Herr Reber, steigen wir mit der Gretchenfrage ein: Wie halten Sie es mit der Kantonsfusion?

Isaac Reber: Die Regierung hat sich entschieden, die Partnerschaft mit Basel-Stadt zu vertiefen und lehnt entsprechend die Fusions-Initiative sowie den Gegenvorschlag der zuständigen Parlamentskommissionen ab (siehe Kasten; d. Red.). Im Unterschied zur Regierungsmehrheit bin ich persönlich überzeugt, dass es sich lohnt, dass wir im Baselbiet angesichts des sehr eng gewordenen Handlungsspielraums sämtliche Optionen prüfen, wie wir unsere Zukunft gestalten wollen. In diesem Zusammenhang befürworte ich, dass wir die Kantonsfusion als eine mögliche Option zumindest prüfen. Ich kann heute nicht sagen, die Fusion sei der Königsweg. Ob ich ein Fusionsbefürworter werde, hängt vom Ergebnis dieser Prüfung ab. Ich fände es umgekehrt falsch, von vornherein diese Option auszuschliessen.

Wir werden vor der Abstimmung aber vor allem diskutieren, was inhaltlich für die Fusion spricht.

Eine Fusion kommt nur dann infrage, wenn sie Vorteile bringt für die Bevölkerung der gesamten Region. Es ist zu früh, darüber zu diskutieren, ob eine Fusion sinnvoll wäre. Die Frage ist eine andere: Wollen wir eine Fusion als möglichen Handlungsweg prüfen? Das ist für mich klar gegeben: Wir laufen im Baselbiet Gefahr, dass wir uns mit partnerschaftlichen Grossprojekten finanziell übernehmen. Der jährliche Steuerertrag beträgt in Baselland 1,5 Milliarden Franken, in Basel-Stadt sind es 2,5 Milliarden. Baselland beteiligt sich zum Beispiel zur Hälfte am Biozentrum, das sich im Bau befindet. Dies stellt für Baselland im Verhältnis den weitaus grösseren Brocken dar als für den Stadtkanton. Gäbe es einen Kanton Basel, dann würden die Steuerzahler vom Land noch zu 40 Prozent an ein solches Projekt beitragen. Auch aus finanziellen Gründen lohnt sich die Überlegung, ob wir mit einer Fusion Handlungsspielraum gewinnen könnten.

Die Fusion als Ausweg aus der schwierigen finanziellen Situation, in der sich das Baselbiet befindet?

Ich glaube nicht, dass dies die richtige Sicht ist. Die Kernproblematik besteht darin, dass wir im vergangenen Jahrzehnt zu wenig aktiv waren und viele Probleme vor uns hergeschoben haben, die uns nun mit voller Härte einholen. Zu nennen ist eine wenig glückliche Investitionspolitik, die verschlafene, viel zu späte Sanierung der Pensionskasse oder die aus dem Ruder laufenden Gesundheitskosten. Die Konsequenz daraus ist, dass wir über viele Jahre hinweg über einen extrem geringen Handlungsspielraum verfügen werden. Der Kanton hat mittlerweile gegen 3 Milliarden Franken Schulden und nach wie vor ein strukturelles Defizit in der laufenden Rechnung. Wir haben nun zwar alle diese Probleme angepackt und bereits über 100 Millionen eingespart, aber wir müssen viel strategischer und offener denken und handeln, wenn es mit unserem Kanton wieder vorwärtsgehen soll. «Mir wei luege» ist definitiv keine empfehlenswerte Option.

Sie werden im Herbst Ja sagen, eine Mehrheit der Oberbaselbieter Bevölkerung voraussichtlich Nein. Wir fragen Sie als Sissacher: Warum ist die Skepsis gegenüber einer Annäherung an die Stadt derart gross?

Am besten warten wir die Abstimmung ab. Aber ich gebe Ihnen recht: Diese Skepsis ist spürbar, und ich verstehe diese Emotionen ein Stück weit. Ich denke, sie haben stark mit Identitätsfragen zu tun. Ich kann allerdings nur zum Teil nachvollziehen, was bei einer Fusion beider Basel an Identität verloren gehen soll: Ein Baselbieter bliebe ein Baselbieter – wie sich die Menschen im Kanton Zürich als Stadtzürcher oder Züribieter verstehen. Ich würde mich weiter in Sissach zu Hause fühlen. Die Furcht vor Identitätsverlust ist aus meiner Sicht kein guter Ratgeber. Schon unsere Grossväter und Urgrossväter haben sich mit guten Gründen dazu entschieden, eine Wiedervereinigung mit der Stadt zumindest genauer unter die Lupe zu nehmen. Warum nicht auch wir, erst recht wenn man bedenkt, was sich in den letzten 50 Jahren verändert hat?

Wie werden Sie sich im Abstimmungskampf verhalten?

