Der Entscheid des Bundesparlaments, Autofahrer erst mit 75 statt mit 70 Jahren zum Fahreignungstest zu schicken, stösst auf grossen Widerstand. Etwa bei der Vereinigung der kantonalen Strassenverkehrsämter (ASA): «Wollen die Politiker die Verantwortung übernehmen, wenn ein dementer Senior vor dem 75. Altersjahr anstatt auf die Bremse aufs Gas drückt und einen Unfall mit Toten oder Schwerverletzten verursacht?», kritisiert ASA-Geschäftsführer Sven Britschgi in der «Zentralschweiz am Sonntag».

Noch bis Ende Woche läuft die Vernehmlassung für die geplante Gesetzesänderung. Und diese zeigt: Die Frage scheidet in der Region Basel die Geister. So ist die Baselbieter Regierung damit einverstanden, dass sich Autofahrer erst ab dem 75. Altersjahr alle zwei Jahre einer verkehrsmedizinischen Untersuchung stellen müssen. «Mit Blick auf die Verkehrssicherheit deuten die Fakten nicht darauf hin, dass diese spürbar vermindert würde», begründet die Baselbieter Regierung.

Präventiver Beitrag

Zum umgekehrten Schluss kommt die Basler Regierung: Sie lehnt die vorgeschlagene Heraufsetzung der Alterslimite ab. «Die Überprüfung der Fahrtauglichkeit von Fahrzeuglenkern ab dem 70. Altersjahr ist ein wichtiger präventiver Beitrag an die Verkehrssicherheit», zeigt sich die Basler Regierung in ihrer Vernehmlassungsantwort überzeugt. Sie verweist dazu auf statistische Werte: So seien 2015 im Kanton Basel-Stadt nach dem ersten Aufgebot zur Kontrolluntersuchung bei rund 40 Prozent der 70-Jährigen die Fahrberechtigungen aufgehoben worden.

In dieselbe Kerbe schlägt auch die ASA. Dank der Kontrolluntersuchungen seien auf den Strassen bedeutend weniger nicht mehr fahrtüchtige Automobilisten unterwegs. So hätten 2015 die kantonalen Verkehrsämter schweizweit bei den Autofahrern im Alter von 70 bis 74 Jahren 836 Ausweisentzüge aus gesundheitlichen Gründen verfügt. Dabei gehe es nicht um die Einschränkung der Mobilität, sondern um die Verkehrssicherheit. Zudem: Nach der ersten Kontrolluntersuchung würden sich zahlreiche Senioren ohnehin freiwillig nicht mehr ans Steuer setzen.

Doch selbst die Mediziner sind sich nicht einig: So beurteilt etwa die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin die Lockerung beim Kontrollalter skeptisch. Ähnlich sieht das der Zürcher Verkehrsmediziner Rolf Seeger: «Demenzkranke registrieren nicht selber, dass sie nicht mehr Auto fahren sollten. Auch die Abnahme der Sehleistung nimmt man nicht ohne weiteres selber wahr.» Zu einem ganz anderen Schluss kommt dagegen Philippe Luchsinger. Die meisten Senioren zwischen 70 und 75 Jahren seien noch recht fit, erklärte der Präsident des Verbandes Haus- und Kinderärzte im «Blick». Die Kontrollpflicht mit 70 sei unverhältnismässig.

Diskriminierung von Senioren

Das hört Maximilian Reimann gerne. Der Aargauer SVP-Nationalrat war es, der mit einer parlamentarischen Initiative den Anstoss zur Erhöhung des Kontrollalters gab. Denn heute würden die Automobilisten auf Schweizer Strassen ungleich behandelt, ist der 74-Jährige überzeugt. Denn in Deutschland, Frankreich und Österreich gebe es keine solche Vorschrift für 70-Jährige. Vielmehr setzten diese Länder auf die Eigenverantwortung ihrer älteren Verkehrsteilnehmer. Die Unfallstatistik weise deswegen aber keine nennenswerten Unterschiede auf, was Senioren-Autofahrer über 70 in der Schweiz und den Nachbarländern betrifft. Ergo: Die Schweizer Vorschrift sei im Vergleich zu ausländischen Nutzern von Schweizer Strassen eine Alters-Diskriminierung.

Das Kontrollalter 70 stamme von Anfang der 1970er-Jahre. Inzwischen sei das Schweizervolk geistig und physisch rüstiger geworden, argumentiert Reimann und wettert gegen die Aargauer Regierung, die ebenfalls gegen die Heraufsetzung des Kontrollalters ist: «Wenn das der Regierungsrat nicht wahrhaben will, soll er doch dafür besorgt sein, dass keine älteren Autofahrer mehr in die Schweiz aus Ländern wie Deutschland, Frankreich oder Österreich einfahren, wo es überhaupt keine solchen obligatorischen Medizinalchecks gibt.»