Birsfelden, kurz vor zehn Uhr. Lukas Schmid und seine Frau Daniela betreten das Café bereits einige Minuten vor dem Termin. Durch die offene Schiebetür wehen einzelne Konfetti und trockenes Laub in den beheizten Raum. Die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings, die durch den bewölkten Himmel und die Glasfront scheinen, täuschen: Sturmböen kühlen Birsfelden auf 5 Grad ab.

Im 13'681 Kilometer entfernten Galiwinku ist es derweil 32 Grad, die Luftfeuchtigkeit liegt bei 94 Prozent. Die Siedlung auf Elcho Island, einer Insel im Norden Australiens, ist das zu Hause von Lukas Schmid und seiner Familie, wenn sie nicht gerade in Muttenz Heimaturlaub machen. Der 34-Jährige arbeitet als Pilot für Mission Aviation Fellowship (MAF) Schweiz, einem gemeinnützigen Flugunternehmen.

Ein «Kindheitstraum» sei es gewesen, als Missionspilot zu arbeiten. Auf Schmids gebräuntem Gesicht taucht ein grosses, einladendes Grinsen auf, als er davon erzählt. «Ich glaube, jeder Junge träumt mal davon, Pilot zu werden», sagt er. Als es um die Berufswahl ging, sei er trotzdem nicht mutig genug gewesen – seine Ausbildung absolvierte er als Geomatikingenieur.

Mit einem guten Job und einer kleinen Familie stand er 2015 kurz davor, ein Haus zu kaufen. «Doch dann stellten wir uns die Frage: Was wollen wir wirklich?», erzählt Schmid. Wobei die Erinnerung an seinen Kindheitstraum aufkam. Und er sich nach dem Besuch eines Informationsabends der MAF entschied, sich zu bewerben. Ein Flugzeug hatte der 34-Jährige bis zu diesem Zeitpunkt noch nie gelenkt.

«Unser gemeinsames Projekt»

Nur wenige Monate später und nach einer umfangreichen Eignungsabklärung erhielt die Familie Bescheid: Sie dürfen nach Australien. Dass sie ihren Mann begleiten würde, sei für Daniela Schmid nie eine Frage gewesen. «Ich wusste, dass es sein Traum ist. Ich sehe das nicht als sein eigenes Projekt, sondern als unser gemeinsames», sagt die 37-Jährige. Ausserdem wollte sie das Risiko, es nicht zu wagen und dies in zehn Jahren zu bereuen, nicht eingehen.

Trotz junger Kinder – heute sind sie 6, 4 und 2 Jahre alt – sei der Umzug kein Problem gewesen. «Jedes Mal, wenn wir im Vorfeld das Haus verliessen, fragten sie: Gehen wir jetzt nach Australien?», erzählt Daniela Schmid und lacht.

Von der Ankunft im Januar 2017 bis im Frühling 2018 absolvierte Schmid in der Nähe von Cairns seine Ausbildung zum Missionspiloten. Das Wort weckt starke Assoziationen. Die MAF ist eine christliche Organisation, die Familie Schmid sind ebenfalls Christen.

Glaubenszugehörigkeit oder Religion haben auf meine Arbeit als Pilot aber keinen Einfluss», so Schmid. Viele der auf Elcho Island lebenden Yolngus (ortsansässige Aborigines) sind wegen früherer Missionaren Christen. Ihnen Ermutigung zu geben, sei Schmid wichtig. Die Familie besucht auch die Gottesdienste der Yolngukirche. Das Missionieren gehöre aber nicht zu seiner Arbeit. «Meine Aufgabe als Pilot ist es, Personen oder Fracht von A nach B zu transportieren.»

Dies tut Schmid seit Mai 2018 in ganz Arnhemland, einem Siedlungsgebiet der Aborigines im Northern Territory. In diesem Gebiet liegt auch Elcho Island, wo die Familie seit bald einem Jahr lebt. Auf der Insel sind rund 3000 Yolngu in sogenannten Clans zu Hause. Um die Insel zu besuchen, braucht man das Einverständnis der Ureinwohner. Die Familie Schmid hat dieses erhalten – die MAF fliegt bereits seit 40 Jahren in Arnhemland.

