Muttenzer Eltern, die ihre Kinder in den gemeindeeigenen Tagesheimen Sonnenmatt und Unterwart betreuen lassen, sind in Rage. Der Gemeinderat möchte die beiden Heime privatisieren und den Betrieb der Kiana Group AG, die bereits in der Innerschweiz und im Raum Zürich fünf Heime betreibt, übergeben. Mit der Privatisierung möchte die Gemeinde auch von der Objektfinanzierung der beiden Tagesheime zur Subjektfinanzierung von unterstützungsbedürftigen Eltern wechseln. Diese sollen Betreuungsgutscheine erhalten, wenn sie beim Einkommen und Vermögen vorgegebene Werte unterschreiten.

Steigende Preise befürchtet

Über die Erneuerung des Reglements zur familienergänzenden Betreuung wird an der Gemeindeversammlung am 19. Oktober abgestimmt. Betroffene Eltern rufen in einem Flyer dazu auf, das Reglement zurückzuweisen. Die Eltern befürchten, dass die Betreuungstarife durch die Privatisierung «unverhältnismässig» ansteigen und sich die Anstellungsbedingungen für das Personal verschlechtern.

Eine besorgte Mutter ist Patrizia van Nievenhofen. Sie empfindet die Privatisierung als «hinauskicken» der aktuellen Kinder und Eltern. «Die Stimmung am Informationsabend mit den Eltern war sehr gehässig. Es gibt zum Beispiel eine Familie, die drei Kinder im Tagesheim hat, und sich nun mit Existenzängsten konfrontiert sieht.» Anstelle der Subjektfinanzierung schlägt van Nievenhofen vor, die beiden Tagesheime bei der Gemeinde zu belassen und diese Eltern in finanziell schwierigen Verhältnissen zur Verfügung zu stellen. Mit der jetzt vorgeschlagenen Lösung sei zu befürchten, dass sich einige Familien die Kinderbetreuung nicht mehr leisten können.

Mit dem neuen Betreiber habe sie grundsätzlich keine Probleme, betont Patrizia van Nievenhofen. Doch begeistert ist sie nicht. Gefragt nach der Motivation, von Zürich nach Muttenz zu kommen, antwortete ein Vertreter der Kiana Group AG am Informationsanlass mit dem Wunsch nach Expansion und Vergrösserung. «Dies war für uns der Horror. Nicht die Kinder stehen im Mittelpunkt, sondern das Interesse der Firma.» Die privaten Betreiber müssen gemäss Vertrag die Anstellungsbedingungen des Personals für mindestens ein Jahr übernehmen.

Kosten sollen gleich bleiben

Die zuständige Gemeinderätin Kathrin Schweizer (SP) will mit dem neuen Reglement eine Gleichberechtigung aller Muttenzer Eltern erwirken. Nur gerade ein Drittel der Kinder im Vorschulalter würden in den gemeindeeigenen Tagesheimen betreut und erhielten somit finanzielle Unterstützung. Jene Eltern, die ihre Kinder in einem der fünf privaten Heime oder ausserhalb von Muttenz betreuen lassen, werden zurzeit nicht unterstützt. «Diese Ungerechtigkeit können wir mit dem neuen Reglement beheben, da wir nicht mehr die Tagesheime unterstützen, sondern die bedürftigen Eltern.»

Kathrin Schweizer rechnet damit, dass die Kosten für die Gemeinde für die familienergänzende Betreuung mit dem neuen Reglement gesamthaft gleich hoch bleiben wie heute. Für die Eltern mit Kindern in den gemeindeeigenen Tagesheimen werde es zum Teil teurer, für einige aber auch günstiger.

«Für alle anderen Eltern mit extern betreuten Kindern, und das ist die Mehrzahl, wird aber erstmals überhaupt eine Subvention ausgeschüttet», stellt die Gemeinderätin klar. Nur dank der durch die Privatisierung generierten Mieteinnahmen könne der Kreis der Subventionierten ausgedehnt werden. «Gemeindeeigene Tagesheime widersprechen der Gleichbehandlung aller Eltern, weil keine absolute Trennung der Finanzen möglich ist», findet Schweizer. Im ganzen Kanton Baselland sind von den bestehenden 82 Tagesheimen 78 in privater Hand.