Es war in der zweiten Klasse. «Eigentlich war ich eine brave Schülerin», sagt Regula Meschberger rückblickend. Sie erinnert sich genau an den Tag, an welchem die Lehrerin einem Erstklässler eine Ohrfeige verpasste. Zweitklässlerin Regula stand auf und sagte: «Das machen Sie nie mehr.»

Den Sinn für Gerechtigkeit hatte sie früh von ihrem Vater am Küchentisch aufgenommen. Als Eisenbähnler und Gewerkschafter trug der Münchensteiner immer solidarische Gedanken mit sich. Meschberger hat diese Einstellung bewahrt und auf ihren Lebensweg mitgenommen.

Gemacht für trockene Materien

Am vergangenen Donnerstag erhebt sich die 66-Jährige ein letztes Mal von ihrem Landratssessel. Der gesamte Landrat tut es Meschberger gleich und applaudiert ihr. Die SP-Grande-Dame verlässt nach einer Laudatio die kantonale Polit-Bühne. Es ist ein emotionaler Abgang, nach 15 Amtsjahren als Landrätin. «Sie politisierte nicht auf den Mann oder die Frau, sondern mit grossem Sachverständnis», sagt Ratspräsidentin Elisabeth Augstburger in ihrer Würdigung.

Meschberger lässt los, schliesst ein Kapitel. Aber ihre Lebensaufgabe ist nicht beendet. Das sagt sie kurz vor der offiziellen Verabschiedung im Gespräch, ganz oben im Regierungsgebäude. Meschberger will lieber in der Landeskanzlei über ihre Laufbahn reden als in einem Kaffee. «Es gibt es schönere Orte. Aber es ist mein politisches Daheim», sagt sie im dunklen Sitzungszimmer, in das kaum Sonnenlicht fällt.

Es war 1973. Als frischgebackene Mutter trat Meschberger mit 21 Jahren der sozialdemokratischen Partei bei. Politik gehörte im Hause Meschberger zur Tagesordnung. Ehemann Peter Meschberger amtete als Landrat. Regula Meschberger unterbrach das Jus-Studium Mitte zwanzig, als die zweite Tochter zur Welt kam.

Sie begann, sich in politischen Ämtern einzusetzen, diente in der Fürsorgebehörde. Heute ist sie sicher: «Wenn ich mein Studium früher abgeschlossen hätte, wäre ich vermutlich Anwältin geworden.» Das Lizenziat holte Meschberger nach, als die vierte Tochter eingeschult war.

Nach dem Uni-Titel arbeitete die Mutter auf dem Schulsekretariat und in der Schulverwaltung. Nebenbei politisierte sie immer mehr. 1980 schnupperte Meschberger im Verfassungsrat erstmals Parlamentsluft. «Hierbei kam meine juristische Ader sehr zum Tragen», sagt Meschberger. Es sollte der Wegweiser zur politischen Karriere sein.

Es war 2003. Das Baselbiet wählte die SP-Frau in den Landrat. Besonders gern erinnert sie sich an die Zeit von 2003 bis 2007, als sie die Neuschreibung des Einführungsgesetzes mitgestaltete. Dieses basierte auf die durch den Bund neu erlassenen Straf- und Zivilgesetzbüchern.

Trockene Materien empfand sie nie als solche. Meschberger bearbeitete Sachthemen mit Herz. Wo sie sich mit Menschen habe austauschen können, sei sie erfüllt gewesen. Die Birsfelderin dachte immer einen Schritt weiter. Auch nach Niederlagen. Eine solche erlitt die Landrätin 2007. Als amtierende SP-Kantonalpräsidentin scheiterte sie in der Regierungsratswahl. Die SP trat damals mit einem Dreierticket an. Nur Urs Wüthrich konnte sich als Bisheriger in der Kantonsexekutive halten – Eric Nussbaumer scheiterte ebenfalls. «Heute wäre eine solche Strategie wohl undenkbar», sagt Meschberger.

