Sie war da, als ihre Partei sie brauchte. SVP-Landrätin Myrta Stohler übernahm Mitte November das Landratspräsidium von ihrer unter dem Druck der Öffentlichkeit zurückgetretenen Parteikollegin Daniela Gaugler. Bereits siebeneinhalb Monate später ist ihr «Jahr» als höchste Baselbieterin wieder vorbei. Heute setzt sich die Diegterin zum letzten Mal auf den prominentesten Platz im Landratssaal.

Frau Stohler, stört es Sie, dass Sie kein komplettes Jahr an der Spitze des Kantons stehen konnten?

Myrta Stohler: Nein, das war für mich kein grosser Unterschied. Zieht man die Sommer- und die Herbstferien 2014 ab, habe ich gar nicht so viel verpasst.

Gleichwohl kamen Sie unter schwierigen Umständen zu diesem prestigeträchtigen Amt. Sie sagten damals, dass Ihnen der Entscheid nicht leicht gefallen ist. Bereuen Sie den Schritt?

Ich bereue gar nichts. Auch rückblickend war es ein guter Entscheid, das zeigen mir auch die vielen positiven Rückmeldungen aus allen Fraktionen.

Nach dem unschönen Rücktritt von Daniela Gaugler hatte man aber auch hohe Erwartungen an Sie ...

Natürlich war Druck da. Und es war schon eine Herausforderung für mich, da ich nicht wusste, wie es herauskommt. Ich wollte einfach kein weiteres Skandälchen. Deshalb habe ich zum Beispiel bei den zahlreichen Apéros extra wenig Alkohol getrunken. Es war mir wichtig, den Kanton Baselland würdig zu repräsentieren. Aber ich blieb immer ich, verstellte mich nicht. Das war mein Plan. Und er ging auf.

Daniela Gaugler hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Haben Sie sie noch einmal getroffen?

Nur zufällig an einem Anlass, an den ich als Landratspräsidentin eingeladen war. Sie wünschte mir alles Gute für meine Amtszeit.

Hatte sie da die Kritik, die sie wegen ihrer dubiosen Geschäfte einstecken musste, schon verdaut?

Für Daniela Gaugler war es schon nicht einfach, sich so schnell und abrupt von ihrem Amt zu verabschieden. Schliesslich hatte sie sich sehr darauf gefreut. Für mich war es aber auch nicht optimal, immer auf sie angesprochen zu werden, denn nach meiner Wahl wollte ich eigentlich nach vorne schauen.

Zumindest in den Augen der «Schweizer Illustrierten» schüttelten Sie diese Last aber gut ab. Die Zeitschrift wählte Sie Ende April in den Kreis der 100 Frauen aus beiden Basel, die die Region geprägt haben. Geführt werden Sie unter dem Kapitel «Lokalfürstinnen» ...

Als Fürstin fühle ich mich nicht. Aber durch das Landratspräsidium wurde ich vom Volk tatsächlich stärker wahrgenommen. Viele Menschen kannten mich noch gar nicht. Sie schätzten aber sehr, wenn ich an ihre Anlässe kam. Die eigene GV ist für einen Turnverein genau gleich wichtig wie der Neujahrs-Apéro für die Handelskammer beider Basel. Deshalb hatte ich mir auch explizit vorgenommen, möglichst viele der offiziellen Einladungen anzunehmen. Insgesamt dürften es rund 120 Anlässe gewesen sein.

Welcher Anlass ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Als ich die parlamentarische Gruppe der Nordwestschweiz besuchte, sagten sie mir, dass noch kein Landratspräsident zuvor ihre Einladung wahrgenommen hätte. Das hat mich schon erstaunt. Dementsprechend haben sie sich sehr gefreut. Zudem habe ich extra viele Anlässe von Jugendlichen und Kindern besucht. Das war mir wichtig.

Vor ihrem Amtsantritt steckten Sie sich das Ziel, wieder mehr Ruhe in den Ratsbetrieb zu bringen. Wie lautet nun ihr Urteil?

Das ist mir gelungen. Von links bis rechts habe ich entsprechendes Feedback erhalten. Überhaupt hatte ich keine Mühe damit, die Sitzungen zu leiten. Ich musste mich nur sehr konzentrieren, jedem Votanten gut zuzuhören. Dadurch nahm ich einige Landräte plötzlich ganz anders wahr.

