Zwar ist im vergangenen Jahr die Welt ereignismässig gelegentlich fast aus den Fugen geraten, den Liestaler Fasnächtlern ist das aber offensichtlich nicht so eingefahren. Ihre Aufmerksamkeit gilt vielmehr dem lokalen Geschehen. Dabei wird sowohl Ungereimtes, das einem so richtig auf den Wecker geht, wie auch Erfreuliches, das uns weiter bringt, in vielfältige Erscheinungsbilder und Mottos verpackt und genüsslich ausgespielt.

Waldenburgerli, eine Prise Genussmärt, das Gschtürm um Rassismus, der Frenkendörfer Donnschtig-Jass, sich selber feiern und jubilieren und das Gespött ums Stadtfest – solche und andere Themen sind in Liestal die Essenz für ein buntes Fasnachtspotpourri.

Fasnacht nicht nur lustig

Die weit über 1000 Aktiven in den 75 Formationen, aufgeteilt in Wagencliquen, Pfeifer- und Tambourengruppen, Guggen und Schyssdräckzügli zeigen mit unterschiedlich gelungenen Sticheleien auf, was die Volksseele berührt. Die Begeisterung drückt Ruedi Schafroth, Obmann des Fasnachtkomitees, so aus: «Heute ist der einzige Tag im Jahr, an dem das Stedtli so richtig vibriert und Kopf steht!»

Die Rotstab-Clique ist trotz der im letzten Jahr verkündeten Androhung, sich wegen dem zunehmenden fasnächtlichen Sittenzerfall aus der Strassenfasnacht zurückzuziehen, doch wieder dabei, und zwar nicht mit aufreisserischen Fake News, sondern als Sterbetouristen ganz brav mit dem Sujet «Letschte Halt Lieschtel». Mit ihrem Thema zur hier erlaubten Sterbehilfe zeigen sie auf, dass Fasnacht nicht immer nur lustig sein muss. Das bringen auch die Rotstab Chlütteri, also die alte Garde der hiesigen Platzhirsche, mit ihrem Auftritt als Waggis, die sich mit einer Einkaufstasche verhüllen, zum Ausdruck. Ihre Forderung «Rassischte in d Kischte».

Auch die Excalibur Lieschtel machen die Diskussionen um Rassismus zum Sujet: «Äs riese Chaschperlitheater», mit dem Vorsatz «Mir säge lieber nüt!» Der Stachel des auf September 2019 verschobenen Liestaler Stadtfestes sitzt tief. Darob enttäuscht kommen sich die Neubürger 58 als Affen vor und zeigen sich mit dem bissigen Sujet «In däm Kaff wirdsch zum Aff» als Wagengruppe im Käfig. D Hurlibutzä auf ihrem Wagen mit Törli und Festwirtschaft sind hingegen bereit und verkünden auf ihrer Laterne: «Stadtfescht, vorwärts marsch!» So richtig gemütlich haben sich D Wadäbisser gezeigt. Als jassende Waggis thematisiert diese Familiengruppe den Donnschtig-Jass von Frenkendorf. Die simple Botschaft: «Schön isch es gsi!»

Für die feinen Töne sorgt die Tambouren- und Pfeiferschule Region Liestal. Unter dem Motto «Mir stönde zämmen yy!» zeigen die jungen Garden von Rotstab, Halbmond, Excalibur und TPC Bubendorf eindrücklich, dass es doch noch guten Pfeifer- und Tambouren-Nachwuchs gibt. Den Kontrapunkt setzen die vielen gut bestückten Guggen, die starken Guggensound produzieren. Da deuten die Elbisrugger Füllinsdorf als die 57 Elbiszwärgli an, dass ihre Musik fürs Schneewittli nicht einfach schränzend, sondern märchenhaft daherkommen kann.

Politiker sind kein Thema

Am Umzug gibt es zwar nicht allzu viele, dafür umso originellere Laternen zu bewundern. So lösen die Rotstäbler mit ihrem imposanten Requisit über den Tod Schaudern aus, derweil läuft die Goldbrunnen-Clique Liestal zum Jubiläum als Rotackerschüler wie vor 100 Jahren hinter der als Schulwandtafel konstruierten Laterne nach. Die Halbmondclique Frenkendorf nimmt sich als fast einzige Formation einem Weltereignis an. Als Frisco Raketenwaggis feiern sie nebst der ersten Mondlandung vor 50 Jahren die daraus hervorgegangene Frisco Glace.

«Mir schläcke d Ragete Glace und gniesse,
dass sich vor 50 Johr e Mensch ufe Mond het lo schiesse».

Zurück in heimische Gefilde. Da macht die Tambouren – und Pfeiferclique Bubendorf mit «Dr Dampf isch duss» einen auf Nostalgie und weint dem alten Waldenburgerli nach:

«Mir alli chönne nid verhehle,
s’alte Tschu-Tschu wird eus fehle!»

Apropos: Im Gegensatz zu anderen Jahren werden die Politiker, ob lokal oder national, von den Fasnächtlern verschont. Sind sie wirklich so gut oder für ein griffiges Sujet zu langweilig? Warten wir ab bis zur Fasnacht 2020.