Vom Tötungsdelikt in Rünenberg sind auch Kinder stark betroffen. Der getötete Martin Wagner hinterlässt neben zwei erwachsenen Söhnen eine 10-jährige Tochter, welche im vergangenen September bereits die Mutter verloren hat. Der mutmassliche Täter hatte ebenfalls drei Kinder, die Halbwaisen geworden sind.

Im Interview mit der bz erklärt Brigitte Contin, die Chefärztin und Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrie Baselland, was bei der Betreuung von Kindern, die von einem derart schweren traumatischen Ereignis betroffen sind, wichtig ist. Zum konkreten Fall in Rünenberg wollte die Psychiatrie Baselland allerdings keine Stellung nehmen.

Frau Contin, was ist für betroffene Kinder unmittelbar nach einem schlimmen Erlebnis wichtig?

Brigitte Contin: Sicherheit vermitteln und das Kind nicht allein lassen, ist der erste Schritt. In einem zweiten Schritt ist es wichtig, mit dem Kind zu reden. Eine medizinische Diagnose passiert dann, wenn ein Kind wieder etwas stabilisiert ist und über das Trauma reden kann. Das soziale Umfeld spielt eine überaus wichtige Rolle als Stabilisator. Zusätzliche Belastungen sollten vermieden werden.

Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass aus einer akuten eine posttraumatische Belastungsstörung wird?

Das hängt von vielen Faktoren ab. Von der Art des Traumas, der psycho-physischen Stabilität des Kindes und davon, wie es vom Umfeld aufgefangen werden kann.

Wie genau entsteht eine Belastungsstörung?

Eine posttraumatische Belastungsstörung ist eine verzögerte Reaktion auf ein Trauma. Sie tritt meistens innerhalb der ersten sechs Monate nach einem Trauma, einem belastenden Ereignis oder einer starken Bedrohung auf. Etwa nach einer Naturkatastrophe, oder nachdem jemand Zeuge eines gewaltsamen Todes wurde. Sie ist zu unterscheiden von der akuten Belastungsreaktion, die nur vorübergehend auftritt und in den ersten Stunden und Tagen nach einem schlimmen Erlebnis wieder abklingt.

Was können Symptome einer Belastungsstörung sein?

Akute Reaktionen auf belastende Ereignisse sind Rückzug, Ängste, Desorientierung, Aggression, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Einengung der Aufmerksamkeit. Eine posttraumatische Belastungsstörung kann ebenfalls verschiedene Symptome mit sich bringen. Häufig leiden Betroffene unter Flashbacks, sie erleben die erlebte Situation immer wieder.

Sowohl im Traum als auch im wachen Zustand. Sie vermeiden Umstände, die sie an das Ereignis erinnern könnten. Oft sind Betroffene schreckhaft oder reizbar. Oder sie haben Mühe, sich zu konzentrieren. Kinder und Erwachsene leiden unter den gleichen Symptomen.

Inwiefern kann eine Belastungsstörung die Entwicklung eines Kindes beeinträchtigen?

Die soziale Entwicklung wird eingeschränkt. Die Kinder können zum Beispiel Schwierigkeiten haben, weil sie zurückgezogener sind als andere Kinder in ihrem Alter. Oder sie reagieren schnell aggressiv und haben Mühe, Konflikte mit anderen Kindern zu lösen. Die schulischen Leistungen können ebenfalls leiden, weil sich die Kinder nicht mehr konzentrieren können.

Ausserdem ist eine Regression auf frühere Entwicklungsstufen und das Verlernen von Erlerntem möglich. Schuldgefühle können ebenfalls auftreten.

Gibt es Ereignisse, die besonders schlecht verarbeitet werden können?

Besonders belastend sind alle Ereignisse, die mit Gewalt zu tun haben und gleichzeitig einen extremen Kontrollverlust mit sich bringen: Krieg, Folter, Gewalt zwischen Personen.

Was braucht ein Kind, damit ein Trauma überwunden werden kann?

Es ist wichtig, dass das Kind in einem stabilen Umfeld untergebracht wird. Es braucht Vertrauenspersonen und Sicherheit. Die soziale Unterstützung ist innerhalb und ausserhalb der Familie wichtig. Jeder, der mit dem Kind zu tun hat, sollte sensibilisiert sein und mithelfen, Zuversicht und Stabilität zu vermitteln.