Windkraft hats in der Nordwestschweiz schwer: Noch bevor die Baselbieter Regierung sich zur Motion «Windkraftanlagen auch in Schutzgebieten!» äussert, haben Naturschutzverbände bereits ihre Ablehnung kundgetan. Und der Verein Wind-still argumentiert, dass Windturbinen auf dem Chall wegen zu flauer Winde unrentabel und eine Hypothek für den Tourismus seien.

Ganz anders ist die Tonlage 70 Kilometer Luftlinie nördlich von Basel in der energieautarken Gemeinde Freiamt. Dort produzieren die Bürger mit Photovoltaik, Biogas, Wind- und Klein-Wasserkraft 40Prozent mehr Strom, als die ganze Gemeinde verbraucht, die strukturschwache Landgemeinde exportiert Strom. Dabei sind Hügel und Klima in Freiamt vergleichbar mit der Nordwestschweiz: Auf dem Schillinger Berg in 700Meter über Meer weht der Wind auf den 85Metern Nabenhöhe der ersten Anlage mit nur durchschnittlich 5,6Meter pro Sekunde. Trotzdem entschlossen sich die Bauern nach eigenen Messungen zum Kraftwerksbau.

Einkommen für EU-geplagte Bauern

Bäuerin Helga Schneider, die mit ihrem Mann Walter den 76 Hektar umfassenden Schwarzwaldhof bewirtschaftet, berichtet einer Gruppe von Professoren und Wirtschafts-Studenten der japanischen Universität Nagoya von den seit Jahren sinkenden Milchpreisen auf aktuell gerade noch 29Cents. Davon könne man mit 50Milchkühen als Haupterwerb nicht mehr existieren. «Wir suchten andere Einnahmequellen und fanden sie in den erneuerbaren Energien.» Schneiders haben nicht nur 100Kilowatt Photovoltaik auf ihren Dächern montiert und verpachten Land an die Betreiber von drei Windanlagen: Sie sind selbst an der Betreibergesellschaft beteiligt. Diese ist als GmbH&CoKG organisiert.

«Das ist rentabler als eine Genossenschaft, weil man nur ein Drittel des Kapitals selbst aufbringen muss und den Rest bei Bank aufnehmen kann», erläutert Erhard Schulz. Der Chemiker aus Emmendingen war unter anderem Mitbegründer des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), sprach in Tokyo an der Anti-AKW-Demo am Jahrestag der Fukushima-Katastrophe und ist als Kommanditist an einer Reihe von Wasser- und Windkraftanlagen rund um Freiburg i.Br. beteiligt. Die durchschnittlich 6Prozent Rendite betrachtet er als seine Altersvorsorge.

Kapital kommt schnell zusammen

Ökostrom wurde zum Standbein nicht nur für die vom Preiszerfall betroffenen Landwirte: Heidi Scheer, Präsidentin Gewerbeverein Freiamt, berichtet, sie habe auf den Dächern ihres Parkettbetriebs ebenso Photovoltaik montiert wie auf dem Bauernhof ihres Bruders. «Hätten wir noch Geld übrig, würden wir uns auch an einer Windturbine beteiligen», erklärt sie. «Es ist besser, wenn die Windräder den Bürgern gehören und nicht irgendeinem Investor.»

Dies trifft in Freiamt zu: An den beiden Windanlagen, beide auf Schneiders Land, sind 142Kommanditisten beteiligt. Für die dritte Anlage der Gesellschaft, die erst in diesem Jahr in Betrieb ging und mit 138Meter Nabenhöhe die grösste im Schwarzwald ist, kamen weitere 51 hinzu. «Wir mussten Leute abweisen, weil wir das nötige Kapital schon zusammenhatten», berichtet Schulz.

Dass man neue Gesellschafter aufnahm, sei einer Initiative der Bürgermeisterin Hannelore Reinbold-Mench zu verdanken. Sie spricht von «unseren Windturbinen», auch wenn die Gemeinde selbst an keiner Anlage beteiligt ist. Und sie war immer darum bemüht, dass im Gemeinderat die Energie-Beschlüsse einstimmig gefasst wurden. «Das Interesse der Gemeinde ist vor allem politisch: Da wir durch die erneuerbaren Energien besser Einkommensverhältnisse haben, wandern weniger Leute ab.» Dies sei für eine steuerschwache Gemeinde, deren Haupteinnahme aus dem Finanzausgleich stammt, ein wichtiger Aspekt.

Wertkonservativ heimatverbunden

Eine parteipolitische Motivation kann man den Freiämtern hingegen nicht unterstellen: Die 14-köpfige Gemeinde-Legislative (Gemeinderat) setzt sich zusammen aus vier Mitgliedern der CDU, vier Mitgliedern der SPD und sechs Freien Wählern. Grüne gibt es nicht. Dafür halfen auch die CDU-Mitglieder – gegen die Linie der Landespartei – kräftig am Karren ziehen. «Unsere Bevölkerung ist wertkonservativ und heimatverbunden», erklärt Reinbold-Mench. «Wir betrachten Energie vor allem unter technischen und betriebswirtschaftlichen Aspekten.» Zudem: «Wenn wir fordern, dass Fessenheim abgeschaltet wird und gleichzeitig unseren Lebensstandard halten wollen, müssen wir etwas beitragen.» Die fünf Windkraftwerke auf Gemeindeboden würden zwar kein AKW ersetzen. «Aber sie sind Mosaiksteine einer Lösung.»

Freiamt bleibt nicht alleine: Am Fuss der neuesten Windanlage steht ein Lärm-Messgerät der Nachbargemeinde Waldkirch. «Diese möchte die Anlagen näher ans Siedlungsgebiet bauen und deshalb wissen, wie stark die Geräusche sind», erläutert Schulz. Er ist zuversichtlich: «Die weiter entwickelte Flügelform bewirkt, dass die grössere Anlage deutlich leiser ist als unsere beiden ersten.» Und Gewerbepräsidentin Scheer kommentiert die Geräuschbelästigung auf dem Hof ihres Bruders: «Bei starkem Wind hört man es schon. Aber meine Schwägerin sagt: Wollen wir lieber Atomkraft? Irgendetwas müssen wir doch akzeptieren, also ist Windkraft das kleinere Übel.»