Werner Widmer, werden Sie derzeit von Albträumen geplagt?

Werner Widmer: Ich schlafe einigermassen gut. Aber besser schlafe ich sowieso nie. Wieso meinen Sie?

Die Vorstellung, dass das Baselbieter Volk am 21. Mai die Bruderholzspital-Initiative annehmen könnte, müsste Ihnen doch den Schlaf rauben …

Nein. Wenn das Volk so entscheiden würde, dann ist das so. Das sind die Spielregeln der Demokratie. Das Volk hat recht – was nicht bedeutet, dass es die richtige Entscheidung wäre. Aber es hat recht.

Konkret: Was passiert bei einem Ja mit dem Standort Bruderholz, dem Kantonsspital Baselland (KSBL) und der Spitalgruppe, welche KSBL und Unispital Basel gemeinsam vorantreiben?

Eine Annahme der Initiative würde die Voraussetzungen einer gemeinsamen Spitalgruppe wesentlich verändern. Wir könnten die Spitalgruppe in der angedachten Version nicht realisieren.

Irgendwie würde man die Spitalgruppe doch trotzdem umsetzen wollen.

Die Spitalgruppe versucht ja, die Überkapazitäten der Spitalbetten in der Nordwestschweiz zu reduzieren, indem auf dem Bruderholz stationäre Betten abgebaut werden. Dafür gibt es einen Schwerpunkt mit Orthopädie, Rehabilitation und ambulantem Zentrum inklusive Notfall-Permanence.

Dieser Bettenabbau ist nicht möglich, wenn man die Initiative buchstabengetreu umsetzt. Stattdessen müsste man auf dem Bruderholz weiterhin eine erweiterte Grundversorgung anbieten. Was das heisst, ist zwar offiziell nicht genau definiert, aber die meisten Leute verstehen darunter Innere Medizin, Chirurgie, Gynäkologie und Geburtshilfe. Das passt überhaupt nicht ins Konzept der Spitalgruppe.

Heisst das, dass die Spitalgruppe bei einem Ja am 21. Mai nicht wirtschaftlich betrieben werden könnte?

Weder könnten wir die stationären Betten abbauen und dadurch eine bessere Auslastung der verbleibenden Betten erreichen, noch könnten wir Synergien realisieren. Wir müssten dann auf dem Bruderholz ein Angebot aufrechterhalten, das es gar nicht braucht. Das würde ein Defizit von 20 bis 25 Millionen Franken bedeuten, das der Kanton jedes Jahr bezahlen müsste, weil das Stimmvolk von Baselland das ausdrücklich so wollte.

Verstehen wir richtig: Dass der Kanton jedes Jahr bis zu 25 Millionen Franken einschiessen müsste, steht für Sie fest?

Das ist so. Weil es ein klar politischer Entscheid wäre, der ausserhalb des betriebswirtschaftlichen Einflussbereichs des KSBL liegt, muss der Kanton diese Mittel bereitstellen. Die Krankenkassen sind nicht verpflichtet, unnötige Kapazitäten mitzufinanzieren. Sie würden uns keine kostendeckenden Tarife gewähren, da aus ihrer Sicht die Kosten künstlich hoch gehalten werden. Es würde nichts anderes übrig bleiben, als dass der Steuerzahler dies berappen müsste. Denn er wollte diese Struktur ja dann auch explizit.

Was würde ein Ja am 21. Mai für die Entwicklung des Kantonsspitals Baselland selbst bedeuten?

Bevor wir überhaupt weiterplanen könnten, bräuchten wir die politische Zusicherung der zusätzlichen jährlichen 20 Millionen Franken vom Staat. Und dazu bräuchte es einen Landratsentscheid.

Wenn Sie das Geld vom Kanton erhalten, können Sie sich zurücklehnen und das Bruderholz so weiterbetreiben.

(Zögert) Es wäre aber sehr unbefriedigend, eine Struktur zu managen, die es gar nicht braucht. Das wäre auch ethisch schwierig, da wir dann Steuer- und Prämiengelder verschwenden für etwas Unnötiges.

Fühlen Sie sich von den Initianten veräppelt?

