Unübersehbar ist das grosse Gebäude an der Hauptstrasse mitten in Hölstein. Und unüberhörbar sind die Worte «Identifikation» und «Stolz», die Rolf Studer in seinen Ausführungen immer wieder in den Mund nimmt. Der Co-CEO der Oris schwärmt geradezu von den Wurzeln der Uhrenherstellerin und deren «Brand». Jeder Firmenchef würde sich genauso äussern. Aber Studer wirkt sehr authentisch. Er ist seit 2006 im Betrieb und seit zwei Jahren an dessen Spitze. Die Geschichte der inzwischen 114-jährigen Oris kennt er in- und auswendig.

Dass der Name der 2500-Seelen-Gemeinde neu in die ganze Welt hinausgetragen wird, dafür sorgt das Redesign des Logos: Aus «Oris 1904 Swiss Made» wurde «Oris Hölstein 1904». Studer dazu: «Hölstein ist ein wichtiger Teil unserer Identität. Und Oris gehört zu Hölstein, das Waldenburgertal prägt uns.» Hier sei die hochpräzise Feinmechanik sehr wichtig geworden und immer noch enorm wichtig. «Zu diesen Wurzeln stehen wir, darauf sind wir stolz.»

«Wir machen Hölstein jetzt bekannt»

Hölstein ist wenig geläufig und liegt ausserhalb des Zentrums der Schweizer Uhrenindustrie. Dennoch sieht Rolf Studer keinen Nachteil im neuen Markennamen: «Wir machen Hölstein jetzt bekannt.» Wenn sich jemand für etwas interessiere, google er im Internet und erfahre dann schnell mehr, was dahinterstecke. Hölstein mit Umlaut ö klingt für viele Kulturen ein wenig fremd. Selbstverständlich sei ihre Herkunft bei ausländischen Kunden ein Thema. «Dann erklären wir ihnen, woher wir kommen», erzählt der 46-Jährige.

Oris stellt ausschliesslich mechanische Uhren her für Aviatik, Kultur, Motorsport und Tauchen. Jede dieser Welten umfasst zwei oder drei Familien. Die Uhrenproduzentin pflegt etwa zwölf Linien und entwickelt sie weiter. Insgesamt werden im Sortiment rund 180 verschiedene Modelle geführt. Die Bandbreite der Preise beginnt bei 1000 Franken und bewegt sich gegen 6500 Franken. Studer nennt dies «Einstiegsbereich für Luxusuhren».

Seriöse Uhrmacherei wird geschätzt

2000 oder 3000 Franken für eine Uhr sei zwar «sehr viel» Geld, mache aber stolz. Das merke man, wenn man mit Kunden in Kontakt sei. «Wie sie Freude haben an ihrer Oris-Uhr, und was ihnen diese bedeutet.» Die emotionale Bindung der Leute mit dem Produkt seien Sternstunden. Laut Studer schätzt ihre Klientel seriöse Uhrmacherei und ist bereit, dafür entsprechend ins Portemonnaie zu greifen. «Unser Kunde ist berufstätig und verdient anständig Geld, gehört aber nicht zum Jetset.» Bekannte Schauspieler, Politiker und Sportler tragen Uhren aus Hölstein. Namen will der CEO nicht nennen: «Wir lassen lieber unser Produkt sprechen, als dass wir uns mit irgendwelchen Leuten schmücken.» Formel-1-Stars, Fussballer und weitere Prominenz waren schon zu Gast beim Unternehmen im Waldenburgertal.

Es gibt zahlreiche Konkurrenz-Unternehmen, die ebenfalls mit mechanischen Uhren auf dem Markt um ihre Gunst buhlen. Sie hätten jedoch das Gefühl, dass ihre Fabrikate «speziell sind und für sich selber stehen». Oris versucht, in ihrem Segment die beste mechanische Uhr zu machen, die sie kann – und dies zu einem Preis, der Sinn macht.

«Stolze Vergangenheit»

Ihre Vergangenheit sei Oris «extrem wichtig», betont Rolf Studer, der ein Jus-Studium absolviert hat. Das sei eine Marke, die seit ihrer Gründung aus demselben Ort aktiv und ohne Unterbruch mehr oder weniger das Gleiche mache und stets dieselbe Philosophie lebe. «Wir haben eine stolze Vergangenheit. Unsere Werte von damals sind genau unsere Werte von heute.» Studer weist auf einen interessanten Aspekt hin in der Fabrik im «Weltdorf» Hölstein: Obwohl die Mitarbeitenden lokal verwurzelt sind, können die meisten mehrere Sprachen, man ist permanent mit allen Kontinenten in Kontakt. «Das kreiert eine ganz besondere Atmosphäre.»

