Einer, der sowohl einen Innenblick wie einen Aussenblick auf die Jubilarin hat, ist Urs Leugger. Er war früher unter anderem deren Co-Präsident und ist heute Zentralsekretär der nationalen Dachorganisation Pro Natura. Leugger äussert sich im bz-Interview zu Verdiensten und Niederlagen der Sektion, aber auch zur aktuellen Kampagne von Pro Natura gegen die intensive Landwirtschaft, die wiederum Auswirkungen auf die Sektion haben könnte.

Herr Leugger, wie charakterisieren Sie Pro Natura Baselland?

Urs Leugger: Die Sektion ist sehr engagiert, traut sich, öffentlich zu ihrer Meinung zu stehen, auch wenn diese unbequem ist, und sie ist – auch im Quervergleich zu den andern Sektionen von Pro Natura – sehr innovativ. Bei Letzterem denke ich bei den aktuellen Projekten an «Gummistiefelland» mit diversen Bachausdolungen oder an «blühende Borde fürs Baselbiet». Es gibt wenige andere Sektionen, die das Engagement und die Fähigkeit haben, über den Alltag hinaus so grosse Projekte zu stemmen. Bei Pro Natura Baselland stimmt auch die Mischung zwischen konkreten, praktischen Projekten, die draussen in der Landschaft etwas bewirken, und der politischen Arbeit.

Sehen Sie Optimierungspotenzial?

Ja, aber das betrifft nicht nur Pro Natura Baselland, sondern die Natur- und Umweltschutzorganisationen generell: Wir schaffen es offensichtlich nicht, den gesellschaftlichen Diskurs bei der Förderung der Biodiversität, bei der Verkehrs- und Siedlungsentwicklung und der Energiepolitik massgebend zu beeinflussen. Und wir schaffen auch nicht, das Feld zu bereiten, dass das Dogma Wirtschaftswachstum breiter und kritischer hinterfragt wird.

Hat das damit zu tun, dass es beim derzeitigen Rechtsrutsch schwierig ist, sich bei solchen Themen Gehör zu verschaffen?

Da stellt sich die Frage, was ist Ursache, was ist Wirkung. Derzeit werden bei den Wahlen Kräfte gestärkt, für die Nachhaltigkeit im umfassenden Sinn nicht zuoberst steht. Wenn wir es schaffen würden, diese Nachhaltigkeit verstärkt in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen, würden die Wahlen anders ausfallen. Wir überlegen uns deshalb auch unter den grossen Umweltverbänden wie WWF, VCS, Greenpeace und Birdlife, wie wir noch besser zusammenarbeiten können, um möglichst viel Wirkung zu erzielen. Dabei müssen wir alle die Profilierung der eigenen Organisation hinten anstellen. Das gilt für die nationale und regionale Ebene.

Aktuell greift Pro Natura Schweiz die Landwirtschaft frontal an, mit einer Plakatkampagne für deren Gewässerverschmutzung mit Pestiziden. Das ist ungewohnt für Ihre Organisation und der Bauernverband reagierte entsprechend betupft. Wollen Sie sich auch so mehr Gehör verschaffen?

Wir haben gegenwärtig eine «Kampagne Landwirtschaft» laufen, in der wir aufzeigen wollen, dass die Landwirtschaft in der Schweiz nicht primär ein Produktions-, sondern ein Umweltproblem hat. Dabei fokussieren wir auf die Fliessgewässer, ein Hotspot der Biodiversität, und auf den wissenschaftlichen Nachweis, dass unsere Gewässer viel zu fest mit Pestiziden verunreinigt sind und ein Grossteil davon von der Landwirtschaft kommt. Auf das wollen wir mit unserer Plakatkampagne aufmerksam machen.

Aber die Art und Weise, wie Pro Natura jemanden an den Pranger stellt, ist neu für Ihre Organisation.

Faktenbasiert aufzuzeigen, dass jemand für eine Umweltverschmutzung hauptverantwortlich ist, ist nicht neu für uns. Das aber mit einer Plakatkampagne zu machen, ist in der Tat neu.

Gerade Pro Natura Baselland arbeitet bei ihren Projekten eng mit Bauern zusammen. Befürchten Sie keine negativen Rückwirkungen?

Wir sind zuversichtlich, dass das nicht so ist. Denn wir stellen ja nicht alle Bauern an den Pranger, sondern wir kritisieren die intensive, konventionelle Landwirtschaft. Wir arbeiten in zahlreichen Sektionen mit Hunderten von Bauern sehr gut zusammen und es gibt nicht wenige Bauern, die ebenfalls nicht zufrieden sind mit dieser intensiven Landwirtschaft.

Schauen wir zurück: Was sind die wichtigsten Erfolge in der Geschichte von Pro Natura Baselland?

Ein Meilenstein war die Gründung der Jugendnaturschutz-Gruppe, die bis heute gut funktioniert. Von Anfang an ein wichtiges inhaltliches Standbein waren die Feuchtgebiete. Zuerst eher die stehenden Gewässer für Frosch und Co, als Mitglieder Weiher bauten, später kamen die Fliessgewässer mit Renaturierungen und Ausdolungen, aber auch politischen Vorstössen wie der Gewässerinitiative dazu. Pro Natura Baselland ist auch mit grosser Kontinuität bei der Betreuung und Pflege von Schutzgebieten tätig, darunter mit dem Chilpen in Diegten auch einem von nationaler Bedeutung.

Sie halten sich jetzt als ehemaliger Geschäftsführer von «Hallo Biber» vornehm zurück. Aber das war doch für die Aussenwahrnehmung das wichtigste Projekt der Sektion.

In den letzten knapp 20 Jahren war das schon das Projekt mit der grössten Aussenwirkung, ja. Es wurde nicht nur von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen, sondern brachte auch einen grossen Schub in der Zusammenarbeit mit den Behörden und letztendlich grosse Verbesserungen bei Birs, Ergolz und Lützel. «Hallo Biber» brachte aber auch Pro Natura intern einen Schub. Mittlerweile laufen in allen Landesteilen, wo es bibertaugliche Lebensräume gibt, «Hallo Biber»-Projekte.

Das Gegenstück zu diesen Erfolgen ist, dass Pro Natura im Baselbiet bei praktisch sämtlichen Abstimmungen über neue Strassen auf der Verliererseite stand.

Die ganze Verkehrs- und Siedlungsentwicklung ist ernüchternd im Baselbiet. Das sieht man jetzt aktuell auch wieder am Richtplanentwurf, der zentrale Vorgaben vom Bund nicht beachtet, und an der Missachtung des Abstimmungsresultats zu Elba. Das ist einfach haarsträubend!

Auch mit ihrem Ruf nach einem Stück Urwald im Baselbiet stand die Jubilarin auf verlorenem Posten. Wieso eigentlich?

Als wir ein Urwaldreservat im Gebiet Blauen forderten, waren wir vielleicht etwas unbedarft vorgegangen, da war ich mitverantwortlich. Wir haben niemanden informiert, sondern sind direkt an die Öffentlichkeit gelangt. Das ist gar nicht gut angekommen und wir erhielten von den Waldbesitzern, dem Kanton und auch andern Naturschutzorganisationen bös Haue. Seither haben wir die Forderung schubladisiert.

Was geben Sie der Sektion mit auf den weiteren Weg?

Das Eine ist, Motivation, Engagement, Innovationskraft, aber auch die Rolle der Unbequemen in der Gesellschaft sowie innerhalb des Verbands aufrecht zu erhalten. Das Andere ist mitzuhelfen, einen Weg zu finden, den erwähnten gesellschaftlichen Diskurs vermehrt zu beeinflussen.