Der geborene Wandersmann ist er nach eigener Einschätzung nicht. Aber er hat etwas geschafft, wovon leidenschaftliche Anhänger des beliebtesten Schweizer Volkssports nicht einmal zu träumen wagen. Hansjörg Thommen hat den Weg «Norge på langs» (Norwegen der Länge nach) vom 28. Mai bis 2. Oktober gemeistert. 200 Kilometer vor dem Nordkapp war Schluss, weil der Niederdörfer ab dort nur noch auf Strassen hätte marschieren müssen, was ihm nicht behagte, und sich das Wetter verschlechterte. Sein Ziel war, 2000 Kilometer per pedes zurückzulegen.

Bezaubernde Landschaft

Vom Erlebten auf den Wanderwegen im langgezogenen skandinavischen Land ist der 61-jährige Frührentner überwältigt. Wenn dieser vom eindrücklichsten Erlebnis erzählt, kommt er ins Schwärmen: «Die Tagesetappe im Dividal-Nationalpark im Norden war genial, ein Highlight.» Thommen und eine ebenfalls erfahrene norwegische Wanderin, die er unterwegs traf und mit der er von der Hälfte bis zum Ziel zusammen war, befanden sich in einem Tal und wachten quasi mit diesem auf. «Wir befanden uns stets vor der Sonne, vorne der Schatten. Und wie wir das Tal hinaufwanderten, stieg die Sonne.» Dazu kam die bezaubernde Landschaft, die gegen Ende September in bunte Farben getaucht war.

Mit dem Wetter hatte der Baselbieter Glück. Es war der trockenste September in Nordnorwegen seit über 100 Jahren. Wirkliche Regentage zählte Hansjörg Thommen nur zehn. Hart gefordert wurde er zweimal. Ein Teilstück im Süden – nicht allzu lang, aber sehr nass – führte durch Bäche und Sümpfe. Später musste er auf Geröllhalden mit Felsbrocken bis Autogrösse klarkommen. «Für 500 Meter brauchte ich eine ganze Stunde», berichtet er.

Einen kritischen Moment hatte Thommen zu überstehen. Zehn Tage nach dem Start fiel er in einen Bach. Pudelnass musste er danach noch acht, neun Stunden weiterlaufen, um die nächste Hütte zu erreichen. Es sei nicht gefährlich gewesen, aber sehr sumpfig und habe stark geregnet, erzählt er. Zelten war unmöglich. Bloss 18-mal richtete der Naturliebhaber sein Zelt auf, ansonsten übernachtete er in Hütten des Norwegischen Wandervereins.

Auf einer stark befahrenen Strasse wurde der Wandervogel von Journalisten aufgespürt. Diese interessierten sich für seine Tour. Darüber erschien in einem norwegischen Lokalblatt eine zweiseitige Reportage. Das Interview fand im Auto statt. Der 61-Jährige konnte ein Stück mitfahren. Sporadisch liess er seinen Rucksack transportieren. «Das macht das Wandern ein bisschen einfacher.»

Hansjörg Thommen ist nicht nur ein routinierter Abenteurer, er weiss auch, was es dazu braucht. Nebst körperlicher Fitness sind ideale Ausrüstung und ausreichende Ernährung elementar. All das ist jedoch zwecklos, ohne gut vorbereitet zu sein. Auch diesbezüglich überlässt der frühere Informatiker nichts dem Zufall. Ein halbes Jahr investierte er dafür. Davon zeugen seine farbigen Excel-Tabellen, die jede Einzelheit festhalten. Er budgetierte sogar die zu verbrauchenden und aufzunehmenden Kalorien. Hansjörg Thommen ist detailversessen.

Er hatte die Tour im Kopf. Ein paar Tage hatte er jedoch zu optimistisch geplant. Am Schluss brauchte er zehn Tage länger. «Peanuts», kommentiert der Niederdörfer. Ihn brachte auch nicht aus der Ruhe, als er bei der Ankunft in Oslo bemerkte, dass er die Wandersocken zu Hause vergessen hatte. Solche erwarb er schnell wieder.

Kaufen musste er unterwegs auch neue Wanderschuhe. In Kiruna, der nördlichsten Stadt Schwedens, stellte er ein Loch in einem Schuh fest. Neue Wanderhosen mussten ebenfalls her, weil sie Thommen zu weit wurden. Während seines langen Wandertrips liess er auf den nordischen Pfaden 18 Kilo seines Körpergewichts liegen. Allerdings sei er mit Übergewicht gestartet, schmunzelt er. Täglich verbrannte er weit über 4000 Kalorien, die er mit der Nahrung nie vollständig kompensieren konnte.

Im Voraus schickte Thommen Pakete mit Proviant an bestimmte Orte wie Tankstellen oder Zeltplätze. Einmal musste er Essen für 13 Tage packen, weil sich keine Einkaufsmöglichkeit bot. Sein Rucksack erreichte das maximale Gewicht von 29 Kilo. An Flüssigkeit zu kommen, sei kein Problem. «Wasser kann man im Norden aus jedem Bach trinken, im Süden weniger», erzählt der grossgewachsene 61-Jährige.

Rund 20 Personen haben heuer «Norge på langs» absolviert. Der Oberbaselbieter war der einzige ohne Papierkarten. Er hatte eine 1:50 000er-Karte offline auf seinem Smartphone sowie ein GPS-Gerät. Orientierungsprobleme habe er keine gehabt, denn mit wenigen Ausnahmen seien die Wege «sehr gut» markiert – mit Farben und Steinmännchen. Thommen führte auch einen Notfallsender bei sich, weil er nicht immer Telefonempfang hatte. Alle zehn Wanderminuten setzte der «Findmespot» eine Meldung ab und gab im Internet die genaue Position an. Insgesamt registrierte Thommen 4500 Meldungen. Dabei erhielt er von Freunden Tipps für die Routenwahl. Auf Facebook postete er Fotos und Videos und liess seine Fangemeinde stets mitfiebern. Zahlreiche Kommentare und Likes waren das Resultat.

Kleine Motivationsmängel

Für derartige physische Belastungen ist auch eine robuste mentale Verfassung unabdingbar. Zwischendurch hatte Hansjörg Thommen zwar kleine Motivationsmängel. Aber Aufgeben war nie ein Thema. Er nahm sich den Tipp eines Kollegen zu Herzen: Wenn du nach Hause willst und es dir stinkt, gib dir noch fünf Tage. «Das Ganze ist eine Kopfsache», ist der Ausdauersportler überzeugt.

Auf weitere Projekte angesprochen, antwortet der unternehmungslustige Thommen: «Solche 100 Tage brauche ich nicht mehr.» Vorstellen kann er sich aber, später den Jurahöhenweg nach Genf oder die Alpenquerung von Oberstdorf nach Meran zu begehen. Er bäckt künftig kleinere Brötchen und gibt sich mit kürzeren Distanzen zufrieden.