Ist früher die Produktion in Hölstein stark vertikal gewesen, so ist sie heute ganz anders aufgestellt. Einst wurde entwickelt, produziert, es gab eine Abteilung mit Werkzeugmachern, welche die Werkzeuge für die Uhrmacher herstellten. Inzwischen hat sich einiges verändert: Es gibt viele hoch spezialisierte Unternehmen in der Mikrotechnik, die für verschiedene Firmen – auch für Oris – fertigen und effizienter produzieren könnten. Heute werden in Hölstein die Uhren entworfen, designt und technisch geplant. Partner stellen Teile her, Oris baut zu einem grossen Teil ihre Uhren aber in Hölstein zusammen, wo auch die Qualitätskontrollen stattfinden.

Auf die Frage nach Schwächen atmet Rolf Studer erst mal durch, studiert einen Augenblick und spricht: «Wie jede Organisation sind auch wir nicht perfekt. Wir versuchen jeden Tag, uns zu verbessern.» Sie seien sicher perfektionistischer, als das in anderen Branchen oder Unternehmen der Fall sei, was vielleicht per se schon eine Schwäche sei. Auch könne man als Nachteil sehen, dass Oris nicht einer grossen Gruppe angehöre, sondern unabhängig sei. Aber daraus schöpfe die Firma gerade die Kraft, sich innovativ weiter zu entwickeln. Die Hölsteiner Uhrenfabrik wächst in letzter Zeit um einiges stärker als die Branche, die knapp im zweistelligen Prozentbereich im Plus ist. «Das zeigt, dass wir nicht ganz so schlecht sind», meint Studer nicht ohne Stolz.

Forderungen an die Baselworld

Weniger angetan ist er von der Baselworld, die in den vergangenen Monaten nur noch für negative Schlagzeilen gesorgt hat. Das einstige Flaggschiff der Messe steht vor einer ungewissen Zukunft, nachdem die Ausstellung auf die Hälfte geschrumpft und mit Swatch der grösste Kunde abgesprungen ist. Studer sieht die Sache differenziert: «Die Messeleitung hat die Entwicklung der Industrie zum Teil verschlafen. Wenn die Baselworld überleben soll, ist es dringendst nötig, dass frische Energie, frisches Leben und frische Ideen initiiert werden.» Dies fordert der Oris-Chef, sonst werde es schwierig.

Er ist jedoch zuversichtlich, dass der neue Messeleiter, Michel Loris-Melikoff, neuen Schwung bringt. Loris-Melikoff verdiene den Kredit, nun in Ruhe ein neues Konzept zu erarbeiten und dann zu präsentieren. «Die Baselworld ist eine sehr teure Veranstaltung, und da ist die Erwartungshaltung hoch.» Als Vertreter der Oris und der Uhrenindustrie findet Rolf Studer nach wie vor, dass die Baselworld das Schaufenster der Branche bleiben sollte. Die Nachfrage nach Uhren ist ungebremst, der Industriezweig läuft auf ein Rekordjahr zu – von Krise keine Spur. Studer räumt jedoch ein, dass in der Distribution, auf dem Weg des Produkts vom Hersteller zum Kunden, Umwälzungen stattfinden.

«Situation genau beobachten»

«Ich hoffe sehr, dass wir auch 2019 an der Baselworld dabei sind», bekräftigt er und präzisiert gleich: Das sei ziemlich sicher, aber noch nicht final bestätigt. Er sähe es gerne, wenn die Baselworld wieder zu altem Glanz fände. Klar ist für den Oris-CEO aber auch, dass es nicht nur eine Messe in Basel sein muss, sondern auch eine in Übersee sein könne. «Dass sich in Basel unsere Verkäuferin aus Kalifornien mit ihren Kunden aus Kalifornien trifft, ist eigentlich nicht nötig.» Die Baselworld aber erfüllt mehrere Faktoren wie den klassischen Verkauf an Händler oder die PR-Funktion. Für Oris als Unternehmen mit ausgeprägtem Familien-Esprit ist ebenso bedeutend, dass das ganze Team eine Woche zusammen ist – verkauft, Erfolge feiert, sich freut, kämpft und auch mal gemeinsam ein Nachtessen geniesst. Aus dieser Sicht ist die Basler Messe für Rolf Studer «sehr effizient». Wenn aber viele Marken wegbrechen und damit das Interesse von Händlern und Publikum zurückgeht, dann kommt der Punkt, wo der Ertrag nicht mehr stimmt. «Wir werden die Situation genau beobachten und abwarten», macht er deutlich.

Engagiert in der Basler Kultur

Seit diesem Jahr ist Oris Hauptsponsorin von «Imfluss», dem Basler Musikfestival auf dem Rhein-Floss. «Wir wollten kulturell mehr machen. Die Partnerschaft mit dem Veranstalter, der Konzerte gratis für die Bevölkerung anbietet, ist eine gefreute Sache», erklärt Rolf Studer und fügt an: Basel sei eine Kulturstadt. Er hofft, einige Besucher sind zum Schluss gekommen, dass eine Oris-Uhr etwas wäre für sie. Studer kann sich vorstellen, dass Oris auch schweizweit oder gar international als Sponsorin auftritt. «Wir müssen den Konsumenten dort erreichen, wo er ist. Und das ist primär im Ausland.»