Weshalb fragen Sie?

Die Initianten halten an ihren Forderungen fest, obwohl Sie ihnen mit einem neuen kleineren Bettenhaus, der Notfall-Permanence und dem Schwerpunkt auf Reha und Orthopädie sehr entgegengekommen sind.

Das ursprüngliche Projekt, das 2015 vorgestellt wurde, war wirklich sehr schlank. Die Initiative hat uns dazu gebracht zu überlegen, ob es Sinn machen könnte, auf dem Bruderholz eine Notfall-Permanence zu betreiben und die Rehabilitation dort bleiben zu lassen. Das ist keine Akutmedizin, braucht also keine Intensiv- und rund um die Uhr geöffnete Notfallstation, was beides sehr teuer wäre.

Nun auch noch den Orthopädie-Schwerpunkt dort zu setzen, war hingegen ein vorgezogener Entscheid des Kooperationsprojektes mit dem Unispital Basel. Vom Konzept ist es ähnlich wie die orthopädische Uniklinik Balgrist, die räumlich ebenfalls ausserhalb des Zürcher Unispitals angesiedelt ist. Kombiniert mit der Rehabilitation macht das Sinn. Die Initiative hat uns also gute Anregungen geliefert. Ein Kompromiss ist es aber nicht, denn wir werden bei dieser Struktur bleiben – auch nach einem Nein am 21. Mai.

Was sagen Sie zum Argument der Initianten, dass das geplante Bettenhaus – auch wenn unterdessen rund 150 Betten vorgesehen sind – noch immer zu klein ist, um die zunehmende Zahl von betagten multimorbiden Patienten aufzunehmen?

Die multimorbiden betagten Patienten, die auf den Notfall müssen, weil sie beispielsweise die Hüfte gebrochen haben, werden künftig in Basel oder Liestal versorgt. Da sie mehrere Krankheiten haben, benötigen sie die Behandlung von verschiedenen Spezialisten. Und diese können wir nicht auch noch auf dem Bruderholz als weiterem Standort anbieten.

Die Versorgungsqualität für solche multimorbiden Patienten wird in Basel und Liestal viel besser sein. Auch der weitere Weg ist kein Problem, da gerade diese Patienten sowieso mit dem Auto oder dem Krankentransport zu uns kommen.

Wenn das alte Bettenhaus auf dem Bruderholz schon abgerissen werden soll, weshalb haben sich die beiden Basel nicht gleich entschieden, die ambulante Klinik an einem verkehrstechnisch günstigeren Ort im Baselbiet zu bauen?

Wir haben durchaus andere Standorte geprüft. Der grosse Vorteil des Bruderholz ist es, dass wir einen Teil der vorhandenen Infrastruktur weiter brauchen können. Diese wie das Bettenhochhaus ebenfalls abzureissen, wäre mit einem ziemlich teuren Abschreiber verbunden.

Zudem wird es auf dem Bruderholz kaum Einsprachen von Anwohnern geben, da es als Spitalstandort akzeptiert ist. Der Neubau kann sicher schneller realisiert werden als irgendwo sonst.

Welche anderen Standorte wurden denn geprüft?

Unter anderem am Dreispitz, doch das wäre für die Leimentaler Bevölkerung nicht optimal gewesen. Und Aesch wiederum hätte für Münchensteiner nicht gepasst. Das Bruderholz ist eben doch gut gelegen.

Wie kommen Sie mit den Initianten aus? Unter ihnen sind etliche ehemalige Ärzte am Bruderholzspital. Mit ihnen teilen Sie einen ähnlichen Hintergrund.

Das sehe ich anders. Ärzte denken anders als Ökonomen. Ärzte sind im Bereich «ich und mein Patient» Weltmeister. Der Manager handelt nach dem Motto «Der Betrieb und die Zukunft». Das ist ganz etwas anderes.

Diese Ärzte sind aber vom Fach. Sie wissen, wovon sie reden.

