Herr Kilcher, warum wechseln Sie aus der freien Forschung zum Staat?

Lukas Kilcher: Ich war nicht auf der Suche und hatte nicht den Wunsch, vom FiBL (Forschungsinstitut für biologischen Landbau) wegzugehen, sondern wurde vom Ebenrain angefragt. Genau genommen arbeitete ich beim FiBL auch nicht in der Forschung, sondern vermittelte in der Bildung, Beratung und Kommunikation die Forschungsergebnisse meiner Kollegen. Unter anderem erstellte ich in dieser Funktion 1997 den schweizweit ersten Lehrgang Biolandbau in Zusammenarbeit mit dem Ebenrain. Ich kenne den Ebenrain, der einst eine Pionierrolle einnahm, also vor allem als Bildungseinrichtung. Ausserdem bin ich dem Baselbiet seit meiner Ausbildung verbunden; unter anderem arbeitete ich ein halbes Jahr auf einem Hof in Wittinsburg. Das war eine sehr schöne und prägende Erfahrung.

Welche Erfahrungen in einer leitenden Position konnten Sie bisher im FiBL sammeln?

Ich war beim FiBL viele Jahre in der Geschäftsleitung und leitete dort vier Jahre den Beratungsdienst, elf Jahre die Entwicklungszusammenarbeit und die vergangenen vier Jahre die Kommunikation. Führung und Leitung sind also nichts Neues für mich; aber einem Amt vorzustehen, ist eine neue Erfahrung für mich.

Wie ist Ihr Führungsstil?

Ich will meinen eigenen Stil gemeinsam mit dem Ebenrain-Team finden und habe kein Patentrezept dafür. So viel kann ich aber schon sagen: Ich will ein verlässlicher Partner sein für die Baselbieter Bauern und diesen mit kreativen und innovativen Bildungs- und Beratungsangeboten sowie mit einer effizienten und fairen Umsetzung der Agrarpolitik eine erfolgreiche Zukunft ermöglichen. Als Erstes bin ich aber selbst Lehrling am Ebenrain: Ich will möglichst viel lernen von meinem Team und herausfinden, wie die alltägliche Zusammenarbeit mit den externen Partnern und in der Verwaltung funktioniert.

Welches Potenzial sehen Sie für die biologische Landwirtschaft?

Der Markt wächst stetig und bietet auf jeden Fall Potenzial, zum Beispiel für regionale Produkte und Baselbieter Spezialitäten wie Kirschen. Allerdings gibt es aufseiten der Produktion recht viele Herausforderungen, die erklären, warum die Entwicklung des Biolandbaus im Baselbiet nicht so rasant erfolgte wie andernorts. Ich gebe zum Beispiel den Kirschbauern recht, wenn Sie sagen, es gebe noch zu wenige biologische Lösungen gegen Kirschfliegen, Monilia, Blattläuse oder Pfeffingerkrankheit. Diese Herausforderungen möchte ich zusammen mit den Bauern sowie den Fachleuten des Ebenrains und des FiBL angehen. Persönlich stehe ich dem Biolandbau sehr offen und wohlwollend gegenüber; meiner Erfahrung nach ist er auch bei anspruchsvollen Kulturen möglich und für die Bauernfamilien lohnend. Deshalb würde ich gerne mit interessierten Bauern zusammenarbeiten, um Fortschritte im Biolandbau zu erzielen.

Haben aber auch Bauern mit konventioneller Landwirtschaft bei Ihnen ein offenes Ohr?

Auf jeden Fall. Das dürfte man eigentlich gar nicht so formulieren, weil ich für alle Bauern im Baselbiet gleichermassen Ansprechpartner bin. Aber es ist nun einmal so, dass die Nachfrage nach ökologischer Qualität in der Agrarproduktion wächst. Das ist den Konsumenten wichtig und ist auch von der Agrarpolitik gewollt. Der Biolandbau ist eine Möglichkeit, das zu erreichen. Eine weitere sehe ich in der Stärkung regionaler Produkte, die immer mehr gefragt sind. Kostengünstige Massenproduktion ist jedenfalls keine Option für die Baselbieter Landwirtschaft.

Wie viel Entscheidungsfreiheit bleibt Ihnen als Ebenrain-Leiter überhaupt noch unter kantonalen und eidgenössischen Regelungen?

Das ist eine gute Frage. Am FiBL konnten wir fast grenzenlos frei entscheiden, mit welchen nationalen und internationalen Partnern wir zusammenarbeiteten. In mir steckt schon der Wunsch, diejenigen Dienstleistungen anzubieten, die von den Kunden des Ebenrains auch gefragt sind; danach richte ich mich auch in den Gesprächen mit der Volkswirtschafts- und Gesundheitsdirektion. Ich denke, dass wir alle das Ziel verfolgen, hochwertige, ökologische und gesunde Lebensmittel zu produzieren. Von der Landwirtschaft wird allerdings nicht nur Qualität, sondern auch Produktivität gefordert. Der Aspekt der Versorgung wird mit wachsender Weltbevölkerung wichtiger, auch für das Baselbiet. Tatsächlich muss ich also erst noch «erlernen», wie viel Gestaltungsspielraum ich tatsächlich haben werde.

Was werden Sie heute an Ihrem ersten Arbeitstag tun?

Nach der Begrüssung durch Regierungsrat Thomas Weber werde ich als Erstes mit meinem Stellvertreter Andreas Bubendorf aktuelle Geschäfte besprechen und – wie könnte es anders sein – meinen Computer einschalten. Aber nur für kurze Zeit: Ich freue mich, den Rest des Tages mit dem Team und den Bauern zu verbringen: Um 10 Uhr werde ich mich bei einem gemeinsamen Znüni dem Ebenrain-Team vorstellen. Um 11 Uhr stelle ich mich beim Landwirtschaftsrat des Bauernverbands beider Basel vor, der am Ebenrain tagt. Am Nachmittag nehme ich an einer Besichtigung des Stallneubaus auf dem Hofgut Wildenstein in Bubendorf teil sowie an einer Diskussion zur neuen Agrarpolitik 2014–2017.

Was ist Ihr Ziel für die ersten 100 Tage im Amt?

Ich möchte als Erstes herausfinden, wohin sich der Ebenrain und die Baselbieter Landwirtschaft entwickeln können und wollen. Konkrete Pläne habe ich keine vorgefasst. Die möchte ich bewusst in Zusammenarbeit mit dem Team, den Bauern und der Volkswirtschaftsdirektion erarbeiten. Was sicher auf uns zukommt in den nächsten Monaten ist die von Regierungsrat Weber angekündigte Strategieentwicklung der VGD. Sie betrifft auch das Ebenrain. Die VGD-Themenbereiche Volkswirtschaft, Gesundheit und Landschaft sollen stärker miteinander vernetzt werden. Ich stehe dem sehr positiv gegenüber, das wird uns über längere Zeit intensiv beschäftigen. Sicher ist auch, dass die eidgenössische Verordnung zu den Direktzahlungen an die Landwirte den Ebenrain in den nächsten Monaten stark beschäftigen wird. Die Umsetzung der Massnahmen per 1. Januar 2014 wird für alle Landwirtschaftsämter der Schweiz eine grosse Herausforderung. Bei vergangenen ähnlichen Operationen standen den Ämtern mehr als sechs Monate Zeit zur Verfügung, jetzt kaum zwei Monate.