Mit dem Fahrplanwechsel vom 11. Dezember sind fünf Baselbieter Dörfer ins öV-Steinzeitalter katapultiert worden: Bennwil, Lauwil, Liedertswil, Ramlinsburg und Lampenberg sind an Wochenenden bezüglich Angebot beim öffentlichen Verkehr tot, weil der Kanton die Busverbindungen in diese Dörfer gekappt hat. Sparpotenzial: 170 000 Franken pro Jahr. Das vergangene Wochenende war nun das erste, in dem das neue Regime voll spielte. Wie lebt es sich in einem Ort ohne öV? Wir hörten uns in Lauwil um.

Beispiel Marceline und Alfred Schmid, beide 61 Jahre alt, ohne Führerschein und in Basel berufstätig, sie als Musikbibliothekarin, er als Uni-Dozent. Und schon hier beginnt das Problem. Alfred Schmid: «Ich arbeite ab und zu am Samstag. Ich gehe nun den rund halbstündigen Weg nach Reigoldswil und zurück zu Fuss.» Das sei aber nicht das Hauptproblem – Schmids wandern etwa nach einem Theaterbesuch oder einem Vortrag schon bisher oft zu Fuss nach Hause, weil der letzte Bus um 19.30 Uhr nach Lauwil fährt. Gravierender sei, dass Bekannte ohne Auto, die nicht mehr so gut zu Fuss seien, übers Wochenende nicht mehr zu ihnen zu Besuch kommen könnten. Lauwil liegt 100 Meter höher als Reigoldswil; das nächste Taxi aus Liestal kostet gegen 80 Franken.

Erst der Anfang der «Tragödie»

Am schlimmsten sei aber etwas anderes, fügt Marceline Schmid an: «Die Streichung des Busangebots an Wochenenden ist erst der Anfang der Tragödie. Wirklich schockierend ist, dass die Regierung das Busangebot in einem Jahr aufs Minimum reduzieren will. Je nachdem, welche Kurse dann wegfallen, wird das zur Katastrophe für uns.» Tatsächlich will die Regierung beim nächsten Fahrplanwechsel Ende 2017 die drei Oberbaselbieter Buslinien 91, 92 und 93 auf das gesetzliche Minimalangebot von neun Kurspaaren pro Tag zusammenstreichen. Sparpotenzial: 430 000 Franken pro Jahr. Alfred Schmid meint dazu: «Wir haben das Gefühl, die Regierung hat unser Dorf aufgegeben.»

Schmids zogen vor zwölf Jahren nach Lauwil, weil ihnen die Landschaft hier gut gefällt. Zuvor hätten sie das öV-Angebot abgecheckt. «Wir waren so naiv zu glauben, dass dieses so bleibt», sagt Marceline Schmid. Was mit zu ihrem Entscheid beitrug, war die gute Infrastruktur mit Laden, Beiz und Post; heute existiert nichts mehr davon. So lange sie gut zu Fuss seien, sähen sie ihre Zukunft in Lauwil, sagen die Schmids übereinstimmend. Danach sähen sie schwarz.

Beispiel Marianne Vogt, 72, ohne Führerschein, in Lauwil aufgewachsen und vor eineinhalb Jahrzehnten wieder hierher zurückgekommen. Vogt sagt zu ihrer Situation: «Wenn es keinen Bus hat, laufe ich noch nach Reigoldswil hinunter. Herauf aber kaum mehr, schon gar nicht mit Einkäufen.» Sie sei noch oft unterwegs, auch an Wochenenden, und fühle sich jetzt eingeschränkt in ihrer Lebensqualität. Vogt: «Ich habe eine Wut auf die Regierung. Es ist arrogant von ihr, uns als Bürger zweiter Klasse zu behandeln, obwohl wir auch Steuern zahlen.»

Es gehe doch nicht, den Strassenbau zu vergolden und dann beim öV so einschneidend zu sparen. Vogt hat schon daran gedacht, aus Lauwil wegzuziehen. Aber ein Hausverkauf sei jetzt mit eingeschränkten Busverbindungen schwierig.

Versuch mit Privat-Chauffeuren

Beispiel Thomas Mosimann, 65, Vizegemeindepräsident, Autobesitzer und regelmässiger Busbenutzer. Der emeritierte Geografie-Professor, der vor zehn Jahren mit seiner Frau nach Lauwil zog, bemängelt vor allem die Konsequenzen für das Dorf als Ganzes. Personen ohne Auto seien für die Befriedigung «elementarster Lebensbedürfnisse» wie Arztbesuche, Einkäufe oder Teilnahme am sozialen Leben auf andere angewiesen; ältere Leute von auswärts könnten ohne Auto am Wochenende nicht mehr nach Lauwil kommen; und Eltern würden noch mehr Taxi-Dienst für ihre Kinder leisten.

Dazu komme: «Wir haben ein echtes Problem mit Veranstaltungen an Wochenenden, die wichtig sind fürs Dorfleben. Die Organisatoren müssen jetzt teure Shuttle-Busse organisieren.» Das Dorf verliere deshalb an Attraktivität. Und Mosimann weiter: «Die Leute sind zutiefst enttäuscht vom Kanton. Er behandelt uns beim öV wie die letzten Yetis im Niemandsland.» Er wirft der Regierung vor, dass sie sich nie neue Konzepte zur Erschliessung von kleinen Gemeinden überlegt habe und jetzt auch noch erwarte, dass diese eigene Lösungen bezahlten.

Der Lauwiler Gemeinderat habe wenig Spielraum. Dank der Solidarität der Dorfbevölkerung habe er aber für eine Testphase einen Fahrdienst organisieren können, so Mosimann. Dieser funktioniert so, dass ehrenamtliche Autofahrer jeden Samstag zu drei fixen Zeiten nach Voranmeldung Einwohner nach Reigoldswil respektive zurück fahren.