Die Ankündigung ist wegen der Fasnacht und der Ferien etwas untergegangen: Hans Rudolf Gysin wird in der ersten März-Woche als Präsident der Zentralen Arbeitsmarktkontrolle (ZAK) zurücktreten. Das verriet der ehemalige Direktor der Baselbieter Wirtschaftskammer in der bz vom Mittwoch. Er habe seinem Nachfolger Christoph Buser mitgeteilt, dass er unter diesen, ihn «psychisch sehr belastenden Umständen» auf seine seinerzeitige Zusage zurückkommen möchte, bis zum Vorliegen des Berichts der Baselbieter Staatsanwaltschaft an Bord zu bleiben.

Rechtliches Gehör verweigert?

Und darum gehts: Die Staatsanwaltschaft hat im vergangenen Oktober aufgrund einer anonymen Anzeige eine Strafuntersuchung eröffnet: Es bestehe dringender Tatverdacht, dass verantwortliche Organe der ZAK überhöhte Rechnungen, in erster Linie für Personal, beglichen hätten. Zudem verlangt die Baselbieter Regierung Geld zurück: Sie ist der Ansicht, die ZAK habe 2014 zu wenige Schwarzarbeitskontrollen durchgeführt und damit die Leistungsvereinbarung mit dem Kanton nicht erfüllt.

Gysin wies die Vorwürfe an die ZAK an einer eiligst einberufenen Medienkonferenz kurz vor Weihnachten zurück. Damals verkündete er aber noch, angesichts der Situation laufe er nicht davon. Als sich herausgestellt habe, dass das Verfahren länger dauern könnte, habe er angeboten, bis zu dessen Abschluss ZAK-Präsident zu bleiben, sagt er.

Heute, acht Wochen später, beurteilt Gysin die Situation anders: «Christoph Buser und ich sind auf meinen ausdrücklichen Wunsch übereingekommen, dass es sowohl auf Arbeitgeber- als auch auf Arbeitnehmerseite möglichst bald neue Köpfe braucht, um aus der verkachelten Situation herauszukommen.» Der Verkachler sei freilich nicht er. Die Schuld sehen sowohl Gysin als auch Christoph Buser beim Kantonalen Amt für Industrie, Gewerbe und Arbeit (Kiga). Das Kiga habe es bewusst unterlassen, der ZAK das rechtliche Gehör zu gewähren, kritisiert Gysin.

Der angekündigte Rücktritt als ZAK-Präsident und Delegierter der Zentralen Paritätischen Kontrollstelle (ZPK), der Baselbieter Baustellenkontrolle, ist bemerkenswert: Ab März wird Gysin in keiner Wirtschaftskammer-nahen Institution mehr leitend vertreten sein. Als Ehrendirektor des Verbands kann er künftig noch stimmberechtigt an den Sitzungen des Wirtschaftsrates und an der Delegiertenversammlung teilnehmen. Damit geht nun, nach fast 50 Jahren, eine Ära zu Ende.

Viele dachten dies ja bereits Anfang September 2012, als der Prattler den Stab bei der Wirtschaftskammer FDP-Landrat Christoph Buser übergab. Von einem «Abschied» Gysins, wie einige Medien titelten, konnte da allerdings keine Rede sein: Zwar gab er sich selber ein einjähriges Zutrittsverbot zum «Haus der Wirtschaft» am Liestaler Altmarkt, das er konsequent eingehalten habe.

Als Präsident oder Delegierter der von ihm aufgebauten Z-Organisationen (neben ZAK und ZPK sind dies die Zentrale Kautionsverwaltungsstelle Schweiz und die Zentrale Inkassostelle Schweiz), der AHV-Ausgleichskasse 114 sowie der Familienausgleichskasse Gefak zog er im sozialpartnerschaftlichen und arbeitsrechtlichen Bereich bis Ende 2015 weiter die Fäden. Dies wurde bereits 2012 vereinbart, aber nicht «an die grosse Glocke gehängt», wie Gysin nun einräumt.

Er kann nicht gut loslassen

Der KMU-Kapitän und wohl mächtigste Baselbieter Politiker der vergangenen 30 Jahre scheint Mühe zu haben, sich von seinen Ämtern zu trennen: Vor den Nationalratswahlen 2011 kam es in der kantonalen FDP zum Eklat, als die Parteileitung Gysin, der damals bereits 24 Jahre im Nationalrat politisiert hatte, ins ordentliche Nominationsverfahren um die FDP-Listenplätze schicken wollte. Der Doyen war sich dafür zu schade und trat nicht mehr an. Ein freiwilliger Rückzug, der nicht ganz ohne äusseren Druck motiviert war.