Zum Beispiel?

FDP-Fraktionschef Rolf Richterich beeindruckte mich immer, wenn er aufstand und mit dem Landratsgesetz fuchtelte.

Konnte er Ihnen Fehler nachweisen?

Höchstens kleinere Patzer. Grössere Fauxpas sind mir zum Glück nie unterlaufen. Schliesslich kenne ich das Landratsgesetz wie auch das Dekret gut.

Ihr zweites Ziel, den Betrieb effizienter zu machen und möglichst viele Traktanden abzuarbeiten, haben Sie aber klar verfehlt ...

Das stimmt leider. Ich kam zur Erkenntnis, dass man die Landräte reden lassen muss, auch wenn sie wiederholen, was schon dreimal gesagt wurde.

Das ist doch ernüchternd.

Es wird nun mal nicht goutiert, wenn ich jemanden unterbreche, auch wenn es mein Recht wäre. Deshalb habe ich es mir immer dreimal überlegt, bevor ich interveniert habe. Was sich aber als gutes Instrument herausgestellt hat, ist, bei zu langen Debatten die Rednerliste zu schliessen. Dann zogen sich oft sogar ein paar angemeldete Redner wieder zurück.

Und was halten Sie von einer fixen Redezeitbeschränkung?

Ich finde, jeder sollte für sich selbst verantwortlich sein. Was ich aber einmal als Experiment gemacht habe, war, mir einen Morgen lang die Redezeiten zu notieren. Es zeigte sich, wie weit auseinander die eigene Wahrnehmung der Redner und die Realität lagen.

Umso langweiliger die Rede, desto länger kam sie einem vor?

Genau. (lacht)

Ganze dreimal mussten Sie eine Abstimmung per Stichentscheid entscheiden. Wie fühlten Sie sich dabei?

Das war zwar schon ungewöhnlich oft, aber da ich das aus meiner Zeit als Gemeindepräsidentin von Diegten kannte, hatte ich keine Probleme damit.

Ihr wichtigster Stichentscheid war sicher jener, mit dem Sie den Zusatzkredit von 700 000 Franken ans Theater Basel zu Fall brachten. Wie haben Sie das erlebt?

Wenn man so will, kam es erst dank mir zum Stichentscheid. Denn im Gegensatz zu einigen meiner Amtsvorgänger habe ich von meinem Recht Gebrauch gemacht, auch als Landratspräsidentin an jeder Abstimmung teilzunehmen. Somit konnte ich letztlich zwei Stimmen abgeben. Ich habe natürlich abgeklärt, dass das legitim ist.

Wurden Sie deswegen in der Folge von Theaterfreunden angefeindet?

Im Landrat nicht. Aber als ich an einem Anlass der Fondation Beyeler war, wurde ich als die begrüsst, «die Nein zum Theater gesagt hat». Ich habe das aber nicht persönlich genommen. In so einem Amt braucht man eben einen breiten Rücken.

Man könnte auch böswillig sagen, dass das Baselbiet unter ihrer «Regentschaft» finanziell immer stärker ins Schleudern kam ...

Da fühle ich mich nicht schuldig. So viel Einfluss hat selbst die höchste Baselbieterin nicht. Ich beobachte das aber schon mit Sorge, vor allem die steigenden Gesundheitskosten. Nach der Sommerpause kehre ich ja in die Volkswirtschafts- und Gesundheitskommission zurück. Da muss ich mich dann richtig reinknien. Mir wird also auf keinen Fall langweilig. Ich freue mich auch darauf, mich bei politischen Aussagen nicht mehr zurücknehmen zu müssen.

Da Sie in der neuen Legislatur zur mit Abstand stärksten Fraktion, der SVP, gehören, können Sie ja weiterhin bestimmen, wo es langgeht, oder nicht?

Ich glaube nicht, dass wir 28 SVP-Räte immer mit einer Stimme sprechen werden. Mit der Grösse nehmen auch die Differenzen zu. Und zu Führen ist für mich durch das Landratspräsidium nicht reizvoller geworden, von daher werde ich meine Kräfte eher im Hintergrund einsetzen. Ich ändere mich nicht mehr.