Der Sonntagszopf ist Luxus

Humanitäre Flugeinsätze stellt man sich typischerweise in anderen Ländern vor. «Wenn man Australien hört, denkt man an Sydney oder Brisbane», so Daniela Schmid. «Aber wir erleben ein anderes Australien.» Das Australien, das von Armut und Hoffnungslosigkeit geplagt ist, mit Drogen- und Alkoholabhängigkeit, häuslicher Gewalt und sexuellem Missbrauch kämpft.

Alkohol ist auf Elcho Island streng verboten: «Deo und Hefe kann man im Supermarkt nur am Kundendienst beziehen», erzählt Lukas Schmid. Einen Sonntagszopf zu backen, sei Luxus. «Wir träumen vom Brot, das wir hier haben», sagt seine Frau. Als Treibstoff gibt es auf der Insel nur «Opal», ein Benzinersatz mit weniger Aromaten.

Die Aborigines werden von der MAF nicht in Form von Hilfsgütern unterstützt – Geld erhalten sie vom Staat. Schmids Aufgabe ist beispielsweise der Personentransport bei Beerdigungen oder an anderen Anlässen. Die Flüge bezahlen die Aborigines jeweils selber oder sie werden von einer Organisation bezahlt. Weiter fliegt er Ärzte, Krankenpfleger oder Lehrer anderer Hilfsorganisationen in abgelegene Gebiete. Auch Treibstoff für Boote und Autos bringt er auf die benachbarte Howard Island.

Im Homeland – so werden die Siedlungen genannt – gibt es weder Lebensmittelläden noch andere Einrichtungen. Zum Einkaufen müssen die Aborigines auf die 23 Kilometer entfernte Elcho Island. Eine Strecke, die sie normalerweise mit dem Boot zurücklegen. «Aber das Boot ist seit Dezember kaputt», erzählt Schmid. Momentan fliegt er die Strecke regelmässig.

Dabei gibt es viele Bräuche, an die sich Lukas Schmid gewöhnen musste. «Man darf beispielsweise niemanden wecken, der schläft», so der Pilot. Wenn er jemanden abholen müsste, der ein Nickerchen macht, «dann muss man halt warten.» Die Geduld für solche Eigenheiten habe er sich erst in Australien angeeignet. «Ich musste lernen, dass unsere Kulturen sehr verschieden sind. Ihre ist nicht schlechter, einfach anders.»

Solche Regeln wirken sich auch auf die lokale Schule auf Elcho Island aus: «Am Freitag gibt es jeweils eine Zeremonie für Kinder, die jeden Tag in der Schule waren», sagt Daniela Schmid, selber Primarlehrerin. Ihre eigenen Kinder sind noch nicht im schulpflichtigen Alter. Der älteste Sohn besucht auf Elcho Island eine Spielgruppe, zu Hause unterrichtet sie ihn zusätzlich selber. Während ihr Mann im Flugzeug unterwegs ist, kümmert sie sich um die Familie. Manchmal trifft sie sich auch mit andern Müttern auf der Insel. «Erst kürzlich habe ich mit ihnen ‹Grättimänner› gebacken», erzählt sie.

Nächster Halt: Afrika

Mit ihrem Leben auf der Insel ist die Familie grundsätzlich glücklich. «Elcho Island hat Dorfcharakter und wunderschöne Strände», erzählt Daniela Schmid. «Aber man kann wegen der Krokodile nicht baden. Sonst gäbe es bestimmt schon hunderte Ferienressorts.»

Trotzdem weiss die Familie, dass die Insel nicht für immer ihr Zuhause sein wird. Das sei noch immer die Schweiz. In rund acht Jahren wollen sie zurückkehren. Vorher sind noch andere Stationen geplant, sobald Lukas Schmid genügend Flugstunden gesammelt hat, um in anspruchsvollerem Terrain zu fliegen. Ihr nächstes Ziel? Sie blicken einander kurz an. «Afrika», sagen sie einstimmig.