Gysin sei auch vier Jahre nach seinem Rücktritt ab und an im Bundeshaus anzutreffen, berichtet seine Nachfolgerin, die FDP-Nationalrätin Daniela Schneeberger. Als alt Nationalrat verfügt er über einen Zutrittsbadge auf Lebenszeit. Sie könne dies nachvollziehen, sagt Schneeberger: «Wenn jemand so lange in der Politik tätig war und einen Verband derart geprägt hat wie Gysin, dann ist es doch unüblich, sich komplett auszuklinken.» Um einiges kritischer beurteilt Grünen-Fraktionschef Klaus Kirchmayr das Durchhaltevermögen des mittlerweile 75-Jährigen: «Es ist der klassische Fall: Da hat jemand den richtigen Zeitpunkt für seinen Abtritt verpasst.»

Sechster Regierungsrat

Gysin trat 1968 (!) als Geschäftsleiter in den Gewerbeverband Baselland ein und baute diesen im Laufe der Jahre zu einem weitverzweigten KMU-Imperium aus. Neben den Ausgleichskassen und sozialpartnerschaftlichen Institutionen rief er die kantonale Berufsschau und den Lehrlingsverbund ins Leben. Folgerichtig erfolgte im Jahr 2000 die Umbenennung in «Wirtschaftskammer Baselland».

«Diese geniesst unter nationalen Gewerbevertretern hohes Ansehen», sagt Schneeberger, die selber in leitenden Gremien des Schweizerischen Gewerbeverbands sitzt. Würden Unterschriften für eine Initiative des Gewerbes gesammelt, kämen jeweils überdurchschnittlich viele aus dem Baselbiet, gibt Schneeberger zu Protokoll. Gysin sei massgeblich daran beteiligt gewesen, dass Grossprojekte wie die H 2 (A 22) zwischen Liestal und Pratteln oder die dritte Belchenröhre den politischen Durchbruch geschafft hätten, sagt die Thürner Nationalrätin.

Der Einfluss der Wirtschaftskammer auf die Politik des Landkantons konnte man lange Zeit kaum überschätzen. Ohne Segen Gysins wurde kein Bürgerlicher Baselbieter Regierungsrat. In den letzten Jahren als Wirtschaftskammer-Direktor verliess ihn allerdings der politische Erfolg – zum Beispiel bei den Regierungswahlen 2011, als der amtierende Jörg Krähenbühl (SVP) seinen Sitz an den Grünen Isaac Reber verlor. Gysin wurde in den Medien oft der «sechste Regierungsrat» genannt. Diese Feststellung sei Ausdruck der langjährigen Kooperation zwischen ihm und den meisten Regierungsmitgliedern – ungeachtet ihrer politischen Herkunft, sagt Gysin. «Für die Mitgliederwerbung der Wirtschaftskammer war dieses Etikett hervorragend. Persönlich hätte ich lieber darauf verzichtet.»

Mitverantwortlich für Schlamassel

Dass es ihm gelungen ist, die Wirtschaftskammer zu einer bestens geölten Polit-Maschinerie aufzubauen, anerkennt auch Grünen-Fraktionschef Kirchmayr: «Er hat sehr früh die Möglichkeiten der Informatik für Kampagnen erkannt.» Heute verfügt die Wirtschaftskammer über eine Datenbank mit Tausenden Adressen, die als wertvolle Grundlage für die politische Tätigkeit dient. Leider habe Gysin diese Macht nicht nur zum Guten genutzt, urteilt Kirchmayr. Sein patronales, informell organisiertes System stehe für verkrustete Strukturen und Intransparenz. «Gysin ist einer der Hauptverantwortlichen für den Schlamassel, in dem der Kanton steckt. Mit dem Machtkartell Wirtschaftskammer hat er dafür gesorgt, dass entscheidende Positionen im Kanton mit unterdurchschnittlichen bis unfähigen Personen besetzt wurden.»

Seit Christoph Buser die Wirtschaftskammer führt, ist deren Einfluss auf die Politik in der Meinung vieler Beobachter zwar gesunken. Aber es sei ein Wille nach mehr Transparenz spürbar, urteilt Schneeberger. Buser sei ein Vertreter der neuen Generation, sagt Klaus Kirchmayr. Er habe aber viele Hypotheken auf sich geladen, die er nun aus der Welt schaffen müsse. Gysin schreibt der bz zu seinem Nachfolger im Wortlaut: «Gehen Sie davon aus, Gysin hat eine grosse Freude daran, wie es Christoph Buser in den gut drei Jahren seit meinem Rücktritt geschafft hat, aus dem Schatten von Gysin herauszutreten und einen eigenen Stil zu entwickeln.» Das Lob für Ziehsohn Buser kann man als abschliessendes Statement lesen. Herr Gysin, ist das nun der definitive Abschied? «Ja.»