Am Tag nach dem Absturz zweier Kleinflugzeuge mit einem Todesopfer steckt der Schrecken vielen Dittinger Einwohnern in den Knochen. Die Stimmung im Dorf ist spürbar gedrückt, das regnerische Wetter tut sein Übriges. In der Primarschule hat die Lehrerin, unterstützt von einer Vertreterin des Kantons, den Unfall zum Unterrichtsthema gemacht. Viele Kinder haben am Vortag den Flugzeug-Crash auf dem Flugfeld oberhalb des Dorfes live miterlebt. 

Ein Toter bei Flugzeugabsturz in Dittingen BL

Ein Toter bei Flugzeugabsturz in Dittingen BL

Grosse Verbundenheit

Zwar hat es anlässlich der seit vielen Jahrzehnten und im 2-Jahres-Rhythmus durchgeführten Flugtage immer mal wieder Unfälle mit teils tragischem, teils glücklichem Ausgang gegeben. Zuletzt kam 2005 der Pilot einer nachgebauten Spitfire ums Leben, als er mit dieser in ein unwegsames Waldstück hinter dem Flugfeld fiel. Doch dieses Mal stürzen zwei Ultraleichtflugzeuge der deutschen Staffel Grasshoppers nach einer Streifkollision mitten im Dorf ab. 

Wie durch ein Wunder ist in der 800-Einwohner-Gemeinde ausser dem Piloten keine weitere Person zu Schaden gekommen. Doch der Absturz mitten im Dorf verändert für viele die Perspektive auf die zweitägige Flugshow. Die kontroverse und emotionale Frage nach der Zukunft der Flugtage wird nun öffentlich gestellt. Zugleich ist der Grossanlass im Dorf tief verankert, die Verbundenheit mit der Fliegerei ist gross: Von den 330 ehrenamtlichen Helfern stammen gegen 80 Prozent aus Dittingen selbst. 

Einer von ihnen ist Urs Asprion. Der Senior half am Sonntag auf dem Dittingerfeld am Bratwurststand, als eine der beiden Maschinen keine hundert Meter von seinem eigenen Wohnhaus entfernt in eine Scheune raste. Asprion, der ehemalige SP-Politiker, ist ein kritischer Geist und längst nicht mit allem einverstanden, was in der eher katholisch-konservativ geprägten Gemeinde vor sich geht. Doch die Organisatoren der Flugtage nimmt er in Schutz: «Die Sicherheitsanstrengungen waren wohl noch nie so hoch wie dieses Mal.» Er ärgert sich über die «hochgekochte» Diskussion über die Zukunft der Flugtage bereits am Tage des Absturzes. Asprion ist zwar traurig, er hofft aber, dass in zwei Jahren wieder Flugtage auf die Beine gestellt werden. 

Keine Shows in Siedlungsnähe

Ganz anderer Meinung ist Simona Buchwalder. Die Sekundarlehrerin wurde in ihrer Wohnung aufgeschreckt, als knapp 50 Meter entfernt das Flugzeug in der Scheune einschlug. Zwar seien die Dittinger Flugtage grundsätzlich eine sympathische Veranstaltung, die Darbietungen am Himmel wunderschön. Allerdings sei die Sicherheit der Bevölkerung nicht gewährleistet, das würden die beiden Tragödien vom Wochenende in Dittingen und im südenglischen Shoreham-by-Sea exemplarisch zeigen. «Ich finde deshalb, dass in unmittelbarer Nähe zu Wohngebieten wie in Dittingen keine Flugshows mehr durchgeführt werden sollten», sagt Buchwalder und gibt zu bedenken: Man wage nicht, daran zu denken, was passiert wäre, wenn nicht ein solches Ultraleichtflugzeug, sondern die FA-18, die am Samstag über Dittingen donnerte, mit Tausenden Litern Kerosin im Tank ins Dorf gestürzt wäre.

Der Grellinger Franz Meyer, als Landratspräsident derzeit formell der «höchste Baselbieter», hielt am Sonntag im VIP-Zelt vor geladenen Gästen gerade eine Rede über die Faszination des Fliegens, als draussen die beiden Flugzeuge ineinander crashten. Am Tag danach wirkt Meyer nachdenklich: «Der tragische Unfall hat mich erschüttert.» Er begrüsse es, dass nun minuziös untersucht werde, was genau passiert sei. Die Flugtage generell infrage stellen möchte er wegen des Unglücks aber nicht. «Ich finde, man muss das Risiko eines solchen Absturzes ins Verhältnis zu anderen Gefahren setzen.»

Ganze Bandbreite an Emotionen

Dazu passen die Aussagen von Edi Jermann. Er ist Gemeinde-Vizepräsident und Mitglied des Krisenstabs, der nach dem Unglück den Einsatz der Rettungskräfte koordinierte. Jermann weilte mit der ganzen Familie auf dem Flugfeld. Seine Kinder verkauften Lösli, seine Frau arbeitete im Kaffeewagen. Die ganze Bandbreite menschlicher Emotionen sei am Wochenende erlebbar gewesen: Am prächtigen Samstag hat Jermann eine überglückliche behinderte Frau gesehen, die zu einem Rundflug eingeladen wurde. Und am Sonntag dann die Tragödie mit den beiden Grasshopper-Fliegern...

«Ich bin traurig, muss aber funktionieren», sagt Jermann 24 Stunden nach dem Unglück. Zur Fortführung der Dittinger Flugtage äussert sich Jermann nüchtern und gefasst: Im Dorf seien viele Ängste da; auf diese müssten das OK und die Verantwortlichen der Gemeinde nun eingehen. «Ich kann mir gut vorstellen, dass wir einen Runden Tisch zur Fortführung der Flugtage durchführen», gibt Jermann zu Protokoll.