In elf Tagen wird er 80 Jahre alt, aber in den letzten Wochen kämpfte er wieder wie ein Löwe: Toni Eglin stand im öffentlichen Clinch mit dem Ormalinger Gemeinderat, der mit dem Abriss der alten Turnhalle gleich auch das auf dessen Verputz eingekratzte Sgraffito «Die Zigeunerin» seines Vaters Walter Eglin dem Erdboden gleichmachen wollte (die bz berichtete).

Am Dienstagabend lenkte der Ormalinger Gemeinderat auf ein Wiedererwägungsgesuch Eglins hin ein. Er beschloss, jene Wand der Turnhalle mit dem Sgraffito drauf Toni Eglin zu schenken. Eglin hat nun laut Gemeindepräsidentin Verena Schürmann bis Ende August Zeit, das Kunstwerk abzubauen. Die 30 000 Franken an den Erhalt der «Zigeunerin», die der Gemeinderat im Januar gesprochen hatte, die aber mit dessen Kehrtwende im Mai, die Turnhalle inklusive Kunstwerk abzureissen, obsolet wurden, werde die Gemeinde wie ursprünglich beschlossen entrichten, sagt Schürmann.

Der Oberst duckt sich nicht weg

Mit dem Ormalinger Gemeinderat hat eine weitere Behörde gemerkt, dass man sich besser nicht mit Eglin junior anlegt. Denn dieser befindet sich seit bald vier Jahren in einem äusserst erfolgreichen Dauerkampf. So erreichte er in Liestal, Muttenz, Hölstein, Basel (s. Chronologie unten) und jetzt in Ormalingen, dass gefährdete Werke seines Vaters erhalten bleiben. Dabei kamen ihm verschiedene Begleitumstände zu Gute: Toni Eglin ist es als einstiger, langjähriger Personalchef des grössten Automobilimporteurs und als ehemaliger Oberst der Schweizer Armee nicht gewohnt, sich beim ersten Gegenwind wegzuducken. Zudem arbeitete der gelernte Kaufmann früher selbst einmal in der Verwaltung, genauer gesagt beim damaligen Baselbieter Polizeikommando. Er weiss, wie Behörden ticken.

Und Toni Eglin führt seinen Kampf nicht alleine. Auch wenn sich der «Freundeskreis Walter Eglin», der vor anderthalb Jahren zum 50. Todestag des Künstlers das ansehnliche Werk «Der steinige Weg des Walter Eglin» herausgab, sich mittlerweile wieder aufgelöst hat, blieben Eglin junior die treusten Kämpen erhalten. Allen voran sind das der Autor Thomas Schweizer und der Maler Ruedi Pfirter.

Das wichtigste aber: Nichts verbindet so wie das Blut. Das erst recht, wenn man wie Toni Eglin «ein sehr gutes Verhältnis zu einem verständnisvollen Vater» hatte. Bei ihm habe er auch gelernt, durchzuhalten. So erinnert sich Toni Eglin, wie sein – autoloser - Vater für sein grösstes Mosaik «Sendung» im Kollegiengebäude der Uni Basel, an dem er acht Jahre gearbeitet hat und das ihm den Durchbruch als Künstler brachte, vier Tonnen Steine im Rucksack nach Hause in Diegten schleppte. Und die Söhne – Toni hat noch einen Bruder – mussten dabei früh mithelfen.

Auch sah Toni Eglin seinem Vater stundenlang im Atelier bei der Arbeit zu. Doch obwohl er ebenfalls sehr kunstinteressiert ist, liess er nach ersten Versuchen schnell die Finger von eigenen Werken: «Mein Vater sagte: ‹Wenn Du nichts Besseres fertig bringst, lass es sein.› Er war der Experte, also befolgte ich seinen Ratschlag.»

Nicht einlassen will sich Toni Eglin auf eine Diskussion über den künstlerischen Stellenwert der einzelnen Werke seines Vaters. Genauer ausgedrückt: auf eine Abgrenzung jener Werke, für deren Erhalt es sich für ihn zu kämpfen lohnt. «Da kann ich keine Gewichtung vornehmen», meint er nur. So hat denn die Öffentlichkeit bei jeder neu aufflammenden Auseinandersetzung den Eindruck, dass es just jetzt um eines der wichtigsten Werke von Walter Eglin geht. Sein Sohn schürt das geschickt, indem er jeweils das Besondere hervorhebt.

Bei der im KV Liestal eingegipsten «Sphinx» waren das zum Beispiel die Steinchen aus der Negev-Wüste und die grünen Malachitsteine aus der Kupfergrube von König Salomon, mit denen Walter Eglin das Mosaik in Israel herstellte. Bei der «Zigeunerin» in Ormalingen ist das nebst dem lokalen Bezug des Sujets der Umstand, dass das Sgraffito auf der Zeitachse hervorsticht. Dazu Toni Eglin: «Die ‹Zigeunerin› ist das allerletzte Werk meines Vaters im öffentlichen Raum. Er hat es 1964 kurz vor seinem Tod gemacht. Deshalb liegt es mir besonders am Herzen.» Und der kinderlose Wittwer fügt bei: «Die Rettung der Werke meines Vaters ist zum Zentrum meines Lebens geworden. Dass es jetzt Schlag auf Schlag geht, hat damit zu tun, dass Gebäude mit Kunst meines Vaters ins Abreissalter kommen.»

Sissach ist gewarnt

Durchzogen fällt Eglins spontane Reaktion auf den Ormalinger Gemeinderatsentscheid aus, den er von der bz erfährt: «Das ist erfreulich, aber der gesetzte Zeitpunkt bis Ende August ist viel zu kurz. Jetzt braucht es als erstes endlich einmal ein Gespräch mit dem Gemeinderat, statt immer nur über Beschlüsse zu kommunizieren.» Denn Eglin sitzt mitten auf einer Baustelle.

So hat er zwar einen Privathausbesitzer an der Hauptstrasse, der bereit ist, der 25 Quadratmeter grossen «Zigeunerin» an seiner Giebelwand dauerhaftes Gastrecht zu gewähren. Und er hat innert kürzester Zeit auch finanzielle Zusagen über 20 000 Franken an die Umplatzierung zusammengetrommelt. Ob das zusammen mit den 30 000 Franken der Gemeinde reicht, weiss er aber nicht; die Offerte eines Baugeschäfts erwartet er in den nächsten Tagen.

Vorsorglich hat Eglin weitere Unterstützungsgesuche beim Baselbieter Swisslos-Fonds und bei der Jubiläumsstiftung der Kantonalbank eingereicht. Die entsprechenden Entscheide würden aber erst Ende August respektive Mitte September fallen, sagt Eglin. Der Fall Ormalingen kann also noch nicht abgehakt werden.

Das Gezänk um Walter-Eglin-Werke quer durch die Region dürfte den Sissacher Behörden Warnung sein. Denn dort bahnt sich ein nächster möglicher Eglin-Konflikt an: Mit dem geplanten Umbau des Primarschulhauses muss eine Lösung für das Mosaik «Hutzgüri und Weibelwyb» gefunden werden. Der «Löwe» von Olten – dort wohnt Toni Eglin – hat allerdings auch nur begrenzte Kräfte. Er sagt: «Der Kampf setzt mir gesundheitlich zu und ich habe schlaflose Nächte. Wenn Ormalingen ein gutes Ende findet, ist das aber das schönste Geschenk zu meinem 80sten.»