«Was? In Birsfelden wohnst du?» Mancher Birsfelder musste dies schon hören, wenn er erzählte, wo er lebt. Und in dieser Frage versteckt sich das klischierte Urteil: eine Agglo ohne Zentrum, grau, unattraktiv.

Nun gibt es einige, die reagieren auf die Frage mit dem Blick zurück: Sooooo lange ist es nicht her, da war richtig was los auf der Hauptstrasse, auf der das Tram verkehrt, die zum Zentrumsplatz (ein Parkplatz) und weiter Richtung Hardwald und St. Jakob führt. Es gab Metzgereien, die Traditionsbäckerei Weber, einen Käseladen, den Coop natürlich, mindestens ein Kleider- und ein Schuhgeschäft. Sogar an die Eisenwarenhandlung erinnern sie sich, an die zwei Papeterien und die beiden Velohändler und -mechaniker – von Coiffeursalons, von Apotheken, Bank, Post, Drogerien, Optiker, Juwelier, von Radio- und Fernsehgeschäften und einer bemerkenswerten Reihe von Beizen ganz zu schweigen.

Coiffeursalons, Nail-Studios …

Es ist schon so: Birsfelden fehlt das malerische Zentrum vieler Vorortsgemeinden. Fast alle Liegenschaften an der Hauptrasse sind in den letzten 30 Jahren mehr oder weniger – sagen wir mal – nüchternen Neubauten gewichen. Meist mit Ladenlokalen im Erdgeschoss. Und das beginnt dann, von Basel her kommend, so: Aus dem ersten Schaufenster grüsst ein Bestattungsinstitut (aus dem letzten Richtung St. Jakob übrigens auch). Dann folgen eine Podologiepraxis (es kommt dann später noch eine zweite) und der erste von zehn Coiffeursalons. Einige mit Nail-Studios, andere ohne. Es gibt auch ein Nail-Studio ohne Coiffeur. Ein anderes – einquartiert in einem Möbelverkaufslager – hat kürzlich für immer geschlossen.

Dichtgemacht hat dieser Tage auch der Juwelier, der preiswerten Schmuck und Uhren angeboten hat. Leer steht das ehemalige Hörgerätegeschäft. Sein Ende kündet das Matratzen-Outlet an, wo früher Kleider verkauft wurden; zu mieten ist der Geschäftsraum einer ehemaligen Immobilienvermittlung zwischen einem Wasserbett- und einem Gothic-Laden. Von einigen Schaufenstern grüssen bedrohlich «Sales 50 – 70 Prozent»-Plakate, und der Polizeiposten hat die Rollläden auch meistens unten. Nebenan wacht die Heilsarmee.

Der Glaube an die Zukunft

Nun kann man sich natürlich Meter für Meter lustig machen über die trostlose Agglo-Meile. Nichts von malerischem Charme. Aber: Da erhebt sich zum Beispiel der Kran, der den Neubau der Fein- und Traditionsbäckerei Weber hochzieht. Seit 130 Jahren steht sie da, vor drei Jahren hat die fünfte Generation das Geschäft übernommen, und am Samstag stehen die Leute jeweils Schlange. Vis-à-vis der Velohändler Schwarzbart – ebenfalls ein Traditionsgeschäft, in das die nächste Generation bereits eingestiegen ist. Hier glaubt man an die Zukunft und daran, dass sich die leeren Lokale wieder beleben.

Plötzlich gibts mit «Pfiff» wieder einen Blumenladen. Von weither lockt Ralphs Tattoo-Studio Kunden an. Coop und weiter hinter Migros haben ihre Filialen dem neustem Standard angepasst. Die Tische vor der «Blume» sind immer besetzt, man trinkt Bier, nicht Cüpli. Auch vor dem «Mona Lisa», vor dem «Casablanca» plaudern die Leute beim Kaffee – und nicht beim Latte macchiato – darüber, was für Läden in die leeren Lokale einziehen und wie lange sie es aushalten. Einige überleben, andere nicht.

Der «Inder», der eigentlich Tamile ist, expandiert mit seinem immer geöffneten Allerweltsladen von Jahr zu Jahr. Eben hat er ein Thai-Take-away integriert. Die Hauptstrasse lebt, verändert sich, da kann der allabendliche Stau wenig dran ändern. Er stört und ärgert einfach.

Agglo halt – ein grosser Teil der Schweizer Bevölkerung wohnt in der Agglomeration. In Birsfelden lässt sich das nicht mit herausgeputzten Fassaden und Gourmetlädeli kaschieren. Eine Idylle wird das nie, Multikulti ist kein Programm – es wuselt in «Blätzbums» einfach durcheinander. Wer im Denner schnell eine Rolle Schnur zum Abbinden des Altpapiers holen will, dem kann’s passieren, dass er erst eine Stunde später heimkommt, weil er noch beim Schwatzen aufgehalten oder zu einem Bier überredet worden ist.

Die Hauptstrasse ist kein Bijou, aber sie lebt und bietet vieles. Nicht alles zwar, aber nicht einmal das ist besonders tragisch: Wenn man ein Buch oder ein paar Schuhe braucht, fährt man mit dem Tram in sieben Minuten in die Stadt.