Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler hatte die Nase einmal mehr vorne: Er nutzte seine guten Kontakte nach Italien vom Früchteimport her und begann kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs etwas ganz anderes zu «importieren» – Tschingeli. So wurden damals – nicht abwertend – die jungen Italienerinnen genannt, die zugweise aus Norditalien in die Schweiz geholt wurden, um hier vorwiegend in Haushalten von Migros-Genossenschaftern zu einem Monatslohn von etwa 150 Franken zu dienen. Duttweiler verschaffte so mit seiner legendären «Trentiner Aktion» innerhalb von acht Monaten nicht weniger als 3000 Italienerinnen aus einer kriegsversehrten Region einen Arbeitsplatz in der Schweiz.

Andere sprangen bald auf diesen Zug auf, so auch die Liestaler Textilfabrik Hanro. Sie schickte sogar eigens zwei Mitarbeiter des Personalbüros zur Rekrutierung nach Norditalien, wo diese Flugblätter unter dem Titel «Vi piacerebbe lavorare in Svizzera? Forse nella Hanro?» (Würden Sie gerne in der Schweiz arbeiten? Vielleicht in der Hanro?) verteilten und in den Dörfern zusammen mit Gemeindebehörden Informationsanlässe durchführten.

Sozialer Aufstieg

Das alles ist weitgehend in Vergessenheit geraten, Gabriel Heim (66) hat es nun wieder ins Bewusstsein geholt. Er ist Mit-Kurator der «magnet basel», das heisst von fünf Ausstellungen, die sich mit der Migration im Raum Basel befassen (die bz berichtete).

Eine davon ist die kleine, aber feine Ausstellung zu den Italienerinnen in der Hanro, die letztes Wochenende im Museum.BL in Liestal eröffnet wurde. Vieles, was Heim in zweijähriger Archivarbeit und persönlichen Gesprächen recherchiert hat, wird an dieser Ausstellung thematisiert, noch mehr erzählt der Kurator und Publizist gegenüber der bz.

Die Hanro und ihre Italienerinnen, die in der Blütezeit des Mode-Unternehmens zu Beginn der 1960er-Jahre rund die Hälfte der 800-köpfigen Belegschaft ausmachten, war demnach eine Erfolgsgeschichte. Oder eine Win-win-Situation, wie man neudeutsch sagt. Denn die Italienerinnen, die mindestens 18 und zumindest für die Hanro höchstens 32 Jahre alt sein durften, kamen in der Regel aus ärmlichsten Verhältnissen.

Das heisst, aus kinderreichen katholischen Familien in verarmten Tälern der Regionen Friaul, Trentino und Venetien, die um jeden finanziellen Zustupf froh waren. Die jungen Frauen selbst konnten dank der Arbeit in der fernen Schweiz dem heimischen Diktat der «Mama» entrinnen und gewannen als Miternährerinnen der Familie an Ansehen. Ja, etliche konnten dank ihrer Ersparnisse nach der Rückkehr nach Italien sogar eigene Geschäft gründen oder Häuser kaufen.

Geld für Familie und Aussteuer

Die Hanro ihrerseits profitierte davon, dass die jungen Frauen alle nähen, flicken und stricken konnten, da das zu Hause zu ihren täglichen Aufgaben gehörte. Und die Firma kam zu einer Zeit, da die Heimarbeit von Schweizer Näherinnen nicht mehr rentierte und die Textil-Produktion zusehends industrialisiert wurde, zu relativ günstigem Personal.

Die meisten Italienerinnen, die ab 1946 bei der Hanro landeten, begannen mit einem Stundenlohn von 1.50 Franken plus Akkord- und Teuerungs-Zuschlag. Später verdiente eine Näherin um die 400, eine Zuschneiderin um die 600 Franken im Monat. Das Geld, das die Italienerinnen nicht nach Hause schickten, sparten sie für die Aussteuer. Zudem konnten sie bei der Hanro günstig hochwertigen Stoff erstehen, aus dem sie in ihrer Freizeit einen Teil ihrer Garderobe anfertigten.

Für zwei Jahre mussten sich die Italienerinnen bei der Hanro verpflichten, rund dreimal so lang blieben sie im Durchschnitt; auch mussten sie ledig und kinderlos sein. Rückkehrgrund war meist die Hochzeit in der Heimat. Obwohl der Lohn nicht riesig war, konnten die Südländerinnen relativ viel Geld zur Seite legen, weil die Hanro nicht nur für billigen Wohnraum sorgte – zu Beginn der 1960er-Jahre baute sie unmittelbar neben der Fabrik zwei Wohnheime –, sondern in ihrer Kantine auch bezahlbare Kost anbot.

Überhaupt galt die Textilfabrik als fürsorglicher und integrativer Arbeitgeber. So druckte die Hanro praktisch sämtliche Publikationen von der Haus-Zeitung bis zur Betriebsordnung zweisprachig, organisierte legendäre, dreitägige Firmenausflüge mit gemieteten Zügen in gute Hotels, veranstaltete aufwendige Weihnachtsfeiern, sorgte für ein Bildungs- und Freizeitangebot und setzte sich auch in der Öffentlichkeit für ihr italienisches Personal ein, als in der Schweiz Ende der 1960er-Jahre die Stimmung mit der Überfremdungs-Initiative aus der Küche von James Schwarzenbach zu kippen drohte.

Bis auf die Haut ausziehen

Trotzdem war das Leben in der Fremde längst nicht nur Honiglecken. Der erste Schreck kam für die jungen Frauen in Chiasso: Sie, die sich bis anhin nicht mal vor ihren Schwestern ganz entkleidet hatten, mussten sich bei der bis zu zwei Tage dauernden grenzsanitarischen Untersuchung vor wild fremden Männern nackt ausziehen. Heim sagt dazu: «Das war ein Riesenschock für die Frauen, den sie lebenslang nicht vergassen.»

Erst als die italienische Regierung protestierte, wurden die Grenzmusterungen, die auch aus der Desinfektion von Kleidern und dem kärglichen Gepäck sowie der Suche nach Läusen bestand, gelockert. Der nächste Schreck kam für viele im Gotthardtunnel, der kein Ende nehmen wollte. Dauerbrenner war das Heimweh.

Ihre Fröhlichkeit hätten aber die meisten Italienerinnen nicht verloren, sagt Heim, der im Trentino auch mit Rückkehrerinnen geredet hat. So hätten sie oft zur Arbeit italienische Volkslieder gesungen, wodurch das Liedgut in etliche Schweizer Haushalte eingeflossen sei. Und auch die italienische Küche verbreitete sich in Liestal, weil die Hanro-Kantine entsprechende Mahlzeiten in ihr Angebot aufnahm.

Gabriel Heim, der als Kind während Jahren selbst von einem italienischen Dienstmädchen mitbetreut wurde, obwohl sein Vater nicht Migros-Genossenschafter war, bilanziert: «Die Hanro hat ein positives Kapitel zur Schweizer Arbeitsimmigration geschrieben.»