Der Münchensteiner Umweltfachmann Roland Lüthi, einem grösseren Publikum als Verfasser von zehn Exkursionsführern durch Baselbieter Naturschutzgebiete bekannt, hat vor kurzem mit «Flora des Oberbaselbiets 2012 – 2015» ein eigentliches botanisches Standardwerk veröffentlicht. Er arbeitete fast sieben Jahre daran, davon vier Jahre draussen bei der Bestandesaufnahme.

Das Resultat ist ein 848 Seiten umfassendes Buch mit einem allgemeinen, reich bebilderten Teil zur Methodik, zu den Naturräumen und zu Naturschutzbemühungen sowie einem umfangreichen Artenteil. In Letzterem werden 1588 Pflanzen detailliert inklusive Fundorten und grossenteils mit Verbreitungskarten vorgestellt, allerdings ohne Bilder.

Lüthis Untersuchungsgebiet misst etwas über 300 Quadratkilometer und umfasst die Bezirke Sissach, Waldenburg und einen Teil des Bezirks Liestal mit der Ergolz als Abgrenzungslinie. Es ist die räumliche Fortsetzung des vor 20 Jahren erschienenen Werks «Flora von Basel und Umgebung 1980 – 1996» von diversen Autoren.

Herr Lüthi, Sie haben sich intensiv mit der Pflanzenwelt des oberen Kantonsteils auseinandergesetzt. Waren Sie insgesamt positiv oder negativ überrascht, was Sie vorgefunden haben?

Roland Lüthi: Das Oberbaselbiet ist floristisch reich, das war früher so, das ist noch heute so. Von daher war ich weder positiv noch negativ überrascht. Aber es gab schon Highlights während der Feldarbeit, allem voran die Wiederentdeckungen. Damit meine ich Arten und Vorkommen, von denen es alte Angaben gibt, die aber während Jahrzehnten nicht mehr nachgewiesen wurden, und auf die ich wieder gestossen bin. Dazu zählen Puppenorchis, Deutsche Hundszunge oder Gegenblättriges Milzkraut.

Haben Sie auch Pflanzen vermisst, die Sie eigentlich erwartet hätten?

Das nicht. Aber ich habe von einzelnen Pflanzen viel weniger Exemplare gefunden als erwartet. So etwa vom Clusius Enzian. Der Grund dürfte sein, dass ich den optimalen Zeitpunkt Ende Mai verpasst habe. An der Eptinger Geissfluh gibt es wahrscheinlich noch heute zahlreiche Exemplare, aber von oben kommt man nicht heran, und von unten sieht man diese Enzianart in der Felswand nur, wenn sie blüht. Damit sind wir bei einem Problem der Feldarbeit: Viele Pflanzen blühen nur kurz zur gleichen Zeit, ich konnte aber nicht gleichzeitig überall sein. Aber unter dem Strich ist die Artenbilanz recht gut. Dies vor allem seit 1988, als man die letzte Rote Liste mit den verschwundenen und gefährdeten Arten publizierte. Denn fast alle 129 Arten, die seit 1880 verschwunden sind, sind vor 1988 verschwunden.

Aber selbst wenn man bis 1880 zurückschaut, ist die Artenbilanz dank neuer Pflanzen positiv.

Ja, die Artenvielfalt ist leicht gestiegen. Diese Aussage darf man aber keinesfalls politisch missbrauchen im Sinne, dass die Natur ja gar nicht am Verarmen sei. Denn die neuen Arten sind kein Ersatz für die alten einheimischen, die verschwunden sind. Unter den Neuen befinden sich vor allem Neophyten.

Neophyten gelten als Gefahr für die einheimische Pflanzenwelt. Sie aber halten in Ihrem Werk fest, dass bestimmte Neophyten erhaltenswert seien. Das müssen Sie erklären.

