Die Ausgangslage ist die gleiche – und doch ist alles anders. Schon vor knapp drei Jahren interviewte die bz Esther Flubacher. Damals war die im Leimental aufgewachsene Schweiz-Katalanin gerade auf dem Sprung nach Barcelona, um am ersten Referendum über die Unabhängigkeit Kataloniens teilzunehmen, der sogenannten Volksbefragung über die politische Zukunft der Teilregion vom 9. November 2014. Auch am 1. Oktober war die 38-jährige Doppelbürgerin in Katalonien, um ihre Stimme abzugeben. Doch anders als das erste Referendum endete das zweite mit Gewalt.

Wir haben Flubacher in Basel getroffen, kurz, bevor sie wieder nach Katalonien abreiste, wo sie mittlerweile lebt.

Esther Flubacher, am Dienstag wurde die Unabhängigkeitserklärung Kataloniens suspendiert. Was ist ihre Prognose: Wird Katalonien unabhängig?

Esther Flubacher: Die Bevölkerung hat sich im Rahmen, in dem es ihr überhaupt möglich war, schon mehrfach deutlich so geäussert. Das lässt sich nicht mehr aufhalten.

Wann wird es diesen souveränen katalanischen Staat geben? In zwanzig Jahren? Oder doch eher in fünfzig?

In drei, vier, maximal fünf Jahren.

Wie haben sie den Tag des Referendums am 1. Oktober erlebt?

Ich habe in Reus abgestimmt, dort lebe ich seit zwei Jahren. Gegen 5 Uhr morgens ging ich zusammen mit meinem Partner zum Wahllokal, das in einer Schule untergebracht war. Wir gaben um halb 11 Uhr unsere Stimmzettel ab. Danach harrten wir dort aus, um die Urnen zu schützen. Das dauerte etwa bis 9 Uhr abends.

Es gibt verstörende Bilder von jenem Sonntag: Beamte der Guardia Civil stürmten Wahllokale, konfiszierten Wahlurnen, schlugen Menschen. Wie erging es Ihnen?

Als wir die ersten Fotos von blutüberströmten Zivilisten sahen, war die Angst gross, dass die Polizisten auch uns einen Besuch abstatten würden. Zum Glück liessen sie unser Lokal aus, in Nachbargemeinden hatten sie weniger Glück. Wie man sah, hatten es die Polizisten speziell auf Frauen und ältere Leute abgesehen. Wir vermuten, dass es dabei darum ging, die Männer zu provozieren, damit diese eingreifen. So hätte man einen willkommenen Vorwand gehabt, umso härter vorzugehen. Zum Glück blieb es vonseiten der Zivilbevölkerung ausnahmslos friedlich.

Sie wurden in Ettingen geboren und lebten bis vor zwei Jahren in der Schweiz. Seit wann setzen Sie sich für die Unabhängigkeit Kataloniens ein?

Das war vor rund fünf Jahren, im Vorfeld der ersten Unabhängigkeits-Abstimmung 2014. Schon diese wurde vom spanischen Verfassungsgericht untersagt. Lange habe ich daran geglaubt, dass Spanien sich modernisieren und reformieren wird. Doch diese Hoffnung habe ich aufgegeben.

Fühlen Sie sich noch als Spanierin?

Früher habe ich gesagt, dass ich Spanierin bin. Doch spätestens seit den Ereignissen 2014 bezeichne ich mich vermehrt als Katalanin und natürlich auch als Schweizerin. Dieser Bruch ist schmerzhaft – das ist nichts Lustiges, nichts Schönes, ich habe ja auch Freunde in anderen Teilen Spaniens. Bei anderen habe ich diesen inneren Ablösungsprozess ebenfalls beobachtet. Noch vor zehn Jahren befürworteten kaum mehr als 15 Prozent der Katalanen eine Abspaltung, heute sind es wohl über 50 Prozent. Wie viele es genau sind, kann man nicht sagen – wir haben ja noch nie die Gelegenheit erhalten, diese Frage demokratisch zu klären.

Wie denkt ihre Familie?

Meine Mutter ist Katalanin. Ein Teil meiner Verwandtschaft lebt in der Region Basel, der andere in Katalonien. Viele haben die Franco-Diktatur noch miterlebt, die Unterdrückung der katalanischen Sprache und Kultur. Bei dieser Gruppe war der Wunsch nach Unabhängigkeit schon immer gross. Man muss auch bedenken, dass die Franco-Zeit in Spanien nicht aufgearbeitet ist.

Daniel Ordás, Basler mit spanischen Wurzeln, hält Vorträge über direkte Demokratie schweizerischer Prägung, auch in Spanien. In der bz vom Montag schrieb er über die aktuelle Krise. Seine These: Nach Francos Tod erhielt Spanien 1978 eine für die damalige Zeit fortschrittliche Verfassung mit föderalistischen Elementen. Doch dann sei man stehen geblieben.

Ich stimme mit Ordás grundsätzlich überein. Nur in einem Punkt unterscheiden wir uns: Ich glaube nicht, dass in Gesamtspanien der Wille vorhanden ist, eine Dezentralisierung anzustossen und durchzuführen. In Madrid zeigt der Trend sogar in die andere Richtung: hin zu mehr Zentralismus. Lange Zeit habe ich das föderative System Spaniens für eine gute Sache gehalten. Denn vor allem war ich Föderalistin und Demokratin. Ziel müsste doch sein, dass die Regionen Kompetenzen erhalten wie die Schweizer Kantone. Das wird aber nie geschehen.