Wir haben in der Regierung folgende Abmachung getroffen: Weil wir die Fusions-Frage für eine derart grundlegende halten, soll jedes Regierungsmitglied seine persönliche Meinung öffentlich äussern dürfen – was bei anderen Geschäften nicht vorgesehen ist. Ebenso haben wir festgehalten, dass wir uns nicht an vorderster Front exponieren.

Vor 20 Jahren ist das Laufental dem Baselbiet beigetreten. Was leiten Sie aus dem damaligen Kantonswechsel für die Fusionsdebatte ab?

Diese Erfahrung ist wertvoll. Wir haben in der Schweiz wenige Erfahrungen mit Wechseln von Gebietskörperschaften. Den Kantonswechsel des Laufentals haben wir aber hautnah miterlebt. Im Laufental hat ein Radiosender 2004 zum 10-Jahr-Jubiläum des Beitritts junge Erwachsene befragt. Dabei hat sich gezeigt, dass diese den Kantonswechsel als etwas völlig Selbstverständliches betrachten. Dies, nachdem zuvor sehr emotional um den Kantonswechsel gerungen worden war. Für mich heisst dies, dass wir solche Fragen von einem rationalen und zukunftsorientierten Aspekt her betrachten sollten.

Die Laufental-Frage hat Wunden hinterlassen. Es besteht die Gefahr, dass wir auch in die Fusionsfrage viele Ressourcen stecken, ohne dass die Region davon am Schluss substanziell profitiert.

Diese Befürchtung teile ich so nicht. Neue Ideen könnten es leichter haben. Und ob wir am Ende fusionieren oder nicht: Die Prüfung dürfte Bleibendes erschaffen. Bei der Fusionsfrage werden Themen im Zentrum stehen, die wir ungeachtet der Abstimmung intensiv diskutieren müssen: Wie fahren wir in der Verkehrs- oder der Gesundheitspolitik in der Region weiter? Wie werden Zentrumsleistungen wie das Theater Basel finanziert? Eine weitere Lehre müssen wir aus der Laufental-Frage ebenfalls ziehen: Ein solcher Gebietswechsel ist eine anspruchsvolle Aufgabe und ist – so die Bevölkerung ihn will – mit grossen Anstrengungen verbunden.

Müssten wir nicht direkt Richtung Kanton Nordwestschweiz steuern?

Gewiss entspräche ein solcher Schritt dem alltäglichen Empfinden und Handeln vieler Menschen nördlich des Juras. Viele Grenzen lassen sich hier, aber auch anderswo in der Schweiz nur noch historisch erklären und haben mit der Lebenswirklichkeit der Menschen nichts mehr zu tun. Allerdings wäre ein solcher Schritt sehr kompliziert, da neben den beiden Basel zwei weitere Kantone involviert sind. Ich halte deshalb das gewählte Vorgehen für sinnvoll: Ein Eintreten auf die Prüfung einer Fusion beider Basel würde schweizweit eine Debatte auslösen, ob unsere Strukturen noch zeitgemäss sind.

Die bz hat sich letzte Woche mit Allschwil beschäftigt. Unsere Folgerung: In der bevölkerungsreichsten Baselbieter Gemeinde grenzt man sich von der Stadt stark ab.

Das mag sein, spricht aus meiner Sicht aber nicht gegen die Prüfung einer Fusion: Allschwil würde Allschwil bleiben. In gewisser Weise würde die Position der Gemeinde gar gestärkt, weil dann die Stadt Basel ebenfalls als Gemeinde organisiert wäre.

Sie haben rational dargelegt, weshalb Sie sich auf den Weg Richtung Fusion begeben möchten. Den Ausschlag geben dürften letztlich emotionale Argumente: die Frage nach der Hauptstadt und dem Wappen.

Darum geht es im ersten Schritt noch nicht. Aber ob Basel-Städter oder Baselbieter: Ein Stück weit sind wir ja ohnehin alle Basler. Die übrige Schweiz sieht uns jedenfalls so, wie ich immer wieder feststelle. Und im Stadion beim FCB sind wir ebenfalls alle Basler, wobei ich gerne feststelle, dass die Spieler aus der Region in den letzten Jahren in der Mehrzahl aus dem Baselbiet stammen. An meiner eigenen Biografie lese ich etwas ab, was auf viele Menschen in der Region zutreffen dürfte: Ich bin in Basel zur Welt gekommen, im Baselbiet aufgewachsen, in Muttenz ins Gymnasium gegangen und habe später wiederum in der Stadt studiert. Später war ich für den Kanton Baselland beruflich tätig und für den Kanton Basel-Stadt, nun bin ich Regierungsrat im Landkanton. Die Lebensrealität, die Art, wie wir uns in der Region bewegen: Das ist heute schon «Ein Basel».