Das Ortsmuseum Binningen und das Dichter- und Stadtmuseum Liestal veröffentlichen die Schriften des Baselbieter Dichters Jonas Breitenstein in einer Neuauflage. Am 28. November erscheint der erste Band der mehrteiligen Sammlung mit den Werken «Baselfahrt» und «S’Vreneli us der Bluemmatt» (siehe Box). Die Projektleiterin und ehemalige Präsidentin des Ortsmuseums Maja Samimi sagt, was an den Schriften noch heute aktuell ist – und wie man mit Geschichte umgehen kann.

Frau Samimi, was interessiert den Leser heute, was Breitenstein vor 150 Jahren schrieb?

Maja Samimi: Die Schriften von Jonas Breitenstein sind leider fast schon etwas in Vergessenheit geraten. Wenn man die Werke liest, sieht man, wie hoch aktuell sie in heutiger Zeit sind. Dialekt-Literatur liegt heute wieder stark im Trend. Breitenstein schrieb Teile seines Werkes in wunderbarem Baselbieter Dialekt – er verfügte über einen sehr reichen alemannischen Wortschatz…

... ich dachte, wir sprechen über Baselbieter Dialekte …

Alemannisch ist der Überbegriff. Das umschliesst die Elsässer, badischen und Baselbieter Dialekte. Nun, ich bin keine Literaturspezialistin, ich bin Biologin. Aber zurück zur Neu-Veröffentlichung. Sicher, manche würden sagen: Das liest doch niemand. Es gibt einfach Leute, die das nicht interessiert. Wir machen hier keinen Bestseller aus diesem Buch. Aber wir möchten es wieder zugänglich machen für diejenigen, die daran Freude haben. Von Besuchern des Ortsmuseums höre ich beispielsweise öfters, dass sie solche Texte sehr gerne lesen.

Sie haben den Bezug zur Gegenwart angesprochen. Was macht die Werke von Breitenstein so aktuell?

Seine Werke, also auch die beiden Erzählungen, die wir ausgewählt haben, fallen unmittelbar in die Zeit nach der Kantonstrennung. Als 1833 die Kantonstrennung erfolgte, war Breitenstein noch ein Kind. Seine wirkungsvollste Zeit, von der Literatur her gesehen, fällt dann in die Zeit der «Rolle»-Revision ab 1847, geprägt von Aufwieglern gegen die neue Regierung in der Kantonshauptstadt Liestal. Im «Vreneli» beschreibt er etwa die Landratswahlen und die Unzufriedenheit der Bevölkerung. Sehr schön schildert er dort die Rolle der Bauern in der Politik. Es geht um mancherlei Machenschaften und Intrigen bei den Wahlen.

Hochaktuell also …

Ja, richtig. Man gerät dabei ins Schmunzeln, sieht diese Typen vor sich und denkt, dass sich heute eigentlich nicht viel geändert hat. Der politische Hintergrund ist absolut aktuell – gerade jetzt, da man über eine Fusion spricht. Es ist höchst spannend zu sehen, wie es damals zuging im Baselbiet.

Aber war es nicht eine völlig andere Zeit damals? Kann man diese Situationen wirklich vergleichen?

Man kann es sicherlich nicht mit der heutigen Situation vergleichen. Meiner Meinung nach sollte man aber die Vergangenheit kennen. Wer weiss denn heute, was damals geschah? Es würde mich interessieren, welche Politiker dieses historische Wissen wirklich fundiert studiert haben. Oder viele Leute schreiben Leserbriefe aus Emotionen heraus, ohne die geschichtlichen Hintergründe zu kennen.

Was bringt dieses historische Wissen denn konkret?

Wir lernen ja aus der Vergangenheit. Es gibt doch keine Zukunft ohne das Wissen über die Vergangenheit. Die Entwicklung in der Politik basiert auf der Vergangenheit – das betrifft eigentlich jede politische Situation. Dafür ist doch der Geschichtsunterricht in der Schule da.

Zurück zur Dialekt-Literatur: Was ist daran noch heute aktuell?

Es gibt auch heute vermehrt wieder Dialekt-Literatur. Die Jungen schreiben ja fast ausschliesslich ihre SMS in Mundart. Der Dialekt ist nicht tot, er wird sehr stark gepflegt, habe ich das Gefühl. Breitenstein verwendete einen sehr reichen Wortschatz, wovon heute nur noch etwa 10 Prozent im Sprachgebrauch zu finden sind. Ich habe bei der Lektüre enorm viele neue Wörter gelernt …

… zum Beispiel?

Ein Wort war «ertnücke». Das heisst «entschlummern», beziehungsweise «einschlafen». Oder: «usweue». Das macht zum Beispiel der Lällekönig, der seine Betrachter «spöttisch auslacht». Wir haben im Buch auch ein Glossar mit heute kaum gebräuchlichen Dialekt-Wörtern erstellt. Dort kann man alles nachlesen, was man nicht versteht. Man muss aber auch nicht jedes Wort verstehen. Die lautmalerischen Wörter kann man auch dem Klang nach erahnen – oder einfach nur geniessen.

Wollen Sie damit auch das Baselbieterdeutsch fördern?

Nein, so ist das nicht zu verstehen. Nehmen Sie das Beispiel Schiller oder Goethe. Dort wird auch in einer Sprache geschrieben, die wir heute nicht mehr in dieser Form verwenden – aber es ist eine reiche Sprache, die einfach gut tut.