Diese Ärzte im Initiativkomitee scheinen keine Ahnung zu haben, wie ein Spital finanziert wird. Hans Kummer hat kürzlich zu mir gesagt: «Sehen Sie, am Schluss steht der Kanton hin und bezahlt dieses Spital. Das war schon immer so.» Das ist Unsinn. Seit Einführung der neuen Spitalfinanzierung im Jahr 2012 stopft der Kanton eben nicht mehr die Löcher seiner Spitäler. Professor Kummer ist ein sehr sympathischer Mensch. Ich habe grossen Respekt vor ihm – als Arzt. Professor Kummer ist ein Vertreter aus der Blütezeit des Bruderholzspitals, aber die lag im letzten Jahrhundert. Er wurde 1998 pensioniert.

Bei der Abstimmung geht es weniger um Fakten als um Emotionen. Das macht die Initiative für Sie gefährlich.

Ja, die ehemaligen Bruderholzärzte des Initiativkomitees fürchten um ihr Lebenswerk. Doch sie machen dabei einen Denkfehler: Etwas, das in der Vergangenheit gut war, ist nicht unbedingt auch die Lösung für die Zukunft. Wer an alten Strukturen festhält, und mögen sie noch so erfolgreich gewesen sein, behindert den Fortschritt. Wir müssen uns aber den Herausforderungen der Zukunft stellen, sowohl finanziell als auch medizinisch. Wir können nicht die Strukturen der 1970er-Jahre erhalten. Das gäbe einen Ballenberg der Spitalpolitik.

Die Initianten betonen, es gehe um die Gesundheitsversorgung von 180 000 Einwohnern im Unterbaselbiet und Laufental. Eine starke Zahl.

Dieses Argument ist verlogen, denn heute fahren rund zwei Drittel der Unterbaselbieter Patienten am Bruderholzspital vorbei und gehen nach Basel ins Spital.

Können Sie als Zürcher die emotionale Bedeutung des Bruderholzspitals für die Region überhaupt nachvollziehen?

Absolut, denn mit den Veränderungen in der Spitallandschaft ist es überall in der Schweiz dasselbe. Die emotionalen Reaktionen sind sich immer sehr ähnlich. Ich kann das gut verstehen.

Wir reden ständig vom Bruderholz, dabei kommt im Abstimmungskampf viel Zustimmung für die Initiative aus dem Laufental. Gibt Ihnen das nicht zu denken?

Doch. Allerdings vermute ich, dass das Spital Laufen längstens geschlossen worden wäre, wenn das Laufental noch zum Kanton Bern gehören würde. Wir haben dort vor zwei Jahren die Geburtsklinik geschlossen, weil mehr als die Hälfte der Frauen lieber nach Basel geht und ihr Kind dort gebärt. Die jungen Mütter haben mit den Füssen abgestimmt. Ich hoffe, dass die Stimmbürger an der Urne gleich entscheiden, wie sie das als Patienten tun.

Für viele Bürger geht es am 21. Mai um das Fortbestehen der beiden Spitäler Bruderholz und Laufen.

Das ist Mumpitz. Weder das Bruderholz noch das Spital Laufen wird den Menschen weggenommen. Die Spitäler werden nicht geschlossen, sondern zu modernen, zeitgemässen Anbietern von Gesundheitsleistungen transformiert.

Weltweit geht die Entwicklung hin zu mehr ambulanter Versorgung. Wenn die Initiative abgelehnt wird, entsteht auf dem Bruderholz ein Paradebeispiel für eine moderne Gesundheitsversorgung, ein Vorbild für die ganze Schweiz.

Tatsache bleibt: Bei einem Nein am 21. Mai gibts einen Abbau.

Ja, einen Abbau von veralteten Strukturen, aber die Anzahl Patienten für das Kantonsspital Baselland und das Unispital Basel wird deswegen nicht abnehmen. Es wird nicht weniger Operationen geben. Es wird auf dem Bruderholz mehr ambulant operiert, und die stationären Operationen werden eher in Liestal oder Basel durchgeführt.

Das Arbeitsvolumen für die Ärzte bleibt gleich. Nur in der Pflege wird es etwas abnehmen, da mehr ambulant gemacht wird und weniger Pflegetage anfallen. Angesichts des absehbaren Personalnotstands muss aber niemand Angst haben, in der Pflege keinen Job zu finden.