Die Idee klang simpel und genial. In einem Interview mit dem «Blick» appellierte der Generalsekretär der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SHF) im vergangenen Herbst für die private Unterbringung von Flüchtlingen. Dies sei eine «sehr direkte und menschliche» Form von Flüchtlingshilfe, meinte Beat Meiner. Hunderte Schweizer, die den Flüchtlingen ein angenehmes neues Zuhause bieten wollten, meldeten sich daraufhin.

Eineinhalb Jahre später muss die SFH auf die Euphoriebremse stehen. Es hat sich herausgestellt, dass die Suche nach geeigneten Gastgebern aufwendiger ist als gedacht. Ein Liestaler Ehepaar bot Hilfe an und verlor sich im Behördendschungel, nachdem sich Gemeinden, der Kanton und die Flüchtlingshilfe gegenseitig die Verantwortung für die private Platzierung von Flüchtlingen zugespielt hatten. Noch heute ist das Zimmer des Liestaler Ehepaars unbewohnt.

Meiners Idee scheiterte in den beiden Basel aber nicht nur an behördlichen Widrigkeiten. Viele Experten hegen grundsätzliche Zweifel. Der Baselbieter Asylkoordinator Rolf Rossi gibt zu bedenken, dass den Flüchtlingen etwa in einem Einfamilienhaus oft die Privatsphäre fehle. «Es kann sehr schnell zu Konfliktsituationen kommen, wenn man von einem Tag auf den anderen so eng mit fremden Menschen zusammenlebt», sagt er.

In den beiden Basel gibt es im Moment ohnehin genügend Platz für die Unterbringung von Asylbewerbern. Kurzum: Die private Unterbringung von Flüchtlingen ist vom Tisch. Dass die Bevölkerung eine derart grosse Hilfsbereitschaft signalisiert, hat Rolf Rossi indes auf eine andere Idee gebracht, wie den Flüchtlingen die ersten Monate in der neuen Heimat erleichtert werden könnten. Der Asylkoordinator arbeitet an einem Konzept. Künftig sollen freiwillige Helfer in den ersten Monaten als Paten zur Seite stehen und dabei die kommunalen Sozialdienste entlasten.

«Die meisten Flüchtlinge sind in der neuen Welt am Anfang schon mit der Sprache überfordert», sagt Rossi. Wer aus Drittweltländern stamme, kämpfe oft mit Alltagsproblemen. Wie funktioniert die Abfallentsorgung? Wie bedient man einen Billettautomaten? Wie funktioniert das Schulsystem? Was mache ich, wenn ich krank bin? Welche Aufgaben habe ich als Mieter? Und welches sind die elementaren Verhaltensregeln in der Schweiz? Wenn die Asylbewerber all diese Fragen von ihrem Götti beantwortet kriegten statt von den staatlichen Behörden, fänden sie auch schneller Anschluss an die Gesellschaft, glaubt Rossi. «Wenn man sich kennt, respektiert man sich. Und wenn man sich respektiert, dann ist das die beste Grundlage für die Integration.»

Erfunden hat Rossi das Götti-System nicht. Vor zwei Jahren lancierte die St. Galler Gemeinde Goldach ein ähnliches Integrationsprojekt. Auf kantonaler Ebene wäre Baselland aber Pionier. Rossi schwebt vor, das Projekt in den nächsten drei Monaten zu präsentieren, im Herbst die Gemeinden zu informieren und bis Ende des Jahres einen Pool an freiwilligen Gotten und Göttis zur Verfügung zu haben. Freiwillige, schiebt er nach, sollten sich doch schon jetzt melden.