Der soziale CVP-Flügel, der fehlt

So blieb es der Birsfelderin verwehrt, über die kommunale Ebene hinaus, in der Exekutive zu wirken. Noch heute ist Meschberger im Gemeinderat ihrer Heimatgemeinde. Ein Amt, das sie mindestens bis zum Ende der Legislatur weiterführen will. Wie viel es ihr bedeutet, zeigte sich vor sechs Jahren. Sie gab ihre Stelle als Schulleiterin auf, um Gemeinderätin zu bleiben. Das Kantonsgericht hatte entschieden, die beiden Ämter liessen sich innerhalb der gleichen Gemeinde nicht vereinen.

Im kantonalen Politgeschäft erarbeitete sich Meschberger als Arbeiterin einen Namen. Besonders die Kommissionstätigkeit habe sie erfüllt, sagt sie. Im konservativen Baselbieter Parlament war sie als Sozialdemokratin stets missgünstigen Mehrheitsverhältnissen ausgesetzt. Meschberger meint aber, dass dieser Aspekt sie kaum frustriert habe: «In der Kommissionsarbeit ist immer etwas möglich.» Und doch stellt sie auch fest: «Heute ist es schwieriger, linke Mehrheiten zu bilden. Früher hatte die CVP noch einen starken sozialen Flügel.» Erschwerend kommt für die SP hinzu, nicht in der Regierung vertreten zu sein.

Landratspräsidentin Augstburger erklärte in der Abschiedsansprache, warum sich Meschberger über die Parteigrenzen Respekt und Anerkennung verdient hat: «Als Kommissionspräsidentin konzentrierte sie sich auf Inhalte, nahm sich zurück und setzte den Fokus auf die Moderation.»
Meschberger lacht, als sie erzählt, wie sie nach aussen hin als ruhige Person wahrgenommen werde. Denn selbst beschreibt sie sich als «impulsiven Menschen». Nur nahestehende Parteikollegen hätten ihre Emotionen gespürt und jeweils gesagt: «Jetzt hast du eines deiner besten Voten gegeben.»

Adil Koller erinnert sich an 2015: «Sie hatte das «Regula-Meschberger-Strahlen in den Augen, wie immer, wenn sie von einer Herausforderung angesteckt wurde.» Damals baute die erfahrene SP-Frau den jungen Politiker zum neuen Parteipräsidenten auf. «Es hat gerade gefunkt und ich habe zugesagt, obwohl es gemessen an meinen Ressourcen wahnwitzig war», sagt Meschberger. Sie wurde für Koller auch persönlich zu einer Bezugsperson.

Auch die Schulleiterin Meschberger war und ist begehrt. Nie musste sie sich um eine Stelle bemühen, die Anfragen kamen jeweils von den Schulen. Ihr neustes Projekt führt sie an der Sekundarschule Dorneckberg in Büren. Dort beweist die Sozialdemokratin ihr Gespür für Krisen. Nach vielen Wechseln will Meschberger mit einer klaren Vision die Ruhe zurückbringen. «Die Schule braucht Konstanz, ich will der Administration mehr Kompetenzen übertragen», sagt Meschberger. Sie schiebt hierfür ihre Pension ein weiteres Jahr hinaus.

Doch dann soll mehr Zeit für die 13 Grosskinder bleiben. Es war vor drei Jahren in Südfrankreich. Gemeinsam mit ihrem Ehemann und fünf Grosskindern weilte sie in den Ferien. Nach heftigen Niederschlägen stieg das Wasser rasant an, die Familie versuchte, sich im Wohnwagen in Sicherheit zu bringen. «Ich setzte die Grosskinder auf den Tisch, das Wasser stieg bis zur Tischkante an», sagt Meschberger. Dieser Schreckmoment habe ihr klar gemacht, wie wichtig ihr die Familie sei.

Den Landrat verlässt Meschberger mit einer hauchdünnen Niederlage. Das Nein zu abgefederten Rentenverlusten schmerzt die SP-Frau. «Angriffe auf das Staatspersonal ertrage ich nicht», sagt sie. Der Service-Public-Gedanke sei im Kanton wegen der Sparmassnahmen verloren gegangen. «Wir müssen überlegen, wie wir mehr Sitze gewinnen können.» Aber Meschberger bleibt auch nicht stehen, wenn die Enttäuschung gross ist.