Das Kantonsspital Baselland (KSBL) muss sich warm anziehen: Der von CEO Jürg Aebi Ende April freigestellte Chefarzt Thomas Gasser möchte als selbstständiger Urologe Gas geben. Recherchen der «Schweiz am Wochenende» zeigen, dass er und sein ebenfalls freigestellter Kollege Patrick Maurer mit Pauken und Trompeten die Region erobern wollen.

Im Handelsregister liessen sie die Firma «Urologie Nordwestschweiz AG» eintragen. Der Name allein kann schon als Kampfansage an das KSBL und die geplante Fusion mit dem Unispital Basel zum «Universitätsspital Nordwest» gelesen werden. Denn auch die Urologie wird dort unter dem neuen Dach gemeinsam geführt werden.

Insider irritiert zwar der grossspurige Name, schliesslich wird die AG bloss zwei urologische Praxen umfassen und dort keine komplexeren Eingriffe anbieten können. Es handelt sich dabei um die bisher zum KSBL gehörige Praxis Kirschgarten in Basel, die an Gasser und Maurer verkauft wurde. Die Wiedereröffnung ist Anfang August. Dazu kommt eine neue Praxis direkt am Bahnhof Liestal, wie das «Regionaljournal» berichtete. 

Das entsprechende Baugesuch für die Parzelle am Bahnhofplatz 12 publizierten die umtriebigen Urologen bereits Ende Februar im Amtsblatt. Gemäss Informationen der «Schweiz am Wochenende» soll sie Anfang Juli eröffnet werden.

Gasser als Merian-Belegarzt

Doch Gasser und Maurer wollen durchaus ein urologisches Komplett-Paket bieten, mit dem sie die Angebote der Spitäler konkurrenzieren können. Nun ist klar, wie sie dies erreichen wollen: Sie spannen mit der Merian Iselin Klinik (MIK) zusammen. «Professor Gasser und sein Team werden belegärztlich bei uns tätig sein», bestätigt CEO Stephan Fricker auf Anfrage. Sobald eine grössere Operation mit stationärem Aufenthalt nötig ist, kommt die Kooperation zum Tragen, denn Übernachtungen sind in den Praxen nicht möglich.

Und sogar für den Fall, dass postoperativ die Verlegung auf eine Intensivpflegestation (IPS) nötig ist, hat Urologie Nordwestschweiz eine Lösung: Da das Merian Iselin über einen Kooperationsvertrag verfügt, dank dessen sie die IPS des Claraspitals nützen dürfen, profitieren davon auch Gassers Patienten.

Der Chefarzt und Dekan der medizinischen Fakultät der Uni Basel selbst weilt derzeit an einem Kongress in den USA und wollte seine Pläne nicht kommentieren. Doch es liegt auf der Hand, dass sie zum Zerwürfnis mit dem KSBL beigetragen haben – nach 20 Jahren der Zusammenarbeit. Das Kantonsspital wusste denn auch schon länger von der Praxis am Bahnhof Liestal, wie es schriftlich bestätigt, auch wenn dies «nichts mit der Freistellung zu tun hatte».

Eher Gassers Avancen zum Merian Iselin dürften das Klima vergiftet haben. Von der Kooperation mit der privaten Konkurrenz zeigt sich das KSBL nämlich nicht überrascht: «Dies war zu erwarten», so der trockene Kommentar. Schliesslich habe Gasser selbst in der bz schon darauf hingewiesen, dass er die ursprünglich vertraglich mit dem KSBL vereinbarte Zusammenarbeit als «preferred partner» nicht als Exklusiv-Deal verstehe.

Kämpferisches Kantonsspital

Das Kantonsspital gibt sich nach Aussen selbstbewusst. Unter anderem redet es die attraktive Lage der Praxis am Bahnhof Liestal klein: «Eine Praxis lässt sich mit einem Spital und seiner spezialisierten Infrastruktur nicht vergleichen.» Auch sei die Urologie des KSBL trotz der Abgänge von sechs der acht Kaderärzte nicht geschwächt. «Wir haben die Situation innerhalb der Klinik geklärt und seither läuft der Klinikalltag wieder ungestört.» Keinesfalls werde man die eigene Urologie aufgeben: «Die heutigen Patienten der Urologie KSBL sind die morgigen Patienten der Urologie Unispital Nordwest.»

An den Erfolg der Urologie Nordwestschweiz AG am Platz Liestal glaubt hingegen Fricker vom Merian Iselin: «Wir versprechen uns eine umfassende urologische Betreuung in einem konkurrenzfähigen Setting.» Vor allem hofft Fricker, so noch mehr Baselbieter Patienten zu erreichen. An der Nachfrage soll es laut ihm nicht scheitern, da es «demografisch bedingt in Zukunft mehr urologische Kapazitäten braucht».

Claraspital kritisiert Überangebot

Das sieht das Claraspital – immerhin in der Urologie der klare Platzhirsch der Region – anders. Obwohl das Clara mit seiner Intensivpflegestation indirekt auch mit Gasser zusammenarbeiten wird, kritisiert Direktor Peter Eichenberger den Angebotsausbau. «Diese Entwicklung ist nicht gut. Angebot und Nachfrage passen zurzeit.» Gassers Gang in die Selbstständigkeit und der Aderlass am KSBL würden zu einem erneuten Personalaufbau führen. Eichenberger: «Zu viele Akteure schaden der Qualität, da die Fallzahlen pro Operateur sinken.»

Angst vor der neuen Konkurrenz hat das Claraspital allerdings nicht: «Mit der Strategie, uns bei Operations-Entscheiden eher in Zurückhaltung zu üben, fahren wir gut. Diesen Weg gehen wir konsequent weiter. Egal, was die Konkurrenz macht.»