„Dann soll man mich halt beleidigte Leberwurst nennen“, sagt Claude Janiak. Aber im Abstimmungskampf um den Erhalt der S-Bahnlinie 9, dem Läufelfingerli, werde er sich nicht engagieren. Das war bis zum vergangenen Sonntag noch ganz anders. Der Baselbieter SP-Ständerat sass im Läufelifingerli-Komitee und hatte zugesagt, an der als Abstimmungsauftakt geplanten Landsgemeinde in Rümlingen am 15. Oktober eine Rede zu halten. Im Komitee werde er zwar weiterhin bleiben, die Landsgemeinde jedoch nicht besuchen und auch sonst im Zusammenhang mit dem Läufelfingerli nicht in Erscheinung treten. Eine entsprechende Meldung des "Regionaljournals Basel" bestätigte Janiak am Montag gegenüber der bz.

Homburgertal war "völlig unsensibel"

Was war also am Sonntag geschehen, dass Janiak die Nase dermassen voll hat? Das Tramprojekt Margarethenstich, dessen Pro-Komitee von Janiak co-präsidiert wurde, stürzte an der Urne ab. „In Waldenburg und in Liestal gibt es öV-Projekte, entsprechend sensibel wurde dort abgestimmt“, findet der Binninger. Die beiden Gemeinden gehörten zu den einzigen sechs Gemeinden im Kanton, die gestern Ja zum Margarethenstich sagten. „Dort hat man offensichtlich verstanden, worum es geht. Die Einwohner des Homburgertals aber sagen völlig unsensibel Nein, müssen mit den Konsequenzen leben und selber überzeugend dartun, weshalb das Baselbiet ihr Läufelfingerli erhalten muss.“

So stimmten die Gemeinden zum Margarethenstich ab.

Den Zusammenhang zwischen Läufelfingerli und Margarethenstich sahen viele schon vor der Abstimmung. Die Befürchtung: Die Unterbaselbieter, allen voran die Leimentaler, würden dem Tramprojekt zustimmen, die Oberbaselbieter es aber ablehnen. Dann würde die Rache der Unterbaselbieter bei der Läufelfingerli-Abstimmung am 26. November auf dem Fusse folgen. Doch genau dies ist nicht eingetreten: Im Unterbaselbiet sagte mit Arlesheim genau eine einzige Gemeinde Ja. Die Leimentaler votierten geschlossen dagegen. „Aber das ist hier gar nicht das Thema, sondern dass die, die etwas wollen, die nötige Sensibilität nicht aufbringen“, wendet Janiak ein. "Wer das nicht will, geht, wie das Leimental, für längere Zeit leer aus." Er werde sich in den verbleibenden zwei Jahren seiner Amtszeit nun voll auf den Bahnknoten Basel unddie trinationale S-Bahn konzentrieren.

Komitee: Vorlagen sind nicht zu vergleichen

Dass das Oberbaselbiet das Unterbaselbiet überstimmen könnte, fürchtete im Vorfeld der Abstimmung auch SVP-Landrätin Susanne Strub. Als eine von wenigen in ihrer Partei votierte sie für den Margarethenstich. Trotzdem akzeptiere sie das Abstimmungsresultat. «Die betroffenen Gemeinden haben auch Nein gesagt, darum stimmt dieses Resultat für mich», sagt Strub. Und weil das Unterbaselbiet den Margarethenstich ebenfalls nicht wollte, sieht die Co-Präsidentin des Komitees für den Erhalt der S9 auch keine Konsequenzen für das Läufelfingerli. «Das Volk denkt mit und differenziert sehr gut. Darum denke ich nicht, dass die eine Abstimmung nun Auswirkung auf die andere hat.» Die Vorlagen seien nämlich nicht zu vergleichen: Beim Margarethenstich wäre es um den Bau einer neuen Infrastruktur gegangen, beim Läufelfingerli nun stehe der Erhalt einer bestehenden und historischen Strecke im Zentrum.

Das sieht Jürg Degen, er sitzt ebenfalls im Präsidium des Läufelfingerli-Komitees, ähnlich. Der alt SP-Landrat bedauert die deutliche Ablehnung des Tramprojekts. «Auch dass die Ablehnung im Homburgertal so gross war. Ein Zeichen zu Gunsten des öV ins Unterbaselbiet wäre schön gewesen.» Er habe im Vorfeld immer betont, dass die Vorlage auch eine Frage der Solidarität sei und das Oberbaselbiet sie nicht leichtsinnig ablehnen sollte. «Aber die Betroffenen wollen den Margarethenstich offenbar auch nicht.»

Solidarität ist Ansichtssache

Darum sei schwierig zu interpretieren, was innerkantonale Soldiarität bedeute: Solidarität mit den Leimentaler Gegnern oder mit den Befürwortern? Es sei schwierig, nun zu analysieren, was zum Nein geführt habe. Er könne sich gut vorstellen, dass viele Einwohner des Homburgertals immer nur vom kürzeren Weg an den Bahnhof hörten und tatsächlich dachten: «Mit der Streichung der S9 würden unsere Arbeitswege locker 20 Minuten länger und die finanzielle Ersparnis wäre klein – im Unterbaselbiet will man wegen fünf Minuten Millionen ausgeben.»

Ging es am Schluss also einfach um die Finanzen? Diese würden auch gegen das Läufelfingerli sprechen. «Die Dimensionen sind gar nicht vergleichbar: Mit der Einstellung der S9 will man jährlich 840 000 Franken sparen. Der Margarethenstich hätte 7,3 Millionen gekostet», sagt Degen. «Die Finanzen sind trotzdem ein wichtiges Thema bei Läufelfingerli: Gegen das Spar-Argument kommt man nur schwer an.» Nun sei es am Komitee, richtig in den Abstimmungskampf zu starten. Mit dem Rückzug von Claude Janiak stehe dieser Start allerdings unter einem schwierigen Stern.