Hart verhandelt, ja gefightet hätten sie mit dem Kanton um die Rahmenbedingungen, berichtete der Niederdörfer Gemeindepräsident Martin Zürcher den schon fast rekordverdächtigen 90 Besuchern der Gemeindeversammlung am Montagabend. Und er fügte an: «Wir wollen keine Probleme, und auch die Asylsuchenden wollen keine.»

Hintergrund für den Grossaufmarsch war die bevorstehende Öffnung der Zivilschutzanlage für Flüchtlinge im östlichen Dorfteil. Und die Versammlungsteilnehmer, die gekommen waren, brauchten ihr Kommen nicht zu bereuen, denn sie erhielten von federführenden Kantonsvertretern ein reichhaltiges Informations-Mahl serviert.

Kanton bald «ausgeschossen»

Marcus Müller, Leiter des kantonalen Krisenstabs, erklärte den Niederdörfern die grossräumige Lage und wieso gerade das kleine, periphere Niederdorf nun eines von drei Auffangzentren im Baselbiet erhält. Die Flüchtlingswelle schwelle seit Anfang Jahr stetig an und sei mit der Kosovo-Krise von 1998/99 vergleichbar. Dem Kanton seien im November rekordhohe 150 Asylsuchende vor allem aus Afghanistan, Irak und Syrien zugewiesen worden. 60 Prozent der Flüchtlinge seien Männer im Alter zwischen 20 und 30 Jahren. Wegen der «ausgebauten und funktionierenden» Balkanroute und der anhaltenden «Sekundärmigration» aus Deutschland erwarte man auch im Winter keinen grossen Rückgang. «Die Unterbringungskapazitäten sind generell kritisch», so Müller.

Weil Aesch, Allschwil, Arlesheim und Pratteln dem Bund mit ihren Zivilschutzanlagen bereits als Aussenstelle dienen, verbleiben im Kanton laut Müller noch drei geeignete Anlagen als Auffangzentren – jene in Niederdorf, Laufen und Münchenstein sowie eine «operative Reserve» in Liestal. Müller: «Dann sind wir ausgeschossen.» Auffangzentren sind temporäre Puffer des Kantons, in denen Asylsuchende bei grossem Ansturm vier bis acht Wochen wohnen, bis sie auf die Gemeinden verteilt werden können; Baselland muss 3,7 Prozent der in der Schweiz ankommenden Flüchtlinge übernehmen.

Niederdorf zeigt Solidarität.

Niederdorf zeigt Solidarität.

Niederdorf nun, so Müller weiter, verfüge über eine kombinierte Zivilschutzanlage, wobei nur der eine Teil, die sogenannte Sanitätsstelle, beansprucht werde. Der andere Teil bleibe weiterhin der Bevölkerung als öffentlicher Schutzraum vorbehalten.

Asylkoordinator Rolf Rossi kündete an, dass die Anlage am 21. Dezember eröffnet und der Betrieb langsam auf maximal 100 Bewohner heraufgefahren werde. Vom Betreuungspersonal der Firma Convalere wären rund um die Uhr minimal zwei Personen anwesend. Beim Eintritt gebe es eine «strikte Kontrolle», bei der die Leute identifiziert und durchsucht würden. Alkohol, Drogen und Schusswaffen würden ihnen dabei abgenommen, versicherte Rossi.
Neben einer «klaren» Hausordnung mit geregelten Öffnungs- und Besuchszeiten sowie Hausarbeiten, die die Asylsuchenden erledigen müssen, seien auch sensible Zonen ausgeschieden worden. Dabei sei das Gebiet um das Seniorenzentrum Gritt, der Spielplatz, die Anwohner-Grundstücke rund um die Zivilschutzanlage und das Schulareal Sperrzonen für die Asylsuchenden, präzisierte Gemeindepräsident Zürcher.

Familien würden überfordern

Wobei die grösste Gefahr nicht von Fremden, sondern von Einheimischen ausgeht. Denn Beat Krattiger von der Baselbieter Polizei stuft in seiner Risikoanalyse zu Niederdorf Bombendrohungen und Brandstiftungen von aussen als grösste Bedrohung ein. Zu guter Letzt bilanzierte Marcus Müller: «Kanton und Gemeinden müssen die Herausforderung gemeinsam angehen. Dabei haben die Asylsuchenden ein Recht auf menschenwürdigen Schutz, und die Bevölkerung das Recht, dass ihr gewohnter Alltag geschützt wird.»

Und was sagten die Niederdörfer? Sie kritisierten die späte Information, sie fürchten um die Nachtruhe, wobei ihnen die eigenen Jugendlichen grössere Sorgen bereiten, und sie sprachen die Ohnmacht vor der nicht enden wollenden Flüchtlingswelle an. Sie wollten aber auch wissen, was die Betreuung kostet, worauf Rossi auf den Bund als Kostenträger verwies, aber konkrete Zahlen schuldig blieb. Und sie erkundigten sich, wer denn überhaupt nach Niederdorf komme. Dazu sagte Zürcher: «Es kommen männliche Asylsuchende und keine Familien. Sonst müssten wir die Kinder einschulen, und damit wären wir überfordert.»

Das wars – keine Hasstirade, keine rassistische Bemerkung und am Schluss sogar grosser Applaus für die Kantonsvertreter und den Gemeinderat. Und nach der Versammlung meinte ein nicht ganz unbekannter Niederdörfer: «Ich bin heute stolz, Bewohner dieses Dorfes zu sein.»