Es war kein Jahrhundert-Hochwasser. Es war ein Drei-Jahrhundert-Hochwasser. Gleich zweimal wurde Muttenz im Frühling und Frühsommer 2016 von Überschwemmungen heimgesucht, und das innerhalb von nur sechs Wochen: Das erste Mal über das Pfingstwochenende, dann nochmals am 26. Juni. Nasse Böden und extreme Niederschläge innerhalb von wenigen Stunden – eine solche Konstellation komme im Schnitt alle 300 Jahre vor, lautete das Fazit von Experten.

Doch Muttenz will nicht einfach zuwarten, bis das Dorf das nächste Mal unter Wasser steht. Die Gemeinde hatte schon nach dem ersten Hochwasser Massnahmen angekündigt und Studien in Auftrag gegeben. Schon im Herbst 2016 lagen erste Erkenntnisse vor. Der Fall war klar: Es braucht bauliche Massnahmen.

Über eine davon entscheidet die kommende Gemeindeversammlung. Am Dienstag, 26. Juni, steht ein Kredit in der Höhe von rund einer halben Million Franken auf der Traktandenliste. Mit dem Geld soll unter anderem eine neue Bachwasserableitung finanziert werden.

Nadelöhr Bacheinlauf

Die Ableitung würde an das Einlaufbauwerk «Hüslimatt» anschliessen. Es war das Nadelöhr bei den Überschwemmungen vor zwei Jahren. Das Einlaufbauwerk befindet sich im Oberdorf. Ab diesem Abschnitt verschwindet der Dorfbach in den Untergrund, bis er sich im Westen der Gemeinde in die Birs ergiesst. Bei den Überschwemmungen war der Dorfbacheinlauf jedoch mit Geschiebe und Gehölz verstopft. Als der Dorfbach zu einem reissenden Fluss anschwoll, suchte er sich seinen eigenen Weg durchs Dorf. Dabei folgte er seinem früheren Lauf, der ihn in Richtung Norden statt Westen führte – mit üblen Folgen.

Die von einer braunen Brühe umtoste Muttenzer Wehrkirche erinnerte an ein Schiff. In einigen Häusern stieg das Wasser im Erdgeschoss bis zur oberen Türkante. Noch im Talgrund kam es zu Überschwemmungen. Strassen waren gesperrt, die Tramlinie 14 musste an beiden Hochwassertagen den Betrieb stundenlang einstellen.

Harsche Kritik an der Gemeinde

Nach den Hochwassern kamen Vorwürfe auf. Die Gemeinde habe den Hochwasserschutz verschlafen. Für das Einlaufbauwerk sei seit Jahren eine Sanierung vorgesehen gewesen – doch man habe nicht vorwärtsgemacht. Tatsächlich bewilligte die Gemeindeversammlung das Projekt 2010 ein erstes Mal. Bereits in den 1990er-Jahren hatte der Kanton Muttenz gewarnt, dass die Ablaufkapazität des Dorfbachs nicht ausreiche.

Der Gemeinderat wehrte sich gegen die Kritik. So hätten Einsprachen von Grundeigentümern die Planungen für die Sanierung des Einlaufbauwerks verzögert. Danach sei die Bauverwaltung von andere Grossprojekten absorbiert gewesen.

Seit Winter ist die Sanierung des Einlaufbauwerks im Gang, es ist beinahe fertiggestellt. Das Hochwasserereignis hatte auch etwas Gutes. Das Sanierungsprojekt wurde überarbeitet. Das Einlaufbauwerk fasst nun 10 Kubikmeter Wasser pro Sekunde, ursprünglich waren 6,4 Kubikmeter pro Sekunde vorgesehen gewesen.

Wird nun der Kredit bewilligt, kann die Bachwasserableitung im Bereich Hüslimatt mit derselben Durchflusskapazität gebaut werden. Die Gemeinde Muttenz schreibt: «Bei einer Annahme wäre der Weg frei, das fehlende Leitungsstück so zu bemessen, dass weiterhin sämtliche in Abklärung befindlichen Schutzmassnahmen möglich sind und realisiert werden könnten.»

Dämme sind kaum ein Lösung

Eine dieser Schutzmassnahmen beträfe das Leitungsnetz im Einzugsgebiets des Dorfbachs. Dort sollen die Rohre so vergrössert werden, dass sie ebenfalls 10 Kubikmeter Wasser pro Sekunde aufnehmen können. Ebenfalls in Diskussion sind Retentionen wie Dämme oder Reservoirs.

Der Muttenzer Gemeindeverwalter Aldo Grünblatt schreibt, die Gemeinde kläre derzeit zusammen mit dem Kanton ab, welche dieser beiden Massnahmen – Erweiterung des Leitungsnetzes oder Retentionen – realisiert werde. Möglich sei auch eine Kombination. Gerade das Gebiet Zinggibrunn am südöstlichen Siedlungsrand von Muttenz ist landschaftlich reizend. Dämme oder Reservoire könnten als Störfaktoren wahrgenommen werden.
Die Extremereignisse waren sehr kostspielig. Alleine die Studien, Berichte und Ingenieurdienstleistungen haben Muttenz bisher rund 50 000 Franken gekostet. Der Kanton beteiligt sich mit 40 Prozent an den Ausgaben. Laut Aldo Grünblatt «war und ist die zusätzliche Belastung der Verwaltung erheblich.»

Immerhin: Bisher ist bei der Gemeinde keine Schadenersatzforderungen seitens der Bevölkerung eingegangen.