«Viele Leute denken, wie ist das möglich, sind die Opfer wirklich so doof? Aber wir dürfen nicht vergessen, dass es sich in diesen Fällen um hochprofessionelle Betrüger handelt», sagte Staatsanwalt Jörg Rudolf am Montag im Saal des Baselbieter Strafgerichts in Muttenz.

«Romance-Scam» heisst das Phänomen, und laut Rudolf hält es auch die Baselbieter Strafverfolgungsbehörden kräftig auf Trab: Unbekannte bandeln online mit einsamen Herzen an, und wenn die Gefühle für das unbekannte Gegenüber da sind, wird wegen angeblicher Notlagen dringend Geld gefordert. Meist ist das Geld weg und die Täter nicht greifbar. Im Februar 2017 gab es eine Ausnahme: Kurz nach elf Uhr morgens klickten auf dem Bahnhofplatz in Liestal die Handschellen.

Die Geschichte beginnt im April 2016: Eine 57-jährige Frau aus dem Baselbiet lernt einen freundlichen Mann auf einer Online-Datingplattform kennen, angeblich ist er US-Soldat in Afghanistan und alleinerziehender Witwer. Man mailte sich gegenseitig eifrig.

Irgendwann erklärte er ihr, dass er sein Vermögen in Gold gelagert habe. Falls er sterbe, solle sie es erhalten. Bald bat er um Überweisungen für Dokumentengebühren, Lagergebühren, Transportkosten und Anwaltskosten. Über Monate überwies die Frau so insgesamt über 60'000 Franken auf englische Konten.

Geldbote kam nach Liestal

Das Gold blieb vorerst unerreichbar, dafür sollte sie schon mal Geld erhalten: Im Januar 2017 traf sie in Freiburg im Breisgau nach langen Diskussionen über das Telefon einen «Agenten», der ihr weisse Papierscheine zeigte und vorführte, wie das getarnte Geld mittels Chemie wieder «aktiviert» werde. Abermals zahlte sie knapp 6000 Franken, insgesamt hatte sie nun mit 69'000 Franken ihr gesamtes Vermögen verpulvert. Aus Freiburg kehrte sie mit einer Sporttasche voller Papierscheine zurück und erstattete Anzeige. Der Trick ist unter dem Namen «Wash-Wash» fast schon ein Klassiker.

Auf weitere Kontaktversuche ging die Frau dann bloss noch ein, um die Leute ans Messer zu liefern: Sie argumentierte am Telefon, sie habe fast ihr gesamtes Vermögen verloren und komme deshalb nicht mehr nach Deutschland. So tauchte dann vor einem Jahr ein «Techniker» in Liestal auf, der ihr angeblich die nötige Chemie bringen sollte, um das Papier in Euronoten zu verwandeln. Die Polizei griff zu, ein 43-jähriger Mann aus Kamerun sitzt seither in Haft. Er ist verheiratet, hat vier Kinder und lebt als langzeitarbeitsloser Sanitärinstallateur in einem Vorort von Paris. Erst stritt er alles ab, gab dann aber zu, für eine betrügerische Masche nach Liestal gereist zu sein. Seine genaue Rolle ist umstritten.

Die Baselbieter Staatsanwaltschaft liess sich vom Berliner Landeskriminalamt genauer informieren, denn dort ist man mit der Scam-Truppe bestens vertraut. Der 43-Jährige soll dort auch schon bereits wegen solcher Delikte verurteilt worden sein, allerdings unter einem anderen Namen: Die dortigen Beamten identifizierten ihn anhand von Fotos. Einen offiziellen Strafregisterauszug gibt es von Deutschland bislang allerdings nicht, um damit gilt der Mann formell als nicht vorbestraft.

Staatsanwalt Jörg Rudolf verlangt eine Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren wegen gewerbsmässigen Betruges. Verteidigerin Juliane Wyss hingegen will wegen fehlender Beweise einen Freispruch, auch habe die Frau elementarste Vorsichtsregeln nicht beachtet. Das Urteil fällt morgen Mittwoch.