Man könnte meinen, dass das unmittelbare Umfeld um den Bahnhof Liestal mit neuem Bahnhof, 25 Meter hohem Annexbau, 57 Meter hohem Hochhaus und neuem Postgebäude planerisch schon genug in Bewegung ist. Und dass all diese Bauten den Kantonshauptort auch von den vorgesehenen Höhenprofilen her in ein ganz neues Zeitalter katapultieren werden. Das sei alles «zu horizontal» in einer ähnlichen architektonischen Sprache, findet dagegen der Niederdörfer Architekt Bernhard Bossard.

Er suchte deshalb nach dem «positiven, vertikalen Schock» und fand ihn in Form der «Nadel von Liestal» – ein 182 Meter hoher, ultraschlanker, runder Wohnturm mit einem Durchmesser von 17 Metern. Das Ganze soll eingangs Oristal zu stehen kommen, also auf der gegenüberliegenden Seite der Geleise der aktuellen Bahnhofsplanung. 114 Wohnungen will Bossard in den 60 Stockwerken seiner «Nadel» platzieren, deren Kosten er auf 55 Millionen Franken veranschlagt. Wobei der 64-jährige ETH-Architekt formlich noch am Feilen seines Wurfs ist: Oben soll er noch etwas zugespitzt werden, um einer Nadel näher zu kommen, was auch eine Referenz an Liestals textile Vergangenheit sei.

So solls künftig aussehen vom Oristal in Richtung Bahnhof.

So solls künftig aussehen vom Oristal in Richtung Bahnhof.

Ohne Investor geht nichts

Eine Spinnerei? «Nein, eine realistische Vision, die technisch Hand und Fuss hat», sagt Bossard. Und er verweist auf seine bisherigen geologischen und statischen Abklärungen, bei denen nichts gegen das Vorhaben spreche. Im Gegenteil, der Untergrund bestehe aus solidem Jurafels. Auch bei der Gebäudeversicherung ist Bossard bereits vorstellig geworden, und auch diese hat keine grundsätzlichen Einwände gegen die «Nadel von Liestal», wie die schriftliche Antwort zeigt.

Eine zusätzliche Portion Realität verleiht dem Ganzen, dass das 1600 Quadratmeter grosse Grundstück an der Oristalstrasse 12, auf das die «Nadel» zu stehen kommen soll, einer Aktiengesellschaft gehört, die aus zwei Brüdern von Bossard besteht. Wobei Bossard dort erst vor neun Jahren ein Mehrfamilienhaus mit Mietwohnungen gebaut hat. Dieses müsste halt wieder abgerissen werden, meint er achselzuckend.

Bis es so weit ist, wenn es denn je so weit kommt, muss Bossard allerdings noch etliche Hürden nehmen: «Als Erstes brauche ich einen Investor, der die weiteren Planungskosten von 300 000 bis 400 000 Franken übernimmt. Das übersteigt meine Möglichkeiten.» Auch zonenplanerisch ist das Vorhaben eine grössere Herausforderung, denn die Mutation müsste nicht nur von den Behörden inklusive Liestaler Einwohnerrat abgesegnet werden, sondern bei der erwarteten Polarisierung der «Nadel» wahrscheinlich auch eine Urnenabstimmung überstehen.

Die höchsten Gebäude der Schweiz:

Schattenwurf ist kaum Problem

Zumindest bezüglich Kantonsbehörden ist Bossard zuversichtlich und verweist auf das kantonale Hochhauskonzept, das Bauten wie die «Nadel» an Entwicklungsschwerpunkten mit guter öV-Erschliessung vorsieht, zu denen die Umgebung des Liestaler Bahnhofs zählt. An Hochhäuser über 80 Meter werden allerdings besondere Anforderungen gestellt. Bossard, der als Einmann-Betrieb arbeitet, will denn auch ein «gutes Architekturbüro» mit an Bord holen. Vorgestellt hat er sein Projekt bis jetzt nur Fachplanern und Kollegen, für die sich «die Vision als eine Quelle von unerwarteten Inspirationen» erwiesen habe.

Ob sich die Liestaler Behörde dieser positiven Grundstimmung anschliesst, ist fraglich. Denn der Eingang des Oristals wird im Zusammenhang mit dem vierten Geleisebau der SBB ohnehin schon umgepflügt mit Hangabtragung, Strassenverschiebung und Gebäudeabrissen. Doch Bossard spielt noch ein paar Trumpfkarten: Die «Nadel von Liestal» werde energieautark mit unter anderem einer innovativen, thermischen Fassade, die die Sonneneinstrahlung aufnehme. Und auch der ansonsten bei Hochhäusern dieser Dimension – der Roche-Turm ist vier Meter tiefer als die angedachte «Nadel» – gefürchtete Schattenwurf sei bei seinem Projekt kein Problem, sagt Bossard. Weil dieses so schlank sei, stünden die umliegenden Gebäude nur ein paar Minuten pro Tag im Schatten.

Und Bossard, der als Architekt schon in Saudi-Arabien und im Tschad gearbeitet hat und das Bauen auf schwierigen Restflächen als seine Spezialität bezeichnet, wirbt: «Jetzt braucht es einen Reifeprozess. Aber die ‹Nadel› könnte zum neuen Wahrzeichen werden und Liestal für ein grosses Publikum auf die Landkarte setzen.»