Die Liestaler Rathausstrasse, Rückgrat und Aushängeschild des örtlichen Detailhandels in einem, ist in grösserer Bewegung – in positiver wie negativer. Andreas Zbinden, Präsident von KMU Liestal, stellt naturgemäss lieber die positiven Aspekte in den Vordergrund. So sagt er: «Die grossen Frequenz-Erbringer im Stedtli wie Swisscom, Salt, Fielmann und Coop haben neu gebaut, ausgebaut oder werden ausbauen. Und bevor solche Grossunternehmen ausbauen, analysieren sie die Lage. Daraus kann man schliessen, dass die Rathausstrasse Zukunft hat.»

Wie Coop nun nach dem Umzugs-Verzicht aufs Ziegelhofareal den «Stabhof» (5) konkret umgestalten wird, ist jedoch noch offen. Patrick Häfliger, Sprecher der Verkaufsregion Nordwestschweiz-Zentralschweiz-Zürich, kann derzeit nur bestätigen, dass die umgebaute Filiale 2017 oder 2018 eingeweiht wird.

Farbtupfer und Sorgenkinder

Zbinden freut sich auch, dass die Raiffeisenbank (4) ihre Liestaler Filiale dieses Jahr erweitert hat und jetzt das Firmenkundengeschäft aus dem ganzen Oberbaselbiet hier konzentriert. Und zum kürzlich eröffneten, gleich daneben liegenden «herzlich» (3), einem Take-away für Vegetarier, Veganer und Gluten-Allergiker, meint Zbinden: «Das ist ein positives, mutiges Unterfangen.» Betreiberin Beatrice Rieder sagt, dass ihr Geschäft laufend mehr Zuspruch finde und sich die Qualität der – mittlerweile konsequent biologischen – Produkte herumspreche. Im nächsten Frühling will sie das «herzlich» vergrössern und Sitzplätze im Parterre sowie im Untergeschoss anbieten. Als Ergänzung will Rieder dann auch Kurse für veganes und glutenfreies Kochen ausschreiben.

Auch weiter unten an der Rathausstrasse gibt es einen neuen Farbtupfer: Im ehemaligen Comestibles-Geschäft (6), wo bis letzten Sommer ein Elektromobil-Unternehmen eingemietet war und derzeit Zwischennutzer von der Liquidatorin eines Messergrosshandels bis zur Porzellanmalerin ihre Ware darbieten, eröffnet Mitte Januar 2016 ein Secondhand-Laden namens GareDeRobe. Und zwar ein nicht ganz alltäglicher: Die beiden Frauen Katy Gallo und Silvia Bolliger beschäftigen im Auftrag von Sozialhilfebehörden arbeitslose Menschen, die bei Privaten rund um Liestal nicht mehr gebrauchte Kleider einsammeln, diese waschen, flicken, allenfalls ändern und verkaufen. Es gebe Kleider für jedes Budget und das für Männer, Frauen und Kinder, kündigt Gallo an. Die heutige Arbeitsagogin Gallo absolvierte übrigens einst ihre Erstausbildung nur ein paar Meter weiter oben in der ehemaligen Drogerie am Rathaus (7). Dass diese Lokalität an prominentester Lage nun schon seit einem Jahr verwaist ist, liegt KMU Liestal besonders schwer auf dem Magen. Zbinden sagt: «Zum Glück verschönert Cellovelo mit den ausgestellten Fahrrädern das Schaufenster.»

Mietzinse sollen runter

Gar ein leeres Schaufenster droht unmittelbar unter dem Törli: PKZ (1) schliesst seine Liestaler Filiale auf Ende Jahr (die bz berichtete). Betreffend Nachfolgelösungen sei man am Verhandeln, heisst es bei der Vermieterin, der Hess-Investment-Gruppe im thurgauischen Amriswil. Das sagt auch Emil Strübin, Besitzer der Lokalität an der Rathausstrasse 22 (9). Dort, wo Strübin einst sein über das Stedtli hinaus bekannte Messergeschäft betrieb, schliesst die jetzige Boutique mit Damenunterwäsche und Handtaschen auf Ende dieses Monats.

Im nächsten März zieht auch Nachbar Vögele-Shoes (8) von der Rathausstrasse weg, aber nur um die Ecke ans Bücheli gegenüber dem Manor-Center. Martin Stadler, bei Vögele-Shoes Leiter Expansion, begründet den Wechsel so: «Wir stellen in Liestal eine Verlagerung des Einkaufsverhaltens fest und erhoffen uns am Bücheli stärkere Frequenzen.» Zudem sei die neue Verkaufsfläche auf einer Ebene, was die Situation fürs Verkaufspersonal und die Kundschaft einfacher und übersichtlicher mache. Und auch das Kinderschuhgeschäft Binggis an der Rathausstrasse 70 (2) schliesst auf Ende Februar. Nach einem Umbau zieht dann hier das heute einige Meter weiter gegen das Törli domizilierte Reisebüro Hotelplan ein.

Platzcharakter hervorheben

Was die Ladenschliessungen ohne Nachfolgelösung an der Rathausstrasse noch problematischer macht: Im Jahr 2017 wird Liestals erstrangige Einkaufsstrasse im Untergrund und an der Oberfläche umfassend saniert. Und das voraussichtlich während acht Monaten nach dem Chienbäse-Umzug im Frühjahr bis Ende Oktober. Leerstehende Lokalitäten sind deshalb derzeit schwerer zu vermieten, und KMU-Chef Zbinden würde es begrüssen, wenn Liegenschaftsbesitzer mit temporären Mietzinsreduktionen Gegensteuer gäben.

Dafür winkt danach eine neue Atmosphäre: Stadtrat Franz Kaufmann will zwar noch keine Details verraten, aber er sagt, dass seine Behörde auf den Vorschlag der Denkmal- und Heimatschutzkommission eingeschwenkt sei, das «Platzartige» an der Rathausstrasse zu betonen. Sobald das Projekt fertig ist, werde es der Öffentlichkeit vorgestellt.

Und Kaufmann sagt weiter: «2019 geht die Bauerei am Bahnhof los, eventuell startet im Jahr vorher schon der Bau der neuen Post. Es ist optimal, wenn die neue Rathausstrasse vorher fertig ist, denn das gibt den Läden im Stedtli einen Vorsprung gegenüber den künftigen Läden am Bahnhof.»

Auch Zbinden schaut unter dem Strich optimistisch vorwärts. Die ganze Bautätigkeit in Liestal vom Bahnhof bis in die Wohnquartiere werde einen positiven Effekt auf die Innenstadt haben. «Das zwischenmenschliche Ambiente spricht fürs Einkaufen im Stedtli, gewisse Center haben bereits Mühe.»