Im Moment ist in den beiden Basel oft von «bürgerlicher Politik» die Rede. So sagt SVP-Regierungsratskandidat Eduard Rutschmann: «Carlo Conti ist der einzige bürgerliche Vertreter in der jetzigen Regierung.»

FDP-Mann Baschi Dürr und LDP-Mann Christoph Eymann sind ihm «zu wenig bürgerlich». Rutschmann selbst will deshalb für «richtig bürgerliche» Politik sorgen.

In Baselland ist die «bürgerliche Zusammenarbeit» auf der Kippe. Davon abgesehen regiert auf der Landschaft aber eine solide «bürgerliche Mehrheit».

Was um alles in der Welt bedeutet dieses «bürgerlich»?

Warum ist der Staatsangestellte Grenzwächter Samuel Wyss (SVP) ein bürgerlicher Politiker, Öko-Unternehmer Daniel Wiener oder Velohändler Jörg Vitelli (SP) aber nicht? Was denkt wohl Finanzdirektorin Eva Herzog (SP) über das Gerede vom bürgerlichen Lager und zu welchem Lager gehört sie selbst? Zum unbürgerlichen Lager? Woher kommt dieses Wort: «bürgerlich»?

Der «Bürger» war ursprünglich der Bewohner einer Burg, wobei «Burg» nicht bloss ein befestigtes Haus meint, sondern eine ganze Stadt umfassen kann. Ein «Bürger» war in der Regel also der Bewohner einer Stadt. Die städtischen Bürger und die ländlichen Bauern bildeten zusammen den dritten Stand - die ersten beiden Stände, das waren die Adeligen und der Klerus, also die Kirchenleute.

Schon im Mittelalter hatten die Bürger einer Stadt weitreichende Rechte. In der Französischen Revolution wurden die Rechte der Bürger auf alle freien Männer in einem Staat ausgedehnt. In diesem Sinne steht der freie Bürger auch im Gegensatz zum von einem König abhängigen Untertan.

Im 19. Jahrhundert grenzten sich bürgerliche Kräfte vom Proletariat ab. In der Schweiz verstärkte sich dieser Gegensatz mit dem Aufkommen der Sozialdemokratischen Partei im 20. Jahrhundert. Eigentlich war es aber da schon problematisch, einen Gegensatz zu machen zwischen einer Politik für Bürgerliche und einer für Arbeiter. Sind denn Arbeiter und Angestellte keine Bürger?

Immerhin kann man sagen: Die sogenannt bürgerlichen Kräfte standen ein für gute Wirtschaftsbedingungen und das Gemeinwesen - und für einen starken Schweizer Staat. Gegen den schweizerischen Staat waren allenfalls die Kommunisten oder die Frontisten. «Bürgerlich» hiess damals etwa: für Staat und Wirtschaft.

Irgendwann in den 90er-Jahren brach diese «bürgerliche» Einigkeit auseinander. Die SVP und Teile der Zürcher FDP wandten sich gegen den Staat. «Mehr Freiheit, weniger Staat» galt plötzlich als «bürgerlicher» Schlachtruf.

Die SVP hat sich seither konsequent als antietatistische Partei positioniert - mittlerweile, mit rigiden Vorstössen wie Minarettverbot, Ausschaffungsinitiative und Masseneinwanderungsinitiative, auch als antiliberale Partei, welche die Freiheitsrechte der im Staat anwesenden Menschen beschneidet. Mit dem ursprünglichen Etikett «bürgerlich» hat dieser Flügel der Politlandschaft nichts mehr zu tun.

Im Wortsinn «bürgerliche» Politik machen heute die Parteien rund um die Mitte - und zwar rechts wie links davon. Sie setzen sich nicht nur ein für die Rechte der Bürger, sondern auch für ein starkes Gemeinwesen, das es dem Bürger ermöglicht, frei zu sein.

Denn wie das Wort schon sagt: Wer freier «Bürger» sein will, der braucht eine starke «Burg». Ohne (starken) Staat aber gibt es keine Citoyens - und damit auch keine bürgerliche Politik.