Im Kantonsmuseum in Liestal eröffnet am Freitag eine Sonderausstellung zum Thema Scherenschnitte. Wobei «Scherenschnitte» nicht ganz korrekt ist, viele Künstlerinnen und Künstler verwenden Messer, um ihre Werke zu erstellen.

Dabei sei das Messer lange verpönt gewesen, erzählt Bruno Weber vom Verein Scherenschnitt Schweiz. Die Anerkennung des Messers als Werkzeug steht sinnbildlich für die Veränderungen, die der Verein die vergangenen Jahre durchlebt habe.

Früher seien nur die klassisch gefalteten, schwarz-weissen Scherenschnitte anerkannt gewesen, heute seien die Werke der Mitglieder auch Collagen, bunt, geklebt und mit den unterschiedlichsten Werkzeugen gestaltet.

Die progressiven Ansichten gefallen nicht allen

Das führe zu Debatten innerhalb des Vereins, auch Austritte habe es wegen der progressiven Ansichten schon gegeben, sagt Weber. Das Thema der neunten Schweizerischen Scherenschnitt-Ausstellung habe dann auch für viele Schneiderinnen und Schneider eine grosse Herausforderung dargestellt. «Lebendige Stadt» scheint auf den ersten Blick schlecht mit den traditionellen, bäuerlich geprägten Motiven vereinbar zu sein.

Dass dieser Spagat durchaus gelingen kann, zeigt eindrücklich das Werk «Vie citadine» von Alice-Angèle Genoud. Naturelemente finden sich in ihrem Schnitt ebenso wie urbane. Gekonnt verbindet sie Tradition und Avantgarde, ohne dabei ihren eigenen Stil zu verlieren.

Von szenischen Betrachtungen, über urbane Strukturen, von der Klein- bis zur Weltstadt ist alles dabei, auch Detailbetrachtungen fehlen nicht. Die ausgestellten Werke sparen auch nicht an Kritik: an der Gleichheit der Städte, der Glorifizierung der Banken, dem Stress, der alles verschlingenden Stadt, dem Krieg.

Ein Papierkrieg

Wer dachte, sich mithilfe dieser Ausstellung in die heile Welt zu flüchten, wird schnell eines Besseren belehrt. Trotzdem gibt es Künstlerinnen und Künstler, die sich der puren Ästhetik verschrieben haben. Gerade durch diese Gegensätze betonen sich die Werke umso mehr untereinander, ziehen die Betrachtenden in ihren Bann.

Das grösste Werk, drei auf zwei Meter Fläche, stammt von Ernst Oppliger. Um die tausend Werke hat der Künstler aus dem Berner Oberland bereits erstellt. Für «Noch lebende Stadt Deir al Zor» habe er «nur sechs Wochen gebraucht». Der Schnitt hängt, geschützt durch Glasscheiben, frei in der Luft. Je nach Betrachtungsseite zeigt es einen anderen Fokus. Das Werk thematisiert den Krieg in Syrien, zeigt das Emblem des IS ebenso wie die amerikanische Flagge.

Auch der Schriftzug des Rüstungskonzerns Ruag sticht ins Auge. «Ich wollte die Beteiligung der Schweiz in diesem Krieg ebenfalls ansprechen — das Schweizerkreuz schien mir aber nicht passend», erklärt Oppliger. Der Schnitt zeigt zertrümmerte Strassen neben dem Antlitz von Assad.

Für Gross und Klein soll etwas dabei sein

Je nach Winkel bemerkt man, wie auch bei anderen Werken, neue Details. Am unteren Rand ist das Kunstwerk zerfetzt. «Ein Künstler überrascht sich immer wieder gerne selbst, dieses Ausmass an Zerstörung des Kunstwerks habe ich nicht von Anfang an so geplant», so Oppliger.

Auch wenn die Ausstellung teilweise sehr kritisch ausfällt: Es soll für Gross und Klein etwas dabei sein. So kann am Ende der Ausstellung ein eigener Scherenschnitt gestaltet und aufgehängt werden, und auch ein Bastelnachmittag zum Thema für Kinder im Primarschulalter ist geplant.

-----
Museum.BL in Liestal, Sonderausstellung vom 3.11.-17.2.; www.museum.bl.ch
Öffentliches Schauschneiden: 4., 11. und 25. November, jeweils 14 - 16.30 Uhr.
Mein Museum: Löchrige Kunstwerke für Kinder im Primarschulalter mit Scherenschnittkünstlerin Ines Badertscher: 9. Januar, 14 - 16.30 Uhr.