«10 000 Franken Zügelkosten für eine Kröte», titelte die NZZ. Und Kritiker monieren, es gebe auch Kreuzkröten in Münchenstein, Allschwil, Oberwil und weiteren Standorten im Baselbiet. So bedroht könne die «Bufo calamita» also gar nicht sein, dass man übers Ziel hinausschiesse, indem man für ein paar Kröten künstlich neuen Lebensraum schafft.

Doch die Umsiedlung der gesamtschweizerisch als «stark gefährdet» eingestuften Kröten von der Zurlindengrube in der Prattler Rheinebene in die Grube Klingental beim Eingang des Adlertunnels war nötig. Ein Verzicht darauf hätte bedeutet, dass mitten im Entwicklungsgebiet Salina Raurica 17 Hektar Industrieland im Besitz des Kantons durch den Status «Amphibienlaichgebiet» praktisch entwertet worden wäre, denn der Bundesrat hatte 1994 die Zurlindengrube zum Laichgebiet «von nationaler Bedeutung» erklärt. Und es wird wieder der Bundesrat sein, der bis im kommenden Frühjahr definitiv absegnen muss, ob die Kröten erfolgreich von Pratteln nach Muttenz umgesiedelt wurden. Erst dann wird auch der 300 000 Kubikmeter fassende Ostteil der Zurlindengrube zum Auffüllen freigegeben. Der Westteil wird derzeit von Coop für ihr Bauprojekt aufgefüllt.

Lob der Naturschützer
Nach dem Ortstermin vom Dienstag dürften die Aussichten gut sein, dass der Bundesrat der Verlegung des Amphibienlaichgebiets zustimmt. «Wirklich eine super Arbeit», lobt Urs Chrétien, Geschäftsführer Pro Natura Baselland, nachdem Kantonsplaner Martin Kolb Vertreter der Naturschutzverbände durch die neue Muttenzer Heimat der ehemaligen Zurlinden-Kreuzkröten geführt hatte. Auch die Geschäftsleiterin des Basellandschaftlicher Natur- und Vogelschutzverbands, Susanne Brêchet, spricht von einer «hervorragenden Arbeit».

Seit 2011 wurde regelmässig Laich aus der Zurlindengrube ins Klingental gebracht. «Über 500 erwachsene Kröten wurden zudem in Handarbeit eingefangen und umgesiedelt», berichtet Kolb. Ausgesetzt wurden sie in einer extra zurecht gemachten Landschaft, denn die Kreuzkröte benötigt Tümpel, die regelmässig austrocknen.

Dies eliminiert die Fische, die sonst den Krötennachwuchs fressen würden. Deshalb ist ein Teil der Tümpel in ihrem neuen Lebensraum mit einem Abfluss versehen, damit man das Wasser ablassen kann. «Dies ist die einfachste Methode, die Goldfische loszuwerden, die leider immer wieder ausgesetzt werden», stellt Kolb fest. «Sie vertrocknen dann einfach.» Er berichtet auch, dass die Kreuzkröte in drei Wochen vom Laich bis zum ausgewachsenen Tier rekordverdächtig schnell erwachsen wird, denn wenn die Pfützen austrocknen, besteht die Gefahr, dass nicht nur die natürlichen Feinde, sondern auch die Kaulquappen zugrunde gehen.

Ersatz besser als das Original

«An dieser Künstlichkeit der Laichgewässer kann man sich stossen», meint Chrétien. «Aber insgesamt stellt die Biotopqualität gegenüber der Zurlindengrube einen Mehrwert dar.» Vor allem sei die Zurlindengrube isoliert, während der neue Standort der Wanderlust der Kreuzkröte entgegen komme und mit weiteren geplanten ökologischen Ausgleichsflächen im Süden vernetzt sei. Chrétien lobt ausdrücklich das Engagement Markus Plattners, dem kantonalen Betreuer der Naturschutzgebiete, und die Kompetenz des Projektleiters Christoph Berney. «Entstanden ist nicht nur ein neues Laichgebiet für die Kreuzkröte, sondern auch ein idealer Lebensraum für die Zauneidechse. Und für die Vögel ist das ein tolles Gebiet.» Sein Fazit: «Ich habe eine Riesenfreude, dass man so etwas geschaffen hat.» Auch Brêchet anerkennt das Bemühen, auch für Reptilien und andere Arten einen Lebensraum zu schaffen.

Für dieses Ergebnis wurde gemäss Kolb rund die Hälfte der ursprünglich vom Landrat bewilligten 2,5 Millionen Franken ausgegeben. Dies wurde erreicht, indem man auf eine von zwei Unterführungen unter der Strasse hindurch verzichtet hat, die Amphibienleitsysteme einfacher ausführt und nicht zuletzt, indem bei der Bepflanzung des Geländes viel Freiwilligenarbeit geleistet wurde.

Ständige Pflege erforderlich
Auch wenn Naturschützer von der Arbeit im Gelände überzeugt sind, ist das Projekt noch nicht abgeschlossen. Noch fehlt ein Teil der definitiven Amphibienleitsysteme, damit die aufwendig umgesiedelten Kröten nicht plattgefahren werden. Und vor allem muss das neue Gebiet auch planerisch gesichert werden: Im Zonenplan Landschaft von Muttenz, im Kantonalen Richtplan, im Inventar der geschützten Naturobjekte des Kantons Baselland und nicht zuletzt eben durch die Anerkennung als «Amphibienlaichgebiet von nationaler Bedeutung» durch den Bundesrat.

Noch in Diskussion ist dabei vor allem der Zonenplan Muttenz: Die Gemeinde möchte sich die angrenzende Lachmatt offen halten für Sportplätze, wenn dereinst die Deponie Margelacker, auf der heute Sport getrieben wird, saniert wird. Dann müssen Kröten und Fussballer aneinander vorbeigelotst werden.

Zudem bedarf das Klingental - im Gegensatz zur Zurlindengrube, wo die Kröten sich naturwüchsig ansiedelten - ständig der Pflege. So stellt Kolb fest, dass so eine neu geschaffenes Habitat ungebetene Gäste anzieht. Da sind nicht nur Aquarienbesitzer, die Goldfische aussetzen, auch der amerikanische Ochsenfrosch und eine chinesische Froschart sind bereits aufgetaucht. Wie weit diese, etwa durch eingeschleppte Krankheiten, für die einheimische Fauna zum Problem wird, sei noch offen.

Dass es anderswo im Baselbiet weitere Kreuzkröten gibt, ist für Kolb - abgesehen von juristisch eindeutigen Obligatorium und dem Auftrag des Landrats - kein Grund, auf die Umsiedlung zu verzichten: «Bei bedrohten Arten wäre es unklug, alle auf einem einzigen Areal zu konzentrieren. Dann könnte ein Unfall oder eine Epidemie den ganzen Bestand auslöschen.»