Der Entscheid des Landrats erwischte die Baselbieter Bildungsdirektorin Monica Gschwind (FDP) auf dem falschen Fuss. Entgegen ihrer Empfehlung sagte das Parlament vergangene Woche Ja zur unformulierten Volksinitiative «Stopp dem Verheizen von Schüler/-innen: Ausstieg aus dem gescheiterten Passepartout-Fremdsprachenkonzept». Gschwind hätte lieber die ersten Ergebnisse des interkantonalen Fremdsprachenprojekts abgewartet, das die sechs Kantone Baselland, Basel-Stadt, Fribourg, Bern, Solothurn und Wallis 2011 lancierten. Dieses beinhaltet, dass die Schüler in der dritten Klasse mit Französisch anfangen und in der fünften mit dem Englischunterricht.

Die wesentliche Kritik seitens der Lehrer, von der sich der Landrat offensichtlich beeindrucken liess, betrifft die Didaktik und die Französischlehrmittel Mille feuilles (Primarschule) und Clin d’oeil (Sek). Die Idee von Passepartout: Im Unterricht sollen das Handeln und Kommunizieren im Vordergrund stehen und nicht das Wörter oder Grammatik Büffeln. Moniert wird, dass die Schüler keine Leitplanken hätten. Fehler würden nicht korrigiert. Der Lerneffekt sei nahe null.

Die Erleichterung war bei vielen Baselbieter Lehrern gross nach dem Landratsentscheid. Philipp Loretz, Vorstandsmitglied des kantonalen Lehrervereins, sagte im «Regionaljournal»: «Es muss sehr schnell gehen, weil unsere Schüler nicht mehr in dieses fehlerhafte System geleitet werden sollen. Das sind wir ihnen schuldig.»

Wiedemann will schnelles Gesetz

Die Baselbieter Kultur- und Bildungsdirektion (BKSD) steht dagegen auf die Bremse. BKSD-Sprecherin Monique Juillerat sagt, der Landratsbeschluss habe keine unmittelbaren Auswirkungen auf den Schulbetrieb und den Einsatz der Lehrmittel. Kantonal müsse zunächst ein Vorschlag ausgearbeitet werden, wie die nichtformulierte Vorlage umgesetzt werden solle, wenn sie im Februar 2020 angenommen würde. Bis dahin würden das aktuelle Sprachenkonzept, der Lehrplan, die Lehrmittel und die Fortbildung der Lehrer weitergeführt.

Dass die BKSD sich in den nächsten zwei Jahren nicht zum Handeln veranlasst sieht, wird besonders Jürg Wiedemann ärgern. Sein Komitee «Starke Schule» hatte die Initiative zum Passepartout-Ausstieg lanciert. Nach dem Parlaments-Ja will der Landrat der Grünen Unabhängigen aufs Gas drücken. Er plant, in der nächsten Landratssitzung einen Vorstoss einzureichen. Wiedemann will darauf hinwirken, dass die nötige Gesetzesvorlage «rasch erarbeitet» wird, am besten noch in dieser Legislatur. Der Birsfelder fordert nun quasi einen weiteren Marschhalt in der Baselbieter Bildungspolitik. Von nun an dürften keine Gelder in das «gescheiterte Fremdsprachenprojekt» gesteckt werden, sagt er. Besonders die Mittel für die «unsäglichen Weiterbildungen», die Überarbeitungen des Lehrmittels Mille feuilles sowie die geplanten Evaluationen müssten gestoppt werden. Bisher seien bereits 12,5 Millionen in das Passepartout-Projekt «verlocht» worden. Das sei genug, zumal sich bereits heute viele Lehrer mit alternativen Lehrmitteln behelfen würden.

Erste Testergebnisse im Sommer

Die BKSD ist dagegen versucht, den Ball flach zu halten. Juillerat sagt, dass keine kantonalen finanziellen Mittel in die Entwicklung von Mille feuilles und Clin d’oeil geflossen seien. Diese Kosten lagen vollumfänglich beim Verlag. Die ins Feld geführten 12,5 Millionen Franken seien alles andere als «verlocht worden». Das Geld komme der «Aufwertung des Sprachenunterrichtes an der Primarstufe» sowie der Weiterbildung von Primarlehrpersonen zugute.

Die BKSD-Sprecherin betont aber auch, dass der Unmut der Lehrer über die Lehrmittel ernst genommen worden sei. Seit 2016 gäbe es unter der Leitung Gschwinds eine Austauschrunde Passepartout, die sich vierteljährlich treffe, um «auf Anliegen bezüglich der Fächer Französisch und Englisch reagieren zu können». Zudem seien die umstrittenen Lehrmittel überarbeitet worden. Im neuen Mille feuilles für die 5. und 6. Klasse, das seit Februar benutzt wird, werde beispielsweise die Box «On bavarde» angeboten, das dem Bedürfnis nach mehr Sprechsituationen im Unterricht Rechnung trage.

Ob Jürg Wiedemann mit seinem geplanten Vorstoss zum schnellen Abbruch der Übung Erfolg hat oder nicht: Zur Diskussionsgrundlage wird Passepartout früher oder später ohnehin.

Spätestens, wenn die ersten Ergebnisse zu den Fremdsprachenkenntnissen der heutigen Primarschüler vorliegen. Bereits im vergangenen Frühjahr wurde bei den 6.-Klässlern das Französisch getestet. Der Zwischenbericht erscheint im Sommer und wird je nach Ergebnis auch in den anderen fünf Passepartout-Kantonen politische Debatten darüber anstossen, ob das Modell fortgeführt werden soll. So auch in Basel-Stadt, wo die Kritik bisher deutlich weniger laut war als im Landkanton. Simon Thiriet, der Sprecher des Erziehungsdepartements, will sich aber nicht auf Prognosen einlassen. Thiriet sagt: «Wir lassen das Projekt wie gewohnt weiterlaufen und ziehen dann am Schluss Bilanz.»