. Als Gemeindepräsidentin schlug mein Herz für die Gemeinden, als Landrätin hatte ich kantonale Probleme zu lösen, und dann gab es noch eine Fraktion, die gewisse Erwartungen an mich hatte. Mit meiner Partei stimmte ich meistens überein, aber manchmal politisierte sie für mich zu hart rechts. Ich strebte immer gute Lösungen für die Gemeinden an, im Landrat auch für den Kanton. Extreme Lösungen sind aber nicht immer die besten, ich gehe lieber Kompromisse ein.

In über zehn Jahren im Landrat haben Sie gerade mal drei Vorstösse eingereicht. Wieso so wenige?

Oft machte ich mir daheim Überlegungen zu einem Thema, über das ich mich aufregte, und wollte darüber im Landrat einen Vorstoss einreichen. Doch dann stellte ich fest, dass die Antworten zu meinen Fragen bereits irgendwo in einem Dokument stehen. Wenn ich etwas im Kopf habe, schlafe ich zuerst darüber und überlege mir, ob ich wirklich etwas daraus machen soll. Mir war immer wichtig, die Verwaltung nicht unnötig zu beschäftigen.

Es sind einige Vertreter von Gemeinderäten im aktuellen Landrat. Ist die Stimme der Gemeinden beim Kanton genug deutlich?

Das abgelehnte Gemeindegesetz hat gezeigt, dass sich die Gemeindevertreter nicht einig sind. Oft ist im Landrat die Parteizugehörigkeit wichtiger als das Interesse der eigenen Gemeinde. Ich frage mich, ob sich die Gemeindevertreter dann noch daran erinnern, was sie mal an der Tagsatzung der Gemeinden mitbeschlossen haben. Der Kanton besteht nun mal aus 86 Gemeinden, Rechts und Links müssen ihre Interessen bündeln, und zwar bevor der Landrat Gemeinderelevantes entscheidet.

Das Baselbiet gilt als zentralistischer Kanton. Kann man als Gemeindevertreterin im Landrat überhaupt etwas bewegen?

Im Grunde genommen ist diese Arbeit frustrierend. Aber wenn man die Gemeinden eine Liste erstellen lässt, welche Aufgaben sie selber ausführen wollen, dann wird sie nicht lange. Die Gemeinden haben dann doch zu viel Angst, Aufgaben zu übernehmen. Das Gemeindegesetz würde es zum Beispiel zulassen, dass die Gemeinden das Bauwesen selber durchführen. Für solche Sachen wären eben Regionen sinnvoll. Leider kamen im abgelehnten Gemeindegesetz im Oberbaselbiet zu grosse Regionen zustande. 35 Gemeinden und ein Bauverwalter, das geht eben nicht.

2014 wurden Sie aus dem Blauen heraus Landratspräsidentin. Wie lange zögerten Sie?

Ich hatte nicht lange Zeit, die SVP musste über ein Wochenende einen Namen nennen. Ich hatte vorher nie die Ambition auf ein solches Amt gehabt und sah, dass ich unglaublich viel Zeit investieren musste. Das entsprach dann auch dem, was ich im Amt erlebte: Es war sehr aufwendig.

Sie verzichteten auf Ihren Beruf als Kindergärtnerin und konzentrierten sich auf Ihre Ämter – eine gute Voraussetzung, um Politik zu betreiben?

So lässt sich die Arbeit in der Politik sicher gut bewältigen. Man ist in der Politik immer umgeben von Leuten, die im Arbeitsleben eingebunden sind. Wenn man als Präsidentin eines kleinen Dorfs wie Diegten alle Dokumente lesen will, braucht das unheimlich viel Zeit. Daneben hatte ich eine Familie und ein Haus – ich wüsste gar nicht, wie ich daneben einer Erwerbsarbeit hätte nachgehen können.

Man sagt, hinter starken Männern steckt immer eine starke Frau. War es bei Ihnen umgekehrt?

Auf jeden Fall. Ich konnte immer davon ausgehen, dass mein Mann einen Lohn hat. Deshalb konnte ich es mir leisten, selber keinen heimzubringen. Mein Mann war damit einverstanden, mir den Rücken zu stärken – und dass ich abends oft nicht daheim war.