Die Erlebnisse von zwei überdurchschnittlich begabten Kindern werfen ein zwiespältiges Licht auf das Baselbieter Schulsystem: Nora* wollte unbedingt in die Privatschule, durfte aber nicht, Kevin* wollte eher nicht, musste jedoch (die bz berichtete).

Bei den Abklärungen rund um die beiden Kinder war der Schulpsychologische Dienst (SPD) des Kantons an vorderster Front involviert. Dieser Dienst, der sich als neutrale Beratungsstelle bei Problemen von Eltern, Jugendlichen und Lehrern auf dem Minenfeld Schule versteht, wird von Martin Brunner geleitet. Und Brunner anerbot sich gegenüber der bz, Erklärungen zu liefern, weshalb Fälle wie bei Nora und Kevin so unterschiedlich herauskommen können.

Brunner gesteht: «Bei Nora ist nicht alles optimal gelaufen.» Das Amt für Volksschulen (AVS) habe hier formaljuristisch entschieden. Der Hintergrund: Obwohl allen Involvierten klar war, dass die zuständige Psychologin des SPD einen Privatschulbesuch von Nora befürwortete, lehnte dies das entscheidende AVS ab. Nachträglich verwies es auf die fehlende schriftliche Empfehlung des SPD, ohne diese aber je direkt eingefordert zu haben.

Zwei Vorschläge zur Auswahl

Sollte man also die Entscheidungshierarchie ändern und das letzte Wort den Fachleuten geben, die ein Kind kennen, weil sie es abgeklärt haben? «Nein», sagt Brunner, «das AVS hat das Gesamtsystem im Auge und schaut, ob die Abläufe eingehalten sind, während wir den Einzelfall zu beurteilen haben.» Zudem entscheide das AVS in «mehr als 90 Prozent der Fälle» so, wie das der SPD empfehle.

Dabei gilt es allerdings zu präzisieren, dass das AVS in der Regel die Wahl hat. Dazu Brunner: «Es gibt für die wenigsten Probleme nur eine Lösung. Deshalb sind unsere Psychologen angehalten, jeweils zwei psychologisch vertretbare Lösungen vorzuschlagen und dabei zu priorisieren.» Vorrang habe, was aus fachlicher Sicht mehr dem Kindswohl entspreche. Doch die erste Wahl des SPD setzt sich längst nicht immer, sondern laut Brunner «bei einer überwiegenden Zahl der Fälle» durch. Er fügt an: «Niemand entscheidet unabhängig vom System, in dem er sich bewegt.»

Will heissen, je grösser der Spardruck beim Kanton ist, desto mehr spielt auch die Schere im Kopf der abklärenden Psychologen und vor allem der nachgelagerten Entscheidungsstellen. Das kann dann wie im Fall Nora zur Folge haben, dass das Subsidiaritätsprinzip ausgereizt und einem Kind trotz Suizidgedanken und gegenteiliger Empfehlung des SPD der Privatschulbesuch verwehrt wird, solange nicht alle Angebote der Staatsschule durchprobiert wurden.

Etwas hat sich nach dem unglücklich verlaufenen Fall Nora laut Brunner geändert: Seither werden alle Runden Tische protokolliert, sodass jede Amtsstelle die Position der andern kennt. «Somit können fehlende Akten wie eine schriftliche Empfehlung des SPD aktiv eingeholt werden», sagt Brunner.

Neue Diagnose überforderte

Auch der Fall Kevin würde heute anders laufen. Zur Erinnerung: Kevin, der unter dem Asperger-Syndrom leidet, wurde vor sechs Jahren der Übertritt von der Primar- in die Sekundarschule Liestal verweigert, stattdessen musste er an eine Privatschule wechseln. Brunner sagt, dass insbesondere die höheren Schulen mit ihrem Fachlehrersystem damals noch nicht auf diese boomartig aufgetretene Diagnose – das Asperger-Syndrom ist eine Form von Autismus – vorbereitet waren. Heute sei das anders und Kevin könnte die staatliche Sekundarschule höchstwahrscheinlich besuchen, wobei ein Schulpsychologe vorgängig die Umstände an der betroffenen Schule abkläre.

Und was sagt Brunner zum Vorwurf, dass die hochbegabten im Vergleich zu den minderbegabten Kindern im Nachteil sind, wenn es um Fördermassnahmen geht? Brunner: «Vor 15, 20 Jahren wäre ich mit dieser Aussage hundertprozentig einverstanden gewesen, denn damals hat man die Hochbegabten kaum wahrgenommen. Heute stimmt der Vorwurf hingegen nur sehr bedingt.» Die Volksschule habe viel gelernt. Sie orientiere sich aber immer noch stärker an den Defiziten. Und eine gute Begabung werde zu Recht nicht von vornherein als Problem gesehen.

Allerdings ist auch in der Fachwelt nicht ganz unumstritten, was unter Hochbegabung fällt. Als Orientierungshilfe nennt Brunner folgende Zahlen: Ein Intelligenzquotient (IQ) von 100 ist Durchschnitt; der IQ-Bereich von 85 bis 115 gilt als Normalbereich, in den knapp 70 Prozent der Bevölkerung fallen; und ab IQ 130 spricht man von geistiger Hochbegabung. Nora liegt knapp über, Kevin knapp unter dieser Grenze.

*Namen geändert