Rainer Prüss (53) ist seit kurzem wieder zurück im Baselbiet. In Jordanien aber ernten nun 35 000 Menschen tagtäglich die Früchte seiner Arbeit. Denn der Bauingenieur und Betriebswirtschafter, der im Alltag beim Liestaler Ingenieurbüro Holinger arbeitet, setzte vom vergangenen Herbst bis zum Mai im Flüchtlingslager Azraq unter der Flagge der Unicef ein gross angelegtes Trinkwasserprojekt um.

Azraq, einwohnermässig so gross wie Schaffhausen, ist das zweitgrösste syrische Flüchtlingslager in Jordanien. Es wurde 2014 mit Tausenden von Blechhütten 80 Kilometer östlich von Amman aus dem Wüstenboden gestampft. Im letzten Jahr stieg die Bevölkerung sprunghaft an und die Wasserversorgung wurde zusehends zur Achillesferse.

Denn das Trinkwasser wurde aus nur einem über 400 Meter tiefen Bohrloch gepumpt. Wäre dort etwas passiert, wäre die Wasserversorgung zusammengebrochen, sagt Prüss. Dazu kam, dass das Bohrloch drei Kilometer ausserhalb des Camps lag und das Wasser mit Lastwagen zu den acht bewachten Reservoirs rund ums Lager gefahren werden musste.

Von dort gelangte es schliesslich mittels Leitungen zu insgesamt 75 Zapfstellen innerhalb des Lagers, wo 500 Flüchtlinge pro Zapfstelle während ein paar Stunden täglich ihre Kanister abfüllen konnten.

Mehr Zapfstellen

Die Aufgabe für Projektleiter Prüss, sein international zusammengesetztes Team, das jordanische Bauunternehmen und die mitarbeitenden Flüchtlinge lautete, die Wassergewinnung auf zwei Beine zu stellen und die Verteilung zu optimieren. Das Unterfangen gelang zeitgerecht: Als Bundesrat Didier Burkhalter am 19. Mai ins Camp kam, konnte er die neue Wasserversorgung einweihen. Sie besteht aus einem zweiten Bohrloch, einem ausgebauten Leitungssystem, das Lastwagenfahrten überflüssig macht, weniger, aber grösseren Reservoirs und viermal so vielen Zapfstellen. Der Vorteil für die Bewohner: eine sicherere Wasserversorgung, kürzere Wege zur nächsten Zapfstelle, kürzere Anstehzeiten.

Dass der Schweizer Aussenminister ins Camp kam, lag daran, dass der Bund die Hälfte des fünf Millionen Franken teuren Projekts berappt hat. Aber Burkhalter konnte auch noch rechtzeitig vor seinem Rücktritt ein Versprechen einlösen. Er besuchte das Camp nämlich schon einmal vor zwei Jahren zusammen mit Unicef-Chef Rob Jenkins am Rande einer Konferenz im Nahen Osten und die beiden vereinbarten damals per Handschlag, die Wasserversorgung zu verbessern.

Noch nie so oft umarmt worden

Prüss schaut mit guten Erinnerungen auf seinen halbjährigen Einsatz zurück: «Berührt hat mich vor allem die Herzlichkeit der Leute. Ich wurde noch nie so viel umarmt wie in dieser Zeit – natürlich nur von Männern.» Positiv überrascht hat ihn auch, dass die jordanischen Bauarbeiter die Flüchtlingskinder fast wie ihre Enkel behandelt haben. Die Kinder – 20 000 Lagerbewohner sind jünger als 18 Jahre – gehörten gleichzeitig auch zu Prüss’ Herausforderungen.

Sie seien sehr neugierig gewesen und die Unfallverhütung sei gross geschrieben worden. So galt das Prinzip, dass jeder Leitungsgraben im Lager bis am Abend zugeschüttet sein musste. Es gab während Prüss’ halbjährigem Aufenthalt denn auch keinen Unfall.

Eine besondere Note erhielten Prüss’ letzte drei Wochen in Jordanien: Seine Lebenspartnerin leistete im Lager einen Freiwilligeneinsatz als Hebamme und Stillberaterin. An Arbeit mangelte es ihr nicht: Pro Woche kommen im Flüchtlingscamp 30 Kinder zur Welt. Seine Partnerin habe mit ihrem Einsatz, so sagt Prüss fast schon ein wenig neidisch, einen viel tieferen Einblick ins Leben der Leute erhalten als er. Wobei zur Distanz auch beitrug, dass das Lager nachts für Mitarbeiter von Hilfsorganisationen gesperrt war. Sie wohnten in Amman im Unicef-Hauptquartier für den ganzen arabischen Raum und mussten täglich bis zu vier Stunden pendeln.

Auch Arbeitgeber sieht Vorteile

Rainer Prüss bilanziert: «Das Projekt macht technisch, aber auch von der Grundidee zur Hilfe vor Ort Sinn. Würden die Syrer hierher flüchten, wäre ihre Entwurzelung noch viel grösser.» Es würden sich im Camp denn auch richtiggehende Quartiere bilden mit Flüchtlingen gleicher Herkunftsregionen, also etwa aus Aleppo oder Damaskus. Als Ingenieur halte er es auch für richtig, Fachleute mit dem Know-how für städtische Infrastruktur beizuziehen. Und die Arbeit sei sehr bezugsorientiert gewesen, man habe sich vertrauen müssen. Prüss: «Es brauchte noch mehr als hier die vier M: Man muss Menschen mögen.»

Prüss arbeitete Ende der 1990er-Jahre schon drei Jahre lang an einem Wasserversorgungsprojekt in Äthiopien. Nicht zuletzt wegen dieser Erfahrungen bewarb er sich vor zwei Jahren bei der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit um Aufnahme ins schweizerische Korps für humanitäre Hilfe. Nach erfolgreich durchlaufenem Auswahlprozedere und einigen Ausbildungskursen, so etwa, wie man sich bei einer Entführung zu verhalten hat, wurde er auf dessen Liste mit 700 Berufsfachleuten für Auslandeinsätze aufgenommen. Im vergangenen Herbst ging dann alles sehr schnell: Es kam der Aufruf nach einem Trinkwasserexperten, Prüss meldete sich, sein Arbeitgeber gab grünes Licht.

Letzteres war alles andere als selbstverständlich, denn Prüss leitet bei der Holinger AG den Geschäftsbereich Wasserversorgung/ Hydrogeologie mit zehn Mitarbeitern. Für Richard Brunner, bei Holinger Leiter des Hauptsitzes in Liestal, war das Ganze eine Herausforderung: «Es war das erste Mal, dass wir einen Mitarbeiter in dieser Position so lange freistellten. Es brauchte vorgängig intensive Gespräche und Rainer Prüss hat uns ja auch nicht ganz vergessen. Alles hat funktioniert wie abgemacht.»

Prüss nutzte das jordanische Wochenende, das Freitag und Samstag umfasst, um freitags per Skype mit seinen Mitarbeitern in Liestal zu konferieren. Und Brunner gibt frank und frei zu: «Wir haben zugesagt, weil wir die Arbeit sinnvoll finden und weil Rainer Prüss mit dem Einsatz sein Beziehungsnetz ausbauen kann und so für uns eine Chance für eine weitere Geschäftsentwicklung entsteht.» Also offensichtlich ein Projekt, das sich für alle Beteiligten lohnt.