Einen solchen Makel nimmt man derzeit im Kantonsspital Baselland nur zu gerne in Kauf. Befragt nach seiner grössten Schwäche nennt Jürg Aebi (54) seinen Optimismus – immer das Glas halb voll zu sehen statt halb leer.

Was Aebi als Schwäche bezeichnet, ist in seiner jetzigen Funktion vielmehr eine hohe Kunst. Seit drei Wochen führt der Berner das KSBL, eine Institution, in der viele Mitarbeiter das Glas halb leer sehen – bestenfalls. In den vergangenen zwei Jahren, also nach der Verselbstständigung des Kantonsspitals, hat es ordentlich gerumpelt. Chefärzte haben gekündet, das Pflegepersonal rebelliert, und zuletzt fiel auch der Kopf von CEO Heinz Schneider, der die undankbare Aufgabe hatte, eine neue Spitalfinanzierung einzuführen und gleichzeitig die drei Standorte Laufen, Liestal und Bruderholz zusammenzulegen.

Mit 43 der radikale Wechsel

Aebi hat auch Stärken. Die Mitarbeiter bezeichnen ihn als äusserst zugänglich und kommunikativ. Für einen Berner reiht er die Worte ausserordentlich schnell aneinander. Das liegt womöglich daran, dass er schon früh in einem beruflichen Umfeld tätig war, in dem ihm die Langsamkeit der Beamtenstadt im Weg gestanden wäre. Nach dem Studium nahm der Betriebswissenschaftler und Marketingexperte eine Stelle als Aussendienstmitarbeiter eines Dentalindustrieunternehmens im Tessin an, ohne ein Wort italienisch zu sprechen. Nach einem knappen Jahr als Assistent übernahm er schon die Leitung. Nach fünf Jahren zog es ihn wieder zurück in die Deutschschweiz, wo er für eine Firmengruppe, welche unter anderem Kleintiernahrung vertrieb, in der Direktion tätig war.

Mit 43 kam für Aebi die Zeit für einen radikalen Wechsel. Er wollte in die Gesundheitsbranche und bewarb sich auf jeden Direktorenposten – ohne Erfolg. Dem Berner wurde mangelnde Erfahrung im Gesundheitswesen vorgehalten. Aebi nahm für seinen Traum, «für Menschen statt für Schrauben» verantwortlich zu sein, schliesslich einen Job ausserhalb einer Direktion in Kauf: Beim Kantonsspital Sursee wurde er Leiter Finanzen/Controlling. Auch dieses Mal dauerte es nicht lange, ehe er den Chefposten erbte: Der Spitaldirektor war an einem Herzinfarkt gestorben, und für den damaligen Luzerner Gesundheitsdirektor war Aebi der bestmögliche Nachfolger. Seither wohnt er im luzernischen Sempach – dort blieb er auch während seiner darauffolgenden Engagements am Unispital in Zürich und seit 2012 als Standortleiter im fusionierten Kantonsspital Baselland wohnhaft.

Vor drei Wochen nun hat Jürg Aebi unverhofft den Mann beerbt, der ihn ins Baselbiet holte: Heinz Schneider, mit dem er schon zu seiner Zeit als Spitaldirektor in Sursee befreundet war. Noch leitet Aebi das Spital nur interimistisch, aber aus seinen Ambitionen macht er keinen Hehl: Er steht fürs Amt zur Verfügung. Darüber entscheiden wird der neue Verwaltungsrat, der Ende April bekannt gegeben werden soll.

Seinen Kaltstart hat Aebi schadlos überstanden. Klar ist, dass die Freizeit derzeit leidet, auch wenn der unverbesserliche Optimist selbst den abendlichen Autobahnstau als «ideal, um von der Arbeit abzuschalten» bezeichnet. Die Zeit im Auto nutzt er, um sich seiner Leidenschaft, der Musik zu widmen: Seine Plattensammlung reicht von dunklem Rock wie Depeche Mode bis zu Klassik; und derzeit setzt sie keinen Staub an. Fürs Erste hat sich Aebi nämlich vorgenommen, den drei Standorten Liestal, Laufen und Bruderholz wöchentlich Besuch abzustatten und den Mitarbeitern den Puls zu fühlen. «Die Leute suchen nach einer Identifikationsfigur, und die bin derzeit ich», sagt Aebi unbescheiden – wobei es unfair wäre, dem Vielredner einzelne Sätze auf die Goldwaage zu legen.

Flache Hierarchien als Rezept

Die Fragen, welche die Mitarbeiter am brennendsten interessieren, kann er freilich nicht einmal in seiner Rolle als Identifikationsfigur beantworten. Was passiert mit dem Standort Bruderholz, was mit dem Standort Laufen? Das bewegt sich ausserhalb seines Einflussgebiets, das liegt in den Händen der Regierung und des Verwaltungsrats. Und trotzdem ist der verheiratete, kinderlose Berner bei den unzufriedenen Mitarbeitern ein Hoffnungsträger.

Mit welchen Vorschusslorbeeren Aebi startete, zeigte die Reaktion von David Hänggi. Der Chef der prestigeträchtigen Frauenklinik bezeichnet den neuen Vorgesetzten als Mann, der seitens der Mitarbeiter «volles Vertrauen» geniesst und auf die Leute zugeht. Das unterscheidet ihn von seinem Vorgänger Heinz Schneider, der den Betrieb vom Elfenbeinturm in Liestal aus führte.

Hänggi, der unter Schneider seine Kündigung eingereicht hat, hat schon signalisiert: Unter neuem Chef wäre ein Verbleib für ihn denkbar. So flach waren die Hierarchien im Kantonsspital noch nie, seit es anfangs 2012 ausgelagert wurde. Aebi wäre gut beraten, daran festzuhalten. Die Ärzte waren lange Zeit die Halbgötter in Weiss. Sie tun sich besonders schwer damit, dass ihnen nach der Verselbstständigung Betriebswirtschaftler vor die Nase gesetzt wurden, die in erster Linie ans Geld denken.

Doch selbst wenn der unverbesserliche Optimist den Reiz der Herausforderung betont, gibt er zu: «Ich bin froh, wenn ich das Schiff KSBL wieder in eine ruhige See führen kann.» Denn in der ruhigen See fühlt sich der Hobbyruderer Jürg Aebi trotz allem am wohlsten.