Rund um Basel wird gebaut wie schon lange nicht mehr. Alleine in Pratteln wurden innerhalb von wenigen Jahren mehrere hundert neue Wohnungen aus dem Boden gestampft, ebenso zusätzliche Räume für Büros und Gewerbe. In Münchenstein ist gar ein 100-Meter-Turm geplant – Stand heute wäre es das vierthöchste bewohnbare Gebäude der Schweiz.

Die Nachfrage scheint mit dem stark gestiegenen Angebot aber nicht Schritt zu halten, zumindest nicht bei den Büros. In den vergangenen vier Jahren wurden in Pratteln zwei Hochhäuser mit gemischter Nutzung hochgezogen, der Helvetia-Tower (75 Meter) und der Aquila (66 Meter). Ein drittes, der Ceres-Tower (82 Meter), ist im Bau. Bei Helvetia und Aquila ist weit über die Hälfte der Büros noch zu haben, bei Ceres alle, das zeigt ein Blick auf die Vermietungs-Webseiten. Dabei liegen alle Türme an bester Lage: am oder in Gehdistanz zum Bahnhof. Nun wird auch mit Schriftbändern an den Fassaden für die Räume geworben.

Hat man am Markt vorbei geplant? Die Statistiken sagen Ja. Wüest Partner erhebt die verfügbaren Büroflächen in der Schweiz. In Pratteln waren im 4. Quartal 2016 laut dem Zürcher Beratungsunternehmen fast 16 Prozent der Büroflächen ausgeschrieben. Eine hohe Zahl, wenn man den kantonalen Schnitt betrachtet: Dieser liegt bei
8,1 Prozent. Stark gefragt sind offenbar Standorte an zentrumsnaher Lage. Ende 2016 waren in Basel-Stadt 3,2 Prozent der Flächen inseriert.

Erreichbarkeit ist zentral

«Man muss diese Zahl aber vorsichtig interpretieren», sagt Robert Weinert, Analyst bei Wüest Partner. «Kommen in einer Gemeinde innert kurzer Zeit grosse Volumen neu auf den Markt, so kann die Inserierungsquote natürlich nach oben schnellen. Bei Grossprojekten braucht es eine gewisse Anlaufzeit, bis sie vermietet sind.» Er verweist auf das 3. Quartal 2016: Damals lag die Büro-Inserierungsquote in Pratteln bei 6.1 Prozent. Für die neuen Hochhäuser in Pratteln spricht laut Weinert unter anderem ihre gute Erreichbarkeit.

Pessimistischer tönt es bei der
IAZI AG in Zürich. Das Unternehmen ist ebenfalls auf Immobilienberatungen spezialisiert. Man äussere sich nicht zu spezifischen Projekten, nur zur allgemeinen Lage, sagt Mediensprecher Michel Benedetti. Grosse Büros mit fixen Arbeitsplätzen seien generell ein Auslaufmodell. «Grund dafür ist die fortlaufende Digitalisierung, gepaart mit neuen Arbeitsplatzmodellen. Das heisst, dass Angestellte vermehrt von zu Hause oder von anderen Standorten aus arbeiten und mit den Arbeitskollegen via digitale Plattformen kommunizieren.»

Beim Bürosegment beobachte man seit etwa fünf Jahren einen kontinuierlichen Rückgang der Nachfrage. «Obwohl die Talsohle 2017 überschritten sein sollte», sagt Benedetti, «wird dieses Segment wohl keinen richtigen Boom mehr erleben.»

Dreimal der Kannenfeldpark

Das Ende des klassischen Büros will Michel Molinari nicht verkünden. Aber auch der Präsident des Schweizerischen Verbands der Immobilienwirtschaft (Svit) beider Basel macht ein Überangebot aus: «Ende 2016 waren in Pratteln rund 30 000 Quadratmeter freie Büroflächen am Markt.» Das ist dreimal die Fläche des Kannenfeldparks, Basels grösster Grünfläche. Gerade Mietobjekte in der Agglomeration hätten Mühe, denn die Unternehmen seien extrem preissensitiv. «Pratteln ist zwar gut angebunden, bleibt aber Peripherie. Firmen sind normalerweise nicht bereit, für Randlagen hohe Mietzinsen zu bezahlen.»

Er sieht bei den Prattler Hochhausprojekten ein grosses Manko: «Es ist nicht gelungen, die gewerblichen Flächen im vornherein einer bestimmten Nutzung zuzuweisen. Man hätte zum Beispiel die Sockelgeschosse eines Gebäudes als Gesundheitszentrum vermarkten können, mit einem Ankermieter, um den herum sich ein Cluster mit anderen Mietern derselben Branche bildet.»

Bei den Büro- und Gewerbeflächen bekunden die Prattler Türme also Mühe. Sehr gefragt sind hingegen die Wohnungen, die sich in den oberen Gebäudeteilen befinden: Helvetia (124 Wohnungen) und Aquila (76) weisen mit rund 15 Prozent einen tiefen Leerstand auf. Die Ceres-Vermietungsagentur, die als einzige auf die Anfragen dieser Zeitung reagierte, schreibt, bereits die Hälfte der 90 Wohnungen sei weg – bezogen wird der Turm aber erst im Herbst.