Das Baselbieter Volk fällt am kommenden Sonntag einen wegweisenden Entscheid: Es setzt die Leitplanken, wie sich die Agglomeration in den nächsten 30 Jahren entwickeln und mit welcher Verkehrsinfrastruktur – Strassen, Tramlinien, Velowegen – sie ausgestattet werden soll. Der Landrat hat sich bei der Beratung der Entwicklungsplanung Leimental-Birseck-Allschwil (Elba) für die Variante Ausbau ausgesprochen. Sie beinhaltet eine neue Strassentangente im Raum Allschwil-Binningen. Dagegen haben Gruppierungen aus dem rot-grünen Lager das Referendum ergriffen. Sie befürworten die kostengünstigere Variante Umbau, die im Vorfeld ebenfalls untersucht wurde, aber nicht Gegenstand der Abstimmung ist. Der Autor empfiehlt aus fünf Gründen ein Ja zur Variante Ausbau.

1. Die Elba-Variante Ausbau ist ein Wurf. Sie bringt – wie schon der Name sagt – einen spürbaren Ausbau der Infrastruktur. Kernelement der Ausbau-Variante ist die Planung einer neuen Strassentangente. Mit ihr werden die Gebiete im Westen und Süden Basels ans übergeordnete Strassennetz angebunden, gleichzeitig Dorfkerne und Wohnquartiere vom Durchgangsverkehr entlastet. Die Variante Ausbau besteht nicht nur aus Strassen, wie die Gegner glauben machen. Im Massnahmenkatalog finden sich viele gewichtige öV-Ausbauten wie die Verlängerung der Tramlinien 2 und 8 sowie ein neues Tram zwischen Dornach und Reinach. Mit einem Investitionsvolumen von 1,8 Milliarden Franken ist die Variante Ausbau nicht nur teurer als der Umbau (800 Mio.). Sie bringt auch einiges mehr. Nach drei Jahrzehnten Stillstand macht diese Weiterentwicklung der Verkehrsinfrastruktur im Unterbaselbiet Sinn. Die täglichen Staus auf der Strasse und die Kapazitätsengpässe auf der Schiene legen nahe, dass die Probleme nur mit umfangreichen Massnahmen zu lösen sind.

2. Laut Kampagne der Gegner würden mit der Variante Ausbau «Milliarden für Luxus-Strassen» ausgegeben. Dazu folgende Präzisierungen: Am 8. November stimmen wir über einen 11-Millionen-Planungskredit ab. Nicht mehr und nicht weniger. Die kritisierten neuen Strassen sind keineswegs bereits in Stein gemeisselt, sondern zunächst einmal im kantonalen Richtplan festgesetzt. Für den 1,8 Milliarden Franken teuren Ausbau besteht derzeit kein Finanzierungskonzept, für den 800 Millionen teuren Umbau auch nicht. Sollten vertiefte Abklärungen ergeben, dass die Stadttangente nicht so sinnvoll oder auch zu teuer ist, kann sie immer noch beerdigt werden. Schliesslich müssen sämtliche Massnahmen einzeln ins Parlament, wenn ein Projekt vorliegt. Auch im folgenden Punkt bietet die inhaltlich umfassendere Variante Ausbau Vorteile gegenüber dem Umbau: Es ist einfacher, ein berücksichtigtes Projekt zu beerdigen als nachträglich neue grosse Elemente in eine Planung aufzunehmen, die alleine auf Kosmetik setzt.

3. Die Variante Ausbau ist die richtige Antwort auf das angestrebte Bevölkerungs- und Arbeitsplätzewachstum in der Agglo. Ein Beispiel ist der Allschwiler Bachgraben. Im strategisch bedeutendsten Wirtschaftsgebiet des Kantons sollen bis zu 6000 neue Arbeitsplätze entstehen. Es ist nicht glaubhaft, dass diese Entwicklung alleine mit den Massnahmen der Variante Umbau bewerkstelligt werden könnten. So ist zwar der Zubringer von der Basler Nordtangente in den Bachgraben in beiden Varianten enthalten, die Umfahrung des Allschwiler Dorfkerns jedoch nur beim Ausbau. Ein Ja am 8. November unterstützt die Dynamik im Bachgraben und anderswo, ein Nein droht diese abzuwürgen.

4. Die Variante Ausbau ist raumplanerisch die richtige. Dieser Punkt ist leider nur am Rande diskutiert worden, aber fürs Verständnis von Elba zentral: Die Variante Ausbau konzentriert sich auf die Weiterentwicklung bestehender Schwerpunkte. Demnach sollen vor allem die stadtnahen Grossgemeinden Allschwil, Reinach und Münchenstein wachsen. Beim Umbau fände die Entwicklung gleichmässiger und eher im äusseren Agglomerationsgürtel statt (Oberwil, Therwil, Aesch). Der Ausbau geht von starken Achsen zwischen den Schwerpunkten aus, der Umbau von feinen Ästen in einem disperseren Teppich. Ökologisch und wirtschaftlich ist Ersteres sinnvoller.

5. Zugegeben: Wie wir uns in 30 Jahren fortbewegen, ist ungewiss. Gut möglich, dass 2045 selbstfahrende Elektroautos zumindest in der Agglomeration die Strassen dominieren, was den Besitz eigener Fahrzeuge überflüssig macht. Damit könnten die Anzahl Parkplätze stark reduziert werden. Ob auch weniger Fahrzeuge auf den Strassen unterwegs wären, ist indes fraglich. Die technologische Entwicklung spricht nicht gegen neue Strassen – im Gegenteil: Kurven wir in solarbetriebenen Elektroautos durch die Gegend, so erübrigen sich ideologische Debatten über den Sinn des Autoverkehrs. Die mögliche Mobilitätsentwicklung liefert vage Anhaltspunkte, wie wir uns heute verhalten sollten. Sich an aktuellen Problemen und Prognosen zu orientieren und folglich die Infrastruktur auszubauen, mag eine unbefriedigende Lösung sein. Zuwarten ist aber keine Alternative. Die Variante Ausbau ist die schlechteste Lösung, abgesehen von allen anderen.