Das ist unter Botanikern ein Streitpunkt. In der aktuellen nationalen Roten Liste hat man alle Neophyten ausgeklammert. Damit bringt man zum Ausdruck, dass Neophyten grundsätzlich nicht erhaltenswert sind. Ich bin hier anderer Meinung. Denn es gibt Arten, die seit dem 16. Jahrhundert bei uns eingebürgert sind und deshalb als alteingesessen bezeichnet werden können, obwohl sie ursprünglich Neophyten waren. Ein gutes Beispiel dafür ist die Weinbergstulpe. Problematisch sind, und da sind sich die Botaniker einig, die invasiven Neophyten. Im Oberbaselbiet sind das zehn Arten; am schlimmsten ist wahrscheinlich die Armenische Brombeere. Ich bin der Meinung, dass diese Pflanzen vor allem in floristisch wertvollen Gebieten bekämpft werden müssen.

Sie haben es gesagt: Die positive Artenbilanz ist mit Vorsicht zu geniessen. So sind im Oberbaselbiet mit rund 60 Prozent viele alteingesessene Arten gefährdet oder ausgestorben. National ist dieser Prozentsatz weniger als halb so gross. Wieso das?

Im Prinzip ist das Oberbaselbiet mit etwas über 300 Quadratkilometern als Referenzgrösse zu klein für eine eigenständige Rote Liste mit ausgestorbenen und gefährdeten Pflanzen. Denn es ist gut möglich, dass eine Pflanze, die im Oberbaselbiet nicht mehr vorkommt, ein paar Meter jenseits der Grenze wächst und damit regional nicht ausgestorben ist. Oder dass eine Felsenpflanze selten vorkommt und als gefährdet gilt, weil es im Oberbaselbiet halt nur wenige Felsen gibt. Deshalb macht ein Gebiet wie der ganze Schweizer Jurabogen Sinn als Referenzgrösse.

Welche Rolle spielen Naturschutzgebiete bei der Erhaltung der regionalen Flora?

Sie sind wichtig. Nehmen wir das Beispiel des Naturschutzgebiets Chilpen bei Diegten: Mehrere Arten findet man im Oberbaselbiet nur dort. Oder die Fliegen-Ragwurz, eine Orchidee, kommt schon noch an ein paar andern Standorten vor, aber von allen Oberbaselbieter Individuen fallen 95 Prozent auf den «Chilpen». Es lohnt sich deshalb, derart wertvolle Gebiete optimal zu schützen und zu pflegen. Aber man findet auch zahlreiche floristische Highlights ausserhalb der Naturschutzgebiete. Von herausragender Bedeutung für die Oberbaselbieter Flora ist der südwestliche Kettenjura zwischen Eptingen und Lauwil mit seiner naturräumlichen Heterogenität mit Felsen, Schluchten, Wald und Weiden.

Hand aufs Herz: Wem ausser angefressenen Botanikern würden Sie Ihr Buch unter den Weihnachtsbaum legen?

So angefressen muss man nicht sein. Ich sehe vor allem Leute, die sich für die einheimische Natur interessieren und eine Wertschätzung haben für ein naturwissenschaftliches Grundlagenwerk. (Andreas Hirsbrunner)

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Trio ging Wasser auf die Spur

Das Buch von Edith Schweizer-Völker, Beat von Scarpatetti und Daniel Küry erscheint zur richtigen Zeit. In der Region Basel ist das Bewusstsein für die Bedeutung des Grundwassers grösser als auch schon. Der erfolgreiche Aufstand der Laufentaler Deponiegegner hat gezeigt, dass den Menschen nicht egal ist, was mit den Quellen in ihrer Nachbarschaft geschieht.

Nichtsdestotrotz müssen die drei Autoren vielen der rund 2000 unterirdischen Gewässer in beiden Basel ein schlechtes Zeugnis ausstellen. Im 20. Jahrhundert seien etliche regionale Quellen «durch Leitungsnetze mit Hausanschlüssen ersetzt, aufgegeben, also sich selbst überlassen» worden, schreiben sie. In den Baselbieter Gemeinden fänden sich deshalb alte und verlassene Quellstätten.

Während ihren umfangreichen Recherchen besuchten und fotografierten die Autoren zahlreiche Quellen – also Orte, an denen Grundwasser aus dem Boden austritt. Volkskundlerin Schweizer-Völker, Historiker von Scarpatetti und Gewässerbiologe Küry sprachen mit Brunnenmeistern, Quellen-Verantwortlichen und Fachleuten. Entstanden ist in den vergangenen zehn Jahren ein Standardwerk, das Auskunft gibt über die Anzahl und den Zustand der Quellen in den 86 Gemeinden des Baselbiets, der Stadt Basel sowie Riehen und Bettingen.

Quellenreiches Langenbruck

In ihren Ausführungen spart das Trio nicht mit unterschwelliger Kritik. So laufe in Binningen das Wasser sämtlicher Quellen ungenutzt ab, während man dort für das Trinkwassernetz täglich rund 3000 Kubikmeter Wasser von den IWB beziehe. Eigentlich war geplant gewesen, das Buch nur über die Quellensituation in Binningen anzufertigen. Auf vielfachen Wunsch wurde das Werk jedoch ausgeweitet auf die Kantone Baselland und Basel-Stadt. Wer sich interessiert, wie viele Quellen in der eigenen Gemeinde vorhanden sind und wo sich diese befinden, wird hier fündig.

Richtig quellenreich sind die Baselbieter Ortschaften Langenbruck mit 91 und Eptingen mit 80 Quellen. In Birsfelden und in Therwil gibt es wiederum keine einzige Quelle. Läufelfingen, Oltingen, Rünenberg, Zeglingen, Bretzwil, Eptingen, Lauwil, Oberdorf, Reigoldswil, Titterten und Röschenz beziehen ihr Trinkwasser ausschliesslich aus gemeindeeigenen Quellen.

Selbst wenn sie auf den bedauernswerten Zustand einiger Quellen hinweisen, bleiben die Autoren für die Zukunft optimistisch: «Die Quelle selbst bleibt auch nach den Modernisierungen ein Phänomen, ein Kulturgut und eine Ressource und dürfte als solche im 21. Jahrhundert wieder zu mehr Bedeutung gelangen und wesentlich mehr Zuwendung erfahren.» (Dimitri Hofer)

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Eine farbige Sagenwelt für Kinder

Die Ärdwybli, der Sumpfgeist und der Bachpfattli sollen weiterleben. Auch in vielen Jahren sollen sich die Baselbieter noch an sie erinnern und ihre Geschichten weitererzählen. Das wünschen sich die Autorinnen des Sagenbuches «Vo Ärdwybli und Rägemännli». Texterin Barbara Saladin und Illustratorin Kathrin Horn haben aus dem grossen Sagenschatz des Kantons 19 Geschichten ausgesucht und für Kinder aufbereitet.

Zwergen, Geister und Hexen

Im Buch lernt man zum Beispiel den Baumgeist aus Liedertswil kennen, der seine Kirschbäume gegen alles und jeden verteidigt. Und das Imlischbärgmareili aus Ramlinsburg, eine alte Frau, die aussieht wie eine Ziege. Ebenso wenig fehlen darf der Schneckenreiter aus Muttenz, der mit seiner Klugheit einen rechthaberischen Schatzsucher in die Irre geführt hat.

In der Zeit, als die Sagen entstanden, gab es im Baselbiet noch keine Elektrizität und kein Radio. Man wusste kaum, was im nächsten Tal vor sich geht. Die Geschichten von Sagengestalten, von Zwergen, Geistern und Hexen gaben sich die Leute über Generationen hinweg mündlich weiter. Viele der Sagen sind sich im Grunde ähnlich: So gab es auch in vielen Dörfern hilfreiche Ärdwybli oder -männli, fast überall gibt es einen unheimlichen Hund mit leuchtenden Augen, der nächtliche Herumtreiber erschreckt. Im einen Dorf heisst er Welthund, anderswo Bachpfattli oder Ribihund.

Die Illustrationen von Kathrin Horn geben den Sagengestalten Gesichter, farbenfroh und nicht ganz so unheimlich, wie man sie sich vielleicht vorstellt. Die Geschichten dazu sind kurz und schnell erzählt, lassen sich aber von einem geübten Erzähler problemlos ausschmücken.
Ein Teil der Finanzierung des Buches ist über die Crowdfunding-Plattform «wemakeit» zusammengekommen. 203 Personen haben dabei die beiden selbstständig Erwerbenden Saladin und Horn mit rund 30 000 Franken unterstützt. (Alice Guldimann)