Es war dieses Jahr im Baselbiet eine «Bluescht» wie aus dem Bilderbuch: Kirschen, Zwetschgen, Äpfel, Birnen und Co blühten im Unter- und Oberbaselbiet praktisch zeitgleich – sie blühen in höheren Lagen teils noch immer – und verwandelten die Landschaft in ein wunderbares Blütenmeer. Doch die Blütenpracht war nicht nur wunderbar, sondern auch rätselhaft. Denn vor allem im Tafeljura wiesen zahlreiche blühende Kirschbäume einen Rotstich auf.

Dabei haben wir gelernt: Kirschblüten sind weiss, über rote Verfärbungen verfügen Apfelblüten. Zahlreiche Bauern und Bäuerinnen staunten deshalb, haben aber keine Erklärung für das Phänomen. Eine von ihnen ist die erfahrene Vreni Wüthrich aus Häfelfingen. Sie sagt: «Das habe ich noch nie gesehen. Je nach Sonneneinfall erschienen viele Kirschbäume rötlich bis violett, unabhängig von der Sorte. Niemand konnte mir bisher sagen, was der Grund für diese Verfärbung ist.»

Vom Winter direkt in Sommer

Wenn es einer weiss im Kanton, dann Franco Weibel. Weibel leitet beim Landwirtschaftlichen Zentrum Ebenrain in Sissach den Bereich Spezialkulturen und gilt rund um den Obstbau als Kapazität. Aber auch Weibel hat keine wissenschaftlich fundierte Erklärung: «Ich kann leider auch nur spekulieren. Wahrscheinlich ist die Verfärbung eine Folge der extremen Temperaturen.» In der zweiten Märzhälfte sei das Thermometer nachts bis auf minus sechs Grad gesunken. Damals seien die Knospen bei den Kirschbäumen schon am Schwellen bis Aufbrechen gewesen. Dann sei es Anfang April kurz vor der Blüte schlagartig bis 19 Grad warm geworden.

Darauf dürfte ein Teil der Kirschbäume reagiert haben. Weibel: «Sie standen unter Stress und produzierten zum Schutz ihrer Zellen vermehrt Anthocyane.» Anthocyane sind Schutzstoffe, die Pflanzen zur Stressabwehr verstärkt aufbauen. Sie sind tief rot bis blau und kommen vor allem in Gemüse und Früchten mit entsprechender Farbe wie Aubergine, Brombeere oder eben Kirsche vor. Ihnen werden stark schützende, antioxidative Eigenschaften nachgesagt, auch für uns Konsumenten, die sie essen.

Doch wieso haben nun die Kirschbäume wegen des Klimastresses vermehrt Anthocyane produziert, aber zum Beispiel die Zwetschgenbäume mit ebenfalls dunkelhäutigen Früchten nicht? Da kann Weibel nur mutmassen: «Vielleicht, weil die Kirschen generell früher dran sind und ihre Knospenbildung beim Kälteeinbruch im März schon weiter war.» Im Weiteren verweist er darauf, dass der gegenwärtige Vegetationsstand einem Normaljahr entspreche.

Nebst der aussergewöhnlichen Verfärbung vieler Kirschblüten beobachteten Bauern auch, dass trotz Vollblust in den vergangenen Wochen nur wenige Bienen in die Obstbäume ausschwärmten. Dazu meint Weibel: «Das ist schwierig zu quantifizieren. Wie die Befruchtung gelaufen ist, wissen wir in etwa zehn Tagen.» Dann zeige sich eine erste Tendenz des Fruchtbehangs anhand der Anzahl Jungfrüchte, den sogenannten Schorniggel. Eine Ernteschätzung sei aber erst nach der folgenden Rötelphase, in der ein Teil der Schorniggel in der Entwicklung stoppe, sich rot verfärbe und abfalle, und den Eisheiligen von Mitte Mai möglich, betont Weibel.