Kein Höhenfeuer, kein Feuerwerk, keine Kinder, die Frauenfürze ablassen: Das waren trockenheitsbedingt die Umstände, unter denen die 1.-August-Feier in Muttenz stattfinden musste. Doch die Stimmung war heiter und angekündet war Bundesrätin Simonetta Sommaruga - ein Ehrengast von solchem Kaliber, dass sich unters Publikum nicht nur Feierfreudige, sondern auch Sicherheitspersonal mit Knöpfen in den Ohren mischten.

Normal, wenn eine Bundesrätin auftritt, dachte sich Charles Keller, Präsident des örtlichen Verkehrsvereins, der den Anlass mitorganisierte. Die kurze Besprechung mit der Polizei kurz vor dem Anlass verlief in seiner Wahrnehmung problemlos. Dabei war eine Vertreterin des Gemeinderates.

Konkrete Hinweise

Doch es schwebte eine dunkle Wolke über dem Anlass. Die Kantonspolizei hatte nämlich im Vorfeld Hinweise bekommen, dass Rechts- und Linksextreme auftauchen würden. «Was genau diese vorhatten, wussten wir auch nicht», sagte im Nachhinein Polizeisprecher Adrian Gaugler. «Doch die Hinweise waren so konkret, dass wir das Sicherheitsdispositiv hochfuhren.»

Wenn man von diesem drohenden Ungemacht absieht: Mit den Alphörnern und der Blasmusik, dem Jodeln und den Fahnen, dem Bratwurstduft, den Lampions (mit LED-Beleuchtung, keine Sorge) und dem gemeinschaftlich intonierten Schweizerpsalm kam man in Muttenz recht nahe an die perfekte Bundesfeier heran.

Mögliche Szenarien

Schon nur die Dame des Abends, gewandet in ein feurigrotes Kleid, hätte gereicht, dass so manch einer die Kühle der eigenen Stube verliess, um auf dem Dorfplatz bundesrätlichen Worten zu lauschen, vielleicht einen Händedruck zu erhaschen (Sommaruga hatte viele Hände zu drücken), vielleicht ein Bildchen mit der Magistratin zu knipsen.

Doch als Asylministerin hat Sommaruga auch Feinde, zum Beispiel die PNOS, die Partei national orientierter Schweizer. Laut unbestätigten Quellen war es diese rechtsextreme Gruppierung, die das Aufsehen der Polizei erregt hatte. Denn sie hatte angekündet, in Muttenz aufzutauchen. Dies wiederum soll, ebenfalls laut unbestätigten Gerüchten, die Antifaschisten provoziert haben, ebenfalls nach Muttenz zu pilgern. «Dass Rechts- und Linksextreme aufeinander stossen könnten, war eines der möglichen Szenarien, mit denen wir rechnen mussten», sagt dazu Polizeisprecher Gaugler.

Unbekannte Merkmale

Auf den Rängen sass ein Who is Who der Baselbieter Politik, schliesslich tummelten sich am Bundesratstisch auch Landratspräsident Hannes Schweizer, die Nationalräte Daniela Schneeberger und Eric Nussbaumer, Ständerat Claude Janiak und Regierungsrat Thomas Weber, der eine Rede über Freiheit hielt.

Im Publikum sassen aber auch ganz gewöhnliche Menschen, die an diesem Abend ein Pech hatten: Sie entsprachen Merkmalen, die sie für die Polizei verdächtig machten, zu einer der Extremistengruppen zu gehören. Um welche Merkmale es sich handelt, will Gaugler nicht verraten. Jedenfalls wurden 15 Personen von der Polizei heraugepickt, und glaubt man dem «Blick», wurden sie mit Kabelbindern gefesselt und in einen Polizeiwagen abgeführt.

Väter und Mütter hätten ihre Kinder alleine lassen müssen. «Es handelte sich um ganz normale Personenkontrollen, wie sie jeden treffen können», entgegnet Gaugler.

Hinweise nicht ignorieren

In Sommarugas Rede ging es um Migration, Flüchtlinge und «eine Verrohung, die mir Sorgen bereitet»; es komme ihr vor, als wäre um die Schweiz herum ein Wettbewerb in Gang, welches Land am abweisendsten sei.

Keller hat nichts von den Personenkontrollen mitgekriegt, und er ist überzeugt, dass es der Bundesrätin gleich ergangen ist. Hingegen beklagte sich danach ein Muttenzer bei ihm, er sei von der Polizei unzimperlich behandelt worden. «Es war fast nicht zu vermeiden, dass wir Personen kontrollierten, die nichts mit unseren Hinweisen zu tun hatten», sagt Gaugler.

Sommaruga steht im Kreuzfeuer

«Und wenn etwas passiert wäre und wir hätten nichts unternommen, hätte es geheissen, die Polizei ignoriert Hinweise.» Deshalb habe die Polizei die Angelegenheit ernst genommen. «Sommaruga steht im Kreuzfeuer», sagt Gaugler. «Es geht schliesslich um die Flüchtlingsthematik.»

Am Ende zeigte sich, dass die Rechts- und Linksextremen offenbar nicht vor Ort waren. Es gab keine einzige Anzeige und auch keine Festnahme. Alle kontrollierten Personen waren nach einer halben Stunde wieder an ihren Plätzen, und das Fest ging weiter - ohne Feuerwerk